28.02.2018   von rowohlt

Als Europa den Atem anhielt

1918/19: Andreas Platthaus über das Schicksalsjahr zwischen der deutschen Niederlage und dem Vertrag von Versailles

© akg-images
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Der September 1918 sollte endlich den Sieg bringen – mit der letzten großen Offensive des deutschen Heeres. Es kam anders. Mit dem Waffenstillstand vom November 1918 war der Erste Weltkrieg keineswegs beendet. Die Zeitgenossen erlebten, wie eine Welt umgestürzt wurde. Und stritten mit allen Mitteln um die Frage, wie eine  Nachkriegsordnung aussehen sollte: eine kommunistische Volksherrschaft, eine gemäßigte Republik?
Waffenstillstand, Novemberrevolution, Republikgründung, Münchner Räterepublik und Versailles: Andreas Platthaus schildert in seiner packenden Analyse den Krieg nach dem Krieg und den Anfang einer schrecklichen Moderne. Jenen historischen Moment, in dem für einen Augenblick alles möglich schien, bevor auf verhängnisvolle Weise die Weichen für die Zukunft gestellt wurden.

DAS INTERVIEW


US-Präsident Woodrow Wilson begründete den Kriegseintritt der Vereinigten Staaten mit dem berühmten Satz: «Ich verspreche Ihnen, dass das der letzte Krieg sein wird – der Krieg, der alle Kriege beendet.» Das war im April 1917. Sind die Siegermächte keine zwei Jahre später mit dem Versailler Vertrag sehenden Auges in die nächste Jahrhundertkatastrophe hineinmarschiert, Stichwort «Demütigung als Prinzip»?
Sehenden Auges sicher nicht, denn Wilson hatte die besten Absichten. Aber das hatten die anderen Beteiligten an der Pariser Friedenskonferenz, die den Vertragstext ausgehandelt hat, für ihre jeweiligen Staaten auch, und aus dieser unterschiedlichen Interessenlage konnte nichts Versöhnliches entstehen. Das haben viele Delegierte,  unter anderem auch der britische Ökonom John Maynard Keynes, sofort bei Lektüre des Vertrages festgestellt. Trotzdem hofften die Amerikaner auf die Kontroll-Instanz des neuen Völkerbundes. Aber als sie dann selbst den Vertrag gar nicht ratifizierten und also auch der vorgesehenen Kontrollinstanz Völkerbund nicht beitraten, war der Vertrag faktisch gescheitert, weil die wichtigste Macht fehlte.


Gab es für die deutschen Kriegsverlierer, denen die Alleinschuld am Ausbruch des Ersten Weltkriegs zugeschrieben wurde, auch nur den Hauch einer Chance auf einen «ehrenvollen Frieden»?
In dem Moment, als ihnen die «Alleinschuld» zugeschrieben wurde, nicht mehr, denn damit betrachteten sie sich selbst als ehrlos gestellt. Diese Formulierung hat für viel mehr böses Blut in Deutschland gesorgt als die Gebietsverluste oder die Reparationszahlungen. Dabei war sie nur in den Vertrag gekommen, um Franzosen und Briten die vorgesehenen deutschen  Reparationszahlungen schmackhaft zu machen, denn diese beiden Staaten hatten noch viel mehr verlangt, und mit der Schuldthese bekamen sie eine Art moralische Kompensationszahlung. Allerdings hatte auch schon der Waffenstillstandsvertrag vom 11. November 1918 die Schuld der Mittelmächte am Kriegsausbruch festgeschrieben. Überrascht sein durfte also in Deutschland niemand.


«Versailles beginnt lange vor Versaiiles», schrieb der französische Romancier Éric Orsenna. In Ihrem Epilog «V wie Versailles» geht es um verschiedene Lesarten dessen, was «Versailles» bedeutet oder bedeuten könnte. War Versailles historisch, architektonisch und machtsymbolisch der perfekte Ort, um den Besiegten des mörderischen Waffengangs die Bedingungen für die Zeit danach zu diktieren?
Das war er sicher nicht – oder nur aus Sicht der Franzosen, die damit die Wunde von 1870/71 heilen wollten, als im Spiegelsaal von Versailles, also ihrer «besten Stube», das deutsche Kaiserreich proklamiert worden war. Die Deutschen fühlten sich dadurch 1919 doppelt gedemütigt, denn mit dem Friedensschluss wurden ihnen ja auch die Früchte des früheren Sieges wieder genommen. Hitler hat ja 1940 dann diese Demütigung noch einmal umgedreht, als er für das Waffenstillstandsabkommen mit dem geschlagenen Frankreich just jenen Salonwagen in Compiègne als Schauplatz wählte, der auch 1918 von Marschall Foch benutzt worden war. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich die deutsch-französische Symbolpolitik dann anders fort, aber immer auch an neuralgischen Plätzen der früheren Feindschaft: in Reins oder Verdun zum Beispiel.


Der Impressionist Claude Monet und Ministerpräsident Clemenceau waren über Jahrzehnte enge Freunde. Einen besonderen Platz in Ihrem Buch nimmt die Schenkung von Monets legendärem Seerosenzyklus («Nymphéas») an den französischen Staat ein. Was ist für Sie das Besondere, das Symbolische daran?
Monet versprach im Siegesrausch dem französischen Staat sein jüngstes Großprojekt: die Seerosen-Wandbilder, die heute in der Pariser Orangerie hängen. Es war aber mehr eine Gabe für Clemenceau, und aus den Schwierigkeiten, die die Schenkung dann machte, kann man ersehen, dass auch in Frankreich die Kriegshelden nicht auf alle Ewigkeit positiv gesehen wurden. Irgendwann legte niemand außer Clemenceau mehr Wert darauf, die Bilder zu bekommen – heute ist das unbegreiflich. Aber als dann endlich der Zyklus präsentiert werden konnte, interessierte sich in Paris kaum mehr jemand dafür. Ein schwerer Schlag für Clemenceau, der nach dem Versailler Vertrag sein Amt als Ministerpräsident verloren hatte.


Eines der großen Porträts Ihres Buches (neben dem Albert Einsteins) rückt Theodor Wolff, Chefredakteur des Berliner Tagblatt und Politiker der DDP, in den Fokus. Was hat Sie an ihm und seinen politischen Positionen in der Zeit zwischen Herbst 1918 und Sommer 1919 so gereizt?
Wolff ist ein Aushängeschild des liberalen Deutschlands, doch in den Monaten bis zum Versailler Vertrag wandelt es sich, obwohl er ein großer Frankreichliebhaber war, zum strammen Nationalisten – aus Enttäuschung über die Friedensbedingungen. Und wenn das einem derart vernünftigen Mann passierte, kann man sich leicht vorstellen, wie es naiveren Deutschen  gegangen ist.


Sie haben Bücher über 1813 (Leipziger Völkerschlacht) und jetzt über 1918/19 geschrieben; beides historische Einschnitte, in denen die Weichen für ganze Jahrzehnte gestellt wurden. Gibt es noch eine andere historische Zäsur, die Sie zu einer Tiefenrecherche animieren könnte (es müssen ja keine totgerittenen Daten wie 1968 oder 1977 sein …)?
Mich reizt tatsächlich noch etwas, dass auch ein Einschnitt ist (oder genauer gesagt, sind es deren zwei), doch dabei ist Politisches nur indirekt im Spiel und Militärisches gar nicht. Es wäre ein Buch über einen ästhetischen Bruch, aber es ist noch zu früh, darüber etwas zu sagen.

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