30.05.2017   von rowohlt

«Alle werden erlöst. Alle werden erlöst.»

Einsamkeit, Rausch, Kompromisslosigkeit: Der große US-amerikanische Schriftsteller Denis Johnson ist tot

© Cindy Lee Johnson
© Cindy Lee Johnson

«Fast konnte man den Eindruck gewinnen», schreibt Wieland Freund in seinem Nachruf, «dass Denis Johnson nach Jahren in der Hölle auf einer Erde angekommen war, von der er sich nicht gleich wieder wegwünschte. Es wäre schön, er wäre noch geblieben.» Mit Werken wie «Engel», «Jesus' Sohn», «Train Dreams», «Der Name der Welt» und «Die lachenden Ungeheuer» zählte der 1949 als Sohn eines amerikanischen Besatzungsoffiziers in München geborene Denis Johnson zu den wichtigsten Autoren der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Für sein 900-seitiges Vietnamkrieg-Epos «Ein gerader Rauch» erhielt er 2007 den National Book Award. Am 25. Mai 2017 ist Denis Johnson im kalifornischen Sea Ranch, Sonoma County, gestorben.


Denis Johnson (in einem Interview mit Gregor Dotzauer aus dem Jahr 2003): «Die Apokalypse ist die beste Art und Weise, sich die persönliche Auslöschung vorzustellen. Wenn ich an meinen Tod denke, stelle ich mir das Zimmer, in dem wir gerade sitzen, ohne mich vor. Aber Sie sitzen noch hier, und der Tisch steht noch da. Am Ende der Welt ist niemand mehr von uns da.»

Aus den Nachrufen zum Tod von Denis Johnson


«Sein Werk war offen für sämtliche Gattungen; die Kolportage hatte darin ebenso Platz wie die Gothic Novel oder die klassische Erzählung … Johnson beherrschte die kurze und die lange Form, das Gedicht, die short story und den Roman. Und er schrieb in einer niemals pathetischen, aber stets hoch aufgeladenen Sprache voller überraschender Bilder und von großer Schönheit, in der seine Endzeitszenarien wie Verheißungen erscheinen konnten.» (Christoph Schröder, Zeit Online) 


«Johnson fehlte die gutmütige Seite bei aller gesellschaftskritischen Schärfe, und das lag an seinen Lebenserfahrungen, die den 1949 als Sohn eines amerikanischen Geheimdienstlers in München geborenen Schriftsteller in den sechziger Jahren an den Rand des Todes gebracht hatten: durch Drogen.» (Andreas Platthaus, F.A.Z.)


«Als Protokollant des Elends – ökonomisch, psychisch, politisch, moralisch – hat Denis Johnson keine Kompromisse und keine Gefangenen gemacht. Er hat über kleine Ganoven und kaputte Gis, gefallene Mädchen und traurige Junkies geschrieben; er hat sie nackt und verzweifelt gezeigt und schwer von vielerlei Schuld beladen.» (Wieland Freund, Die Welt)


«Das ist die Provokation, die Denis Johnsons große Romane für ihre Leser bereithalten. Seine Bücher sind vieles, aber keine Abgesänge auf die Zivilisation. Gerade, wo ihnen die Verhältnisse zerbrechen und die Welt abhandenkommt, scheint es, als beträten seine Figuren ihr natürliches Habitat. Da erscheinen sie zwar als unerlöst, aber viril.» (Christoph Fellmann, Süddeutsche Zeitung)


«Denis Johnson war einer der größten Autoren seiner Generation. Er schrieb Prosa mit der phantasievollen Kraft und Empathie des Dichters, der er war.» (Jonathan Galassi, Präsident von Johnsons Verlag Farrar, Straus & Giroux)


«Da ist eine merkwürige Religiosität, die blitzartig in Obszönität umkippen kann, eine metaphysische Aufladung des Alltags, die sehr schwarz, sehr grausam und manchmal auch sehr komisch ein kann. In der gewalttätigen Schönheit von Johnsons Prosa spiegelt sich das im Zusammenprall von kraftvollen lyrischen Passagen und hartem Slang.» (Peter Körte, F.A.S.)

«Tell me how does it feel / With no direction home / Like a complete unknown …»


Über Denis Johnsons 1983 erschienenen Debütroman «Engel» schrieb Die Welt: «Ein Klassiker schon jetzt, ein Lese-Muss.» Die Geschichte steuert unerbittlich auf die Hinrichtung zweier Todeskandidaten im Gefängnis von Florence zu, von Bill Houston und Richard Clay Wilson. Wer noch nie etwas von Denis Johnson gelesen hat und daher nicht weiß, was sie oder er verpasst – hier die letzten Zeilen des von Bettina Abarbanell übersetzten Romans:


«Die meisten seiner Mandanten landeten in Florence. Er hatte eine Menge Zeit hier verbracht. Und er würde noch viel öfter hier sein, in dieser Stadt aus gelangweiltem Schmutz, die hauptsächlich aus einem augenblicklich hitzeflimmernden Gefängnis bestand, einer Stadt, in der es immer ruhig war, abgesehen von den Geräuschen des Windes, der aus der Wüste kam, und der Seile, die gegen die Fahnenmasten schlugen, und wo jeden Abend das schillernde Gesicht Elvis Presleys auf Samt die Dämmerung erklomm, um zu allen bankrotten Cafés zu sprechen.


Fredericks hatte gehört, daß die Gefangenen eine Geschichte hatten: Jeden Abend, monatelang, hatte um Punkt neun Uhr in einem Fenster der Stadt ein Licht gebrannt, das nur für die Männer im oberen Stockwerk eines bestimmten Blocks sichtbar war, und jeder einzelne von ihnen konnte darüber nachsinnen und sich einbilden, es leuchte für ihn allein. Doch das war bloß eine Geschichte, etwas, was die Menschen sich erzählen, etwas, womit man sich die Zeit vertreiben kann, die die Gewalt in einem Mann braucht, um ihn zu verschleißen oder selbst verzehrt zu werden, je nachdem wer die Kerze ist und wer das Licht.»

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