06.10.2018   von rowohlt

Von Brülläffchen und Trümmerfrauen, Langfingern und Hip-Hop-Schlampen

Ein neues Kompendium mit kleinen, listigen, fiesen, aber verdammt wirkungsvollen Erziehungstricks, die Eltern durch den Alltag helfen

© FinePic, München
© FinePic, München

Kinder lieben nicht nur Einhörner, sondern auch Bären. Darum sollte man ihnen hin und wieder ruhig einen aufbinden – mit Erziehungstricks, die ebenso originell wie wirkungsvoll sind. Wie der von Isa, die bei McDonald's in einem unbeobachteten Moment extra viel Salz auf die Burger streut, damit ihren Kindern der Appetit auf Fastfood vergeht. Oder die Idee von André, dessen feierfreudiger Sohn sich spätabends erst dann zuhause meldet, als sein Vater anfängt, die Besitztümer des offenbar auf ewig Verschollenen auf eBay zu versteigern. Jede Menge neue & nicht ganz legale Erziehungstricks, hinreißend illustriert von Mia L. Meier: zur Nachahmung empfohlen, Lachen garantiert!

«Nehmen Sie Ihr Kind mal wieder auf den Arm!»


Diese Erziehungstipps und -tricks
 decken so ungefähr jede Notsituation ab, in die Eltern geraten können. Und was heißt schon legal? Kennt man doch: legal, illegal sch … Hier einige Stichworte: Zahnputzstreik, Geh-weg-Gemüse-Schreierei, doofe Schwester, Grundnahrungsmittel Schokolade, Rauchzeichen, Tischmanieren, Junk-Food-Seuche, das Nur-ein-paar-Drinks-Ding, Marihuana, Fremdschämen, der Abfall-Fall, Trödeln, Kinderarbeit, Schulschwänzer, Schlafkrankheit …,


Zu den größten Freuden beim Lesen dieses wahrhaft alternativen Erziehungsratgebers zählen die kleinen Exkurse, etwa beim Thema Kinder und Haustiere. Da geht es um das Mädchen Marina, das hoch & heilig versprochen hat, sich Tag für Tag liebevoll um die Goldfische Schnecke (!) und Tobi (1) zu kümmern. Der kleine Seitenhieb folgt in Klammern, aber auf dem Fuß: «Hier muss mal die Frage erlaubt sein, warum Kinder bzw. Menschen im Allgemeinen Tieren beschämende Namen geben dürfen. Der Goldfisch kann sich juristisch nicht gegen ‹Schnecke› wehren. Vielleicht würde er lieber Roger heißen. Oder Markus. Gehört das nicht auf die Agenda der Tierschutzvereine?»


Zum Einlesen zwei Episoden aus dem ungemein lustigen Band. In der ersten geht es um einen beinharten Kampf, den sich Mutter Vera und Tochter Lina ums tägliche Zähneputzen liefern. (Rhetorisch ist die Kleine eine absolute Wucht, eine perfekte Nein-danke!-Virtuosin! Wer so ein Kind hat, wird sich nie-nie-nie langweilen …) Und die zweite Geschichte führt uns nach London, wo nach einem Städtebesuch Adrians Kuschelhase Schnuffel zurückgeblieben ist. Was für ein Drama: Schnuffel allein in der Millionenstadt (und das kurz vor dem Brexit …)

Putzmunter gegen Zähneputzen


Wer Menschen danach fragt, was für sie Glück bedeutet, der erhält nicht selten die Antwort: Das Lächeln eines Kindes. Vera kann das bestätigen: «Wenn meine Tochter sich mal wieder weigert, ihre Zähne zu putzen und dann lächelnd ausatmet, fall ich von dem Duft ohnmächtig hintenüber. Und wenn ich mir dabei nicht den Kopf anschlage, hab ich Glück gehabt.» Veras sechsjährige Tochter Lina hält regelmäßiges Zähne putzen für total überbewertet. Den eigenen Atem riecht sie nicht, und beim Blick in den Spiegel kann sie ihren blinkenden Beißerchen nur eine Note geben: Eins plus mit Sternchen. Vera wird klar, dass Logik und Pädagogik nicht die besten Kumpel sind, wenn ihre liebe Tochter das Zähneputzen mit genau dem Lächeln verweigert, das sie dem Zähneputzen verdankt.


Vera: «Lina, du musst dir die Zähne putzen.»
Lina, lächelnd: «Nein.»
Vera: «Lina, du bekommst Karies.»
Lina: «Nein, danke.»
Vera: «Nein danke? Das kann man sich nicht aussuchen, Karies bekommt man einfach.»
Lina: «Wir müssen ja die Tür nicht aufmachen.»
Vera: «Wann?»
Lina: «Wenn Karies gebracht wird.»
Vera: «Karies wird nicht gebracht.»
Lina: «Dann ist ja gut.»
Vera: «Nein, dann ist nicht gut. Karies bekommt man so oder so.»
Lina: «Ja, aber dann brauche ich doch auch nicht zu putzen!»
Vera: «Lina, wenn du jetzt nicht putzt, dann bekommst du bald Löcher in den Zähnen.»
Lina: «Wozu?»
Vera: «Wozu? Na, wozu die Löcher sind, weiß ich auch nicht.»
Lina: «Oh, aber ich weiß es! Das ist so wie beim Käse.»
Vera: «Ja?»
Lina: «Ja, da ist der gute Geschmack um die Löcher drum herum.»
Vera: «Nein, das schmeckt überhaupt nicht gut, und es riecht schlecht.»
Lina: «Dann will ich keine Löcher.»
Vera: «Sehr gut, dann putz dir jetzt die Zähne!»
Lina: «Nein, danke.»
Vera: «Willst du dir wirklich nicht die Zähne putzen?»
Lina: «Nein, danke.»
Vera: «Nein, danke? Immer nur nein danke? Eines Tages stehst du vorm Traualtar, du lächelst den Bräutigam ohne Zähne an, und weißt du, was der dann sagt?»
Lina, lächelnd: «Nein, danke?»
Vera: «Genau.»
Lina: «Mama?»
Vera: «Ja.»
Lina: «Was ist ein Bräu-Tiger?»
Vera: «Ein Bräu-Tiger? Das ist jemand, der mit einem Bier in der Hand länger auf dem Sofa sitzen kann als unsere Katze.»
Lina, begeistert: «Papa!»
Vera: «Äh … richtig.»
Lina: «Mama, dann hat Papa dich wegen deiner schönen Zähne geheiratet?»
Vera: «Ja, das hat er.»
Lina: «Ah, Gott sei Dank hat er dich genommen. Überleg mal, mit Karies wärst du noch immer alleine.»
Vera: «Na ja, ich …»
Lina: «Aber ich nicht, ich bleib nicht allein. Papa hat gesagt, eine wie ich muss sich nicht aufs Aussehen verlassen, denn ich hab auch was im Köpfchen.»
Vera: «Ähhh …»


Und der Trick: ein fieses, geradezu widerliches, monströs abstoßendes Gebiss mit schiefen, gelben und braunen Zähnen – ein Requisit aus einem Laden für Karneval- und Halloweenartikel. Und das Wunder geschieht …

Wo ist Schnuffel?


Kaum sitzen die Eltern Greta und Robert
mit Tochter Lina und Sohn Adrian im Flieger zurück aus London, ist klar: Dieser schöne kleine Familientrip endet in einer Katastrophe. Sie haben nicht etwa Adrians nervige neunjährige Schwester Lina vergessen, das hätte er gut verkraftet. Nein: Schnuffel! Sein Ein und Alles. Sein Kuscheltier. Unfassbar. Irgendwo in dieser riesigen Metropole ist dieser Schnuffelhase mutterseelenallein. Alle Beschwichtigungen helfen nichts. Adrians Befehl an die Stewardess ist unmissverständlich: «Wir müssen umkehren. Sofort! Wir haben Schnuffel vergessen.» Zu Hause kann sich Adrian noch immer nicht beruhigen.


Daraufhin ruft Greta im Hotel an, aber kein Schnuffel weit und breit. «Er muss irgendwo in London sein. Aber ich weiß nicht wo, tut mir leid», meint Greta. «Aber wenn ihm da was passiert. Er ist doch noch so klein. Der arme Schnuffel», klagt Adrian besorgt. Greta erkennt, dass Adrian sich selbst an Schnuffels Stelle sieht. Er selbst hätte auch Angst, allein zu sein. Also, was tun? Wie kann sie Adrian davon überzeugen, dass es Schnuffel (und damit auch Adrian) gut geht?


Und der Trick: Mama Greta hat eine fabelhafte Idee. Sie setzt sich an den Rechner, scannt ein Schnuffel-Bild ein und den Big Ben (London pur!). Und dann bekommt ihr schnuffelloser Kleiner eine wunderschöne Postkarte. Aus London, von Schnuffel – man stelle sich das mal vor! Und das schreibt der Schnuffelhase seinem besten Freund:


«Lieber Adrian, mach dir bitte keine Sorgen. Mir geht es sehr gut. Ich schaue mir London an. Diese Stadt ist für Schnuffelhasen wie gemacht. Adrian, ich muss dir etwas über uns Schnuffelhasen erzählen. Alle paar Jahre zieht es einige von uns hinaus in die Welt. Wir bleiben dann sehr, sehr lange fort. Aber immer, wenn einer von uns geht, kommt ein anderer zurück. Bei mir ist das mein Cousin Schnoffel. Ich bin mir sicher, ihr werdet gute Freunde. Mach's gut, Adrian! Dein Freund Schnuffel.»

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