03.03.2016   von rowohlt

Alles eine Sache der Planung? Von wegen!

«In einer Welt, die nicht planbar ist, ist die einzige Erfolgsstrategie: ausprobieren!» Vince Eberts humorvolles Plädoyer für den Zufall

© ANY. Konzept und Design; Frank Eidel (Autorenfoto)
© ANY. Konzept und Design; Frank Eidel (Autorenfoto)

Mit Wortwitz und Komik begeistert der Wissenschaftskabarettist sein Publikum. Seine Bücher «Denken Sie selbst! Sonst tun es andere für Sie», «Machen Sie sich frei! Sonst tut es keiner für Sie» und «Bleiben Sie neugierig!» waren allesamt Bestseller. In «Unberechenbar» räumt Ebert mit einem modernen Mythos auf, dank dessen sich nicht wenige Ratgeber-Gurus goldene Nasen verdient haben: mit dem Unfug nämlich, alles sei plan- und berechenbar und jeder seines eigenen Glückes Schmied. Wer dieses scharfsinnige, charmante und lustige Buch gelesen hat, weiß, wie viel in unserem Leben dem Zufall geschuldet ist, egal was die «Tschakka-du-schaffst-das-Typen» uns weismachen wollen. 


In vier großen Kapiteln (Privatleben, Arbeitswelt, Wissenschaft, Zukunft) wird anhand einer Fülle von Beispielen das Wechselspiel von Planung und Zufall durchgespielt. Ob es um Partnerschaft geht («Liebe ist wie die Zahl Pi»), um Karriere («Guru ist kein Ausbildungsberuf») oder um Kreativität («If nothing goes right, go left») – überall hält Vince Ebert unserer planungsfixierten Gesellschaft den Spiegel vor und macht sich einen Spaß mit dem deutschen Hang zur Überregulierung.


Wirkliche Erfolgsformeln gibt es nicht, auch nicht im Fußball (obwohl Trainerkoryphäen wie Thomas Tuchel und Pep Guardia genau daran zu arbeiten scheinen). Dennoch spendiert Vince Ebert uns am Ende seines wunderbar unterhaltsamen neuen Buches ein paar Hinweise auf jene Faktoren, die die Wahrscheinlichkeit  für Glück, Zufriedenheit und Erfolg in unserem Leben deutlich erhöhen. Hier sind sie, die acht Zutaten …

Mut, Timing, Leidenschaft

MUT. Den hat mir vor allem mein ehemaliger Mitbewohner Frank ‹Porsche› Pahl vermittelt. Zunächst waren seine Bremsscheiben- und Kaviar-Geschäfte nichts weiter als fixe Ideen für mich. Im Laufe der Zeit erkannte ich jedoch, dass es enorme Courage erfordert, sich auf unbekanntes, unsicheres Terrain zu wagen. Anfangs habe ich ihn belächelt. Aber nur, weil ich damals selbst nie den Mut aufgebracht hätte, etwas Ähnliches zu probieren. (…) Wir haben alle haben Angst vor neuen Situationen und einen starken Drang zum Festhalten am Gewohnten. Das ist per se nichts Schlimmes … Dabei ist Mut zu haben relativ leicht. Jeder von uns hat Momente, in denen er Dinge tut, die andere niemals wagen würden – und umgekehrt. Es gibt Menschen, die im Februar in einen See springen, um eine Katze vor dem Ertrinken zu retten, sich aber nicht trauen, ihrer Frau zu sagen, dass sie sie lieben. Mein Opa hat selbst in der Nazizeit nie Angst gehabt, seine Meinung zu sagen, brachte aber nicht die Courage auf, Autofahren zu lernen.»


TIMING. «Carpe diem: Für viele ist dieser Spruch lediglich eine Aufforderung, Gott einen guten Mann sein zu lassen und sich stattdessen schon morgens um 11 das dritte Pikkolöchen hinter die Binde zu kippen. ‹Et kütt, wie et kütt›, sagt die Kölner Frohnatur und zelebriert dabei eine abstruse Mischung aus Party und rheinischem Buddhismus. In seiner Urform bedeutet der Spruch allerdings das genaue Gegenteil. Horaz appellierte, den Tag bewusst zu nutzen, Gelegenheiten nicht verstreichen zu lassen, sondern beim Schopf zu packen. (…) Das Leben ist zu kostbar, um es mit unwichtigen Details zu verschwenden.»


LEIDENSCHAFT. «Selbst ein kreativer Beruf ist keine Garantie für Spaß und gute Laune. Durch Valerie habe ich Schauspieler kennengelernt, die ihre Rollen wie einen Job im Einwohnermeldeamt wahrgenommen haben, und Regisseure, die bei jeder Produktion mit immer denselben abgedroschenen Tricks arbeiteten. Gleichzeitig sehe ich Menschen wie meinen Controller-Freund Jürgen, die beim Erstellen ihrer Umsatzsteuer-Voranmeldung vor Glück fast durchdrehen. Wenn nach 432 aufgeführten Posten der Gesamtbetrag bis auf den Cent genau stimmt, ist Jürgen selig. (…) Egal, was man tut, man sollte es mit Leidenschaft tun!»

Ausdauer, Bescheidenheit, Widerstandsfähigkeit

AUSDAUER. «Das vielleicht wichtigste Kriterium auf dem Weg zum Glückspilz ist Ausdauer. Geduld und Durchhaltevermögen sind entscheidend für fast jede Form von Erfolg und Zufriedenheit. Selbst Jogis Jungs haben acht lange Jahre gebraucht, um ihr großes Ziel zu erreichen. (…) Natürlich sind manche Ziele auch mit größtmöglicher Ausdauer nicht zu erreichen. Ab und an können äußere, unberechenbare Umstände selbst dem Fleißigsten einen Strich durch die Rechnung machen.  ‹Was kann man gegen Ameisen in der Küche tun?›, fragte ich neulich einen Kammerjäger. Seine Antwort: ‹Ausziehen.›»


BESCHEIDENHEIT. «Es ist nicht lange her, da war es unter Investmentbankern Usus, dem Taxifahrer, der nach dem Fahrziel fragte, zu antworten: ‹Ist egal. Ich werde überall gebraucht.› Kurz danach fiel Lehman Brothers. (…) Eine schlichte Lebensweise erzeugt Vorteile. Um die Welt zu verändern, benötigt man ohnehin keine oberflächlichen Protzereien. Jesus brauchte bei seinen Auftritten keine Vorgruppe und auch keine Pyrotechnik. Mutter Teresa besaß keine Rolex, Gandhi fuhr nicht Porsche, sondern höchstens Rikscha.»


WIDERSTANDSFÄHIGKEIT. «Die Zukunft ist unberechenbar. (…) Mein Freund Jürgen hatte sein ganzes Leben geplant und durchgerechnet. Er wusste genau, an welchem Tag im Jahr 2051 sein Reihenhaus in Hanau-Bruchköbel abbezahlt sein wird und mit wie viel Euro er wann in Rente gehen kann. Er rechnete mit dem jährlichen Bonus, den üblichen Gehaltserhöhungen und der stufenweisen Teilzeitwiedereingliederung seiner Frau. Nur mit dem attraktiven Marketingleiter aus ihrer Abteilung rechnete er nicht. (…) Der Drang nach immer effizienterer Lebensoptimierung ist absurd. Wir rasen mit über 100.000 Kilometern um einen riesigen Feuerball durch das Universum und glauben wirklich, wir hätten den laden im Griff. Das ist lächerlich.»

Ehrlichkeit, Dankbarkeit

EHRLICHKEIT. «Die Wahrheit ist: Wir sind nicht immer unseres Glückes Schmied. Man kann alles richtig machen und trotzdem auf die Nase fallen. (…) Diese Unberechenbarkeiten auszuhalten ist nicht leicht. Aber es wird umso schwerer, je mehr man sie ignoriert und glaubt, durch das sture Befolgen dubioser Erfolgstipps tatsächlich Erfolg zu haben. Deswegen plädiere ich statt für die etwas naive Think-positive-Strategie lieber für die Pizza-Margherita-Taktik: Erwarte nichts, dann wirst du im Zweifel positiv überrascht.»


DANKBARKEIT. «Zugegebenermaßen hat das Abwälzen von Verantwortung und die Suche nach einem Prügelknaben eine lange Historie. ‹Die Ernte ist schlecht, das Wetter ist hundsmiserabel – die Götter hassen uns! Irgendeiner muss schuld daran sein. Hey, da kommt Karlheinz. Lasst uns ihn umbringen.› Wir leben in einem der freiesten Länder dieser Erde und haben eine Armutsquote, um die uns die gesamte Welt beneidet. Trotzdem sind viele der Ansicht, das Leben schuldete ihnen etwas. (…) Ganz ehrlich, es hätte schlimmer kommen können. Deswegen finde ich, ein einfaches ‹Danke schön, Schicksal!› wäre an dieser Stelle angemessen.»

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