04.01.2018   von rowohlt

Aharon Appelfeld ist tot

«Der wichtigste Chronist des NS-Völkermordes am europäischen Judentum in hebräischer Sprache» (Jüdische Zeitung)

© Marianne Fleitmann
© Marianne Fleitmann

Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, war Aharon Appelfeld sieben Jahre alt. Als Kind assimilierter jüdischer Eltern war er in Czernowitz zu Hause – der Stadt, in der «Bücher und Menschen lebten» (Paul Celan). Über Nacht war seine Kindheit vorbei. Die Mutter wurde zu Beginn der Kriegshandlungen ermordet; nach Monaten im Ghetto wurde der Junge  nach dem Todestreck durch die Steppen der Ukraine im Lager von seinem Vater getrennt. Wie durch ein Wunder überlebte er die Odyssee durch halb Europa; 1946 erreichte er Palästina. 
Aharon Appelfeld  – ein Schriftsteller aus Verzweiflung, «ein wichtiger Zeuge des vergangenen Jahrhunderts» (Imre Kertész) – ist am 4. Januar 2018 im Alter von 85 Jahren in der Nähe von Tel Aviv gestorben.

Schatten der Vergangenheit


Zu Appelfelds wichtigsten Werken gehören neben «Geschichte eines Lebens», «Ein Mädchen nicht von dieser Welt» und «Auf der Lichtung»  auch «Der Mann, der nicht aufhörte zu schlafen». Hier verarbeitet er eine der erschütterndsten Erfahrungen seines Lebens: den Verlust der Muttersprache. Erwin, der schlafende Junge im Roman, ist unverkennbar der Autor selber (unter diesem Namen wurde er 1932 in Jadowa nahe Czernowitz geboren). Schlafen ist für den Sechzehnjährigen auf seiner Flucht nach Palästina Schutz, Erholung und Kampf zugleich: das verzweifelte Ringen um seine Erinnerung. 


Im Schlaf, im Traum stemmt er sich gegen den Verlust dessen, was ihn ausmacht: die Erinnerungen an die geliebte Mutter, an ihre Sprache, an die Orte seiner Kindheit. Manchmal mussten ihn andere Flüchtlinge buchstäblich mitschleppen, in Zügen, auf Pferdewagen oder zu Fuß, wie es sein Vater vorher auf den Todesmärschen tat. Im Schlaf kann er festhalten, was er vor dem Vergessen retten will. «Manche Leute haben gedacht, der Schlaf wäre sein Untergang, aber die Vernünftigen haben gesagt, lasst den Jungen schlafen, er ist mit dem Schlaf verbunden, man darf ihn nicht von ihm trennen. Wenn es so weit ist, wird er aufwachen und so sein wie wir alle.»

«Wir leben in einem brennenden Rätsel»


Appelfeld war ein «schüchterner Erzähler» (Verena Auffermann). Einer, der Schuldzuweisungen ebenso vermied wie die abgenutzten Adjektive des Schreckens. Er fürchtete jedes falsche Wort, wollte die Geschichte seines Lebens nicht in «Kunst» verwandeln. In seinen früheren Romanen ließ er Stellvertreter sprechen, sie heißen Paul, Bruno oder Tlizi. Erst in seinem großen autobiografischen Buch «Geschichte eines Lebens» sagte er zum ersten Mal «ich» – ja, es ist die Geschichte meines Lebens. 


Wer als Kind traumatisiert wurde, muss mit seinen Erinnerungen sorgsam umgehen. Um sich den Erinnerungen zu stellen, muss vieles erst vergessen werden. Ließe das Kind alle Erinnerungen zu, würde es am Schrecken zerbrechen. Ghetto, Lager, Flucht, Tod, Angst, Hunger, Verlassenheit – wie soll ein kleines Kind als das aushalten, ohne für immer an seiner Seele Schaden zu nehmen? «Geschichte eines Lebens» handelt genau davon: vom lebenslangen Ringen zwischen Erinnern und Vergessen, dem verzweifelten Versuch, die Erinnerungssplitter zu einem Ganzen zu fügen: zu einem Leben mit Bedeutung.


«Gott haben wir in den Lagern nicht gesehen, gute Menschen schon.» Immer wieder traf er Menschen, die ohne zu zögern den Bedrängten und Bedrohten halfen, auch wenn sie damit vielleicht ihr eigenes Todesurteil unterschrieben – wie im Roman die Gebrüder Rauchwerger oder der Leiter der städtischen Blindenschule, der die Kinder Lieder singen lässt, um ihre Seelen gegen das Grauen zu immunisieren.


Sich selbst zu immunisieren hat Aharon Appelfeld nicht gelernt. «Seit Ende des Zweiten Weltkriegs sind bereits über fünfzig Jahre vergangen. Vieles habe ich vergessen, vor allem Orte, Daten und die Namen von Menschen, und dennoch spüre ich diese Zeit mit meinem ganzen Körper. Immer wenn es regnet, wenn es kalt wird oder stürmt, kehre ich ins Ghetto zurück, ins Lager oder in die Wälder, in denen ich so lange Zeit verbracht habe. Die Erinnerung hat im Körper anscheinend lange Wurzeln.»

Der schwarze Tunnel Krieg


Dass Appelfeld das barbarische Wüten der Deutschen und ihrer rumänischen Helfershelfer überlebte, gleicht einem Wunder.  Aus dem Internierungslager erfahren wir nur eine einzige Episode. Die ist aber so schrecklich, dass wir sofort verstehen, weshalb das Kind diese Zeit verdrängen will: Im Lager gab es einen Zwinger mit deutschen Schäferhunden, die systematisch auf Menschen abgerichtet waren. Ihnen warf man kleine Kinder vor, die in die Transporte geraten waren. «Eines Tages geschah etwas Unglaubliches: Die Hunde hatten bereits mehrere Kinder zerrissen, doch zweien taten sie nichts an. Die Kleinen standen sogar da und streichelten die Hunde …»


Das Kind lebte monatelang in den Wäldern, irrte herum, immer auf der Suche nach Schutz und Essbarem. Fand hier und dort Unterschlupf, ein Arbeitssklave, immer in der Gefahr, fortgejagt oder an die Deutschen verraten zu werden. Über Lager in Jugoslawien und Italien erreichte der Junge schließlich ein Schiff, das ihn 1946 mit Hunderten anderer Überlebender nach Palästina brachte. Schwerer als alles andere war es für ihn, den Neuankömmling, eine Sprache zu finden, seine Sprache. Dort, in dem fremden Land, das seine neue Heimat werden sollte. 


Wie alle Neuankömmlinge in den Kibbuzim und Jugenddörfern musste der Junge Hebräisch lernen: Worte ohne Wärme, Sätze, deren Klang keine Assoziationen weckten, eine Soldatensprache. Deutsch: Muttersprache, Hebräisch: Stiefmuttersprache. «Eine alte Sprache, die viel Schweigen in sich birgt. Kurze Sätze, sehr kurze Sätze und dann viel Schweigen. Das hat eine ganz eigene Musik.» Mit der Zeit begann er, Deutsch, die Sprache seiner Mutter, die auch die Sprache ihrer Mörder war, zu vergessen. «Die Sprache meiner Mutter und meine Mutter wurden eins. Als nun ihre Sprache in mir verlosch, spürte ich, dass meine Mutter ein zweites Mal starb.» 


«Die Träume sind geheime Tunnel, durch die wir zurückkehren, sodass wir einen Moment lang wieder sind, wer wir waren», heißt es in seinem 2000 erschienenen Roman «Die Eismine». Aharon Appelfeld hat einmal erzählt, er habe jahrelang den gleichen Traum geträumt. Wie er, der Junge, im Wald steht und nach seinen Eltern ruft, immer und immer wieder. Und irgendwann seien sie gekommen. In seinen Romanen und Erzählungen ist Aharon Appelfeld immer wieder in seine Kindheitslandschaften zurückgekehrt. Und natürlich nach Czernowitz, wo er in der gleichen Straße lebte wie der Schriftsteller Paul Celan, der auch ein Leben lang nach einer Zuflucht suchte.


Am 4. Januar 2018 ist Aharon Appelfeld im Alter von 85 Jahren in Givatayim, Israel, gestorben. Er wird uns fehlen. 

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