28.01.2016   von rowohlt

New York, eine Metafiktion?

«Ben Lerners New-York-Roman ‹22:04› ist brillant und sich seiner Absurdität bewusst» (Georg Diez, Spiegel Online)

© iStockphoto.com
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Ein phänomenaler New-York-Roman: herausfordernd, modern, kompromisslos, mitreißend. Ein wildes Buch von «schwindelerregender Magie» (The New York Times), in dem es um jede Menge großer Themen geht: um Freundschaft, Liebe, Familie und Kinderkriegen, um Politik und Naturgewalten, um Schreiben, Kunst und konkurrierende Fiktionen. Um unsere Gegenwart und unsere Zukunft. «Ein kleines Meisterwerk: eine bestechend kluge, anspielungsreiche Metafiktion» (WDR5 Bücher) – Ben Lerners neuer Roman «22:04» zeigt, warum er in den USA als begnadeter Lyriker und visionärer Romancier gefeiert wird.

Stimmen zum Buch


Jeffrey Eugenides: «Jeder, der sich für ernsthafte zeitgenössische Literatur interessiert, sollte Ben Lerner lesen, und ‹22:04› ist das perfekte Buch, um damit anzufangen.»
Christopher Schmidt, Süddeutsche Zeitung: «Ein scharfsichtiges Stück Hornbrillenliteratur. ‹22:04› ist leuchtende Großstadtprosa gewordene Prokrastination und im besten Sinne ‹ein klein wenig anders›.»
The New York Times: «Wie bei Karl Ove Knausgård geschieht in seinen Romanen zugleich alles und nichts. Aus kleinen Momenten erwächst schwindelerregende Magie.»
Gregor Dotzauer, Der Tagesspiegel: «Dieses Endlichkeitsthema … hat den Stoizismus von Buster Keaton und den Schalk der Gebrüder Coen, einen intellektuellen Scharfsinn, der gerade vor dem Alltäglichen nicht haltmacht, und die sprachliche Genauigkeit und Assoziationskraft des erfahrenen Lyrikers.»
Georg Diez, Spiegel Online: «Ein glänzend zu lesender, aber im Detail äußerst referenzbeladener Roman. Denn Lerner strengt sich ordentlich an, die Formen des Genres Roman zu testen und die Grenzen dessen zu erweitern, was hineinpasst.»

«Nie hat es eine spannendere Zeit gegeben, in der man leben konnte»


Der Held vom Ben Lerners Roman heißt – kaum zufällig – auch Ben: ein 33-jähriger Brooklyner Schriftsteller, der dank seines von der Kritik gefeierten Romanerstlings (und einer im New Yorker publizierten Kurzgeschichte) einen exorbitant hohen, nämlich sechsstelligen (!) Verlagsvorschuss für seinen zweiten Roman angeboten bekommt. Autobiografische Referenzen hin oder her: Der wahre, nicht-fiktionale Ben (Lerner) war nicht nur der jüngste Finalist für einen National Book Award auf dem Gebiet Lyrik und Guggenheim-Stipendiat, er erhielt auch mit dem MacArthur Genius Grant den höchstdotierten Literaturpreis der USA: 625.000 Dollar, verteilt auf fünf Jahre – summa summarum ganz schön sechsstellig!


Die Zerbrechlichkeit der Existenz, die Konfrontation mit dem Unkalkulierbaren, Bedrohlichen, das ist bei Ben Lerner auf jeder Seite zu spüren. Bei einer neurologischen Untersuchung werden bei seinem Ich-Erzähler Ben Symptome des Marfan-Phänotyps diagnostiziert (an dem übrigens auch der Autor leidet), einer potentiell lebensbedrohlichen Bindegewebsanomalie: die Aortawand kann reißen, die Hauptschlagader platzen.


Bedrohung hat viele Gesichter, innere und auch machtvolle äußere: Ein gewaltiger Wirbelsturm rollt auf New York zu. Die Menschen reagieren nervös, manche panisch, viele apathisch. Überhaupt scheint es mit der Welt bergab zu gehen. Superstürme, Überschwemmungen, Stromausfälle, Terrorattacken. Was wird die Zukunft bringen?


Bei langen Spaziergängen durch Brooklyn und Manhattan erfährt Ben von seiner alten College-  und Herzensfreundin Alex, wie sehr sie sich von ihm ein Kind wünscht – in aller Freundschaft, also ohne Sex: durch künstliche Befruchtung («Mit dir zu vögeln wäre bizarr»). Er ist einverstanden, sogar die Kosten der Insemination will er übernehmen, aus schlechtem Gender-Gewissen oder weshalb auch immer. Vielleicht genau deshalb: weil es ein Zeichen setzt gegen die Resignation, weil es ein Stückchen Zukunft ist, ein Hoffnungsschimmer.

Am Rande der Fiktion


Der Titel «22:04» ist eine Anspielung auf Bens Lieblingsfilm «Zurück in die Zukunft». Er bezieht sich auf den Moment, als ein Blitz in der Rathausturmuhr einschlägt und Marty (Michael J. Fox), der Zeitreisende des Science-Fiction-Komödie, aus den 1950er Jahren zurück in die (von ihm aus gesehen) Zukunft reisen kann.


Im Gespräch mit Thomas David (vgl. FAZ v. 23.1.2016) wird klar, weshalb Ben Lerner sich in der Tradition von Schriftstellern wie W. G. Sebald, Javier Marias und Alexander Kluge sieht. Fiktion ist für ihn ein Mechanismus der Sinnstiftung. «Kein Eskapismus, sondern eine Technik, mit der wir unsere Erfahrungen ordnen. Man sollte also nicht zwischen Realität und Fiktion unterscheiden, sondern nur zwischen unterschiedlichen, einander durchdringenden und überlagernden Fiktionen, die sogar eine scheinbar ganz reale Stadt wie New York zu einer Fiktion im eigenen Leben machen.» Genau davon erzählt «22:04»: wie nämlich Menschen, die begreifen, dass das, was sie für ihr Leben gehalten haben, eine Fiktion ist, von einem Schwindelgefühl erfasst werden. Weil es ist, als würde man um eine Ecke biegen und urplötzlich in einen Abgrund starren.


«Es wurde allmählich kalt. Im Osten, zwischen den dunklen Hochhäusern des Finanzdistrikts, sahen wir einen hellen Schimmer wie das Aufleuchten irgendeines Tiers. Später sollten wir erfahren, dass er von Goldman Sachs ausging, und Fotos sehen, auf denen eines der wenigen beleuchteten Gebäude der Skyline das der Investmentbank war, ein Bild, das ich für den Schutzumschlag meines Buches verwenden würde – nicht desjenigen über Betrügerei, das zu schreiben ich vertraglich verpflichtet war, sondern desjenigen, das ich an seiner Stelle für Sie, an Sie, genau am Rande der Fiktion geschrieben habe.»


Formal ist «22:04» mehr wie ein Album denn als konsistente Erzählung angelegt. Der Roman besteht aus fünf Teilen (darunter die Erzählung: «The Golden Vanity», die bereits in The New Yorker veröffentlicht wurde); bebildert ist Lerners Buch mit einem Dutzend referentieller Schwarz-Weiß-Bilder – vom Standfoto aus dem Film «Zurück in die Zukunft» bis zu  Paul Klees legendärem Gemälde «Angelus Novus».


Er sei nun mal kein Mann für literarische Wälzer, sagt Ben Lerner im Welt-Interview mit Hannes Stein. «Ich verweigere tatsächlich den ganz großen epischen Rundumschlag, das 800-Seiten-Buch, in das man dann eine ganze Zeit oder Gesellschaft hineinpackt. Allerdings liegt das auch daran, dass ich bisher nur Ich-Geschichten geschrieben habe …»

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