30.06.2015   von rowohlt

Mit Ildikó von Kürthy über Hamburgs Sternschanze

Rasant und mit wunderbarem Witz erzählt Ildikó von Kürthy von einer Frau, deren Leben nach einer ebenso kuriosen wie rabiaten Trennung quasi bei Null wieder anfangen muss. Und das mit 43!

© Gisela Goppel / 2agenten
© Gisela Goppel / 2agenten

Was heißt hier Krise? Was Nicki Lubitz am Silvesterabend kurz vor Mitternacht in der Villa Stern zustößt, ist eine Katastrophe! Ein unbedachtes Telefonat mit Tom, ihrer Affäre, beendet ihre Ehe Knall auf Fall. Aber wer, verdammte Hacke, setzt sich zum Telefonieren auch direkt neben das eingeschaltete Babyphon?! Ihr Mann Oliver reagiert prompt, per SMS: «Wohin soll ich deine Sachen und die Papiere schicken?»  

Allein und pleite, arbeits- und wohnungslos

Nicki hätte es wissen müssen. Wie hatte sie nur auf die absonderliche Idee kommen können, am 31. Dezember als Biene Maja zur Mottoparty «Die Stars unserer Kindheit» in der Villa Stern zu gehen! Hermann Stern, Hamburgs größter Reeder, hatte zur festlichen Silvester-Gala geladen, auf feinstem Büttenpapier. Was für ein Reinfall! «Die Stars unserer Kindheit sind ausschließlich Cinderellas, Sissis, Anna Kareninas und Audrey Hepburns. Frauen in kostbaren Abendroben, mit tiefen Ausschnitten, in denen echter Schmuck und falsche Brüste aufeinandertreffen». Letztere werden in den Kreisen, in denen sich der Finanz- und Steuerberater Oliver Lubitz samt Gattin bewegen, professionell von Dr. Roland Zielinsky, dem Büstenhalter der Hamburger Gesellschaft, in Form (und passende Größe) gebracht.


Silvester und Nicki, das hatte nie gepasst: vermintes Gelände, menschliche Dramen, existentielle Enttäuschungen. «Insgesamt bin ich dreimal um kurz nach zwölf verlassen worden – zweimal hatte sich die Sache allerdings bis kurz vor eins wieder eingerenkt. Ich musste realistisch geschätzte siebenundzwanzig Fondues und Raclettes essen, was ich beides noch nie mochte, aber niemals offen kommuniziert habe, um die Chance auf eine Einladung nicht gen null zu dezimieren.» Das einzig schöne Silvester erlebte Nicki 2007, da lag sie mit einer Magen-Darm-Grippe zu Hause im Bett.


Einziger Lichtblick an diesem Abend des Grauens: jener «moppelige, untersetzte Türke», den Nicki für einen Kellner hält, der aber niemand anderes ist als der Hamburger Event-König respektive Catering-Mogul Erdal Küppers. (Erfahrenen Kürthy-Leserinnen dürfte Erdal K. bestens bekannt sein!) Ein Exzentriker vor dem Herrn, temperamentvoll, herzensgut und schwul. Erdals Privatsphäre ist mit dem Wort Patchworkfamilie nur schwach beschrieben. Seine Frau ist ein Mann, der Polizist Karsten. Sie haben zwei Kinder, Joseph und Hans. Zur Welt gebracht hat diese auf recht unterschiedliche Weise zustandegekommenen Kinderchen die Familienfreundin Leonie.

Erdal nimmt Nicki, die er nach wie vor Maja nennt, unter seine Fittiche, Gott sei Dank. «Das Schanzenviertel ist eine wilde, gefährliche Gegend.» Treu an Nickis Seite wacht neben Erdal und der Farb-, Schmink-, Stil- und Imageberaterin Rona van Dongen natürlich auch Busenfreundin Birgit. In den wichtigen Dingen des Lebens ist sie der glatte Gegenentwurf zu ihrer Freundin: lebenstüchtig, pragmatisch – und angenehm erfahren, was die Licht- und Schattenseiten von Affären angeht.


Nach dem Silvester-Debakel ist Nickis Selbstbewusstsein am Boden. Kein Wunder bei der masochistischen Selbstbeschreibung: Frau mit westfälischen Hüften (also: gebärfreudigem Becken), Sommersprossen auf der Nase und fataler Anziehung für Versagertypen – eine einzige «Produktenttäuschung»: «Ich bin etwas zu groß und habe etwas zu breite Schultern, um schutzbedürftig zu wirken, was ich aber eigentlich bin. Ich sehe belastbar aus und patent und wohlgenährt. Wie eine westfälische Pferdeart, deren Name mir jetzt nicht einfällt, die sich aber dadurch auszeichnet, dass sie draußen überwintern kann.»


So ramponiert ist Nickis Selbstwertgefühl aber doch nicht, dass sie große Gewissensbisse wegen ihrem Liebhaber Tom hätte. Ihre Affäre sieht Nicki durchaus sportlich. Untreue ist relativ, das hat sie mittlerweile gelernt; ist es nicht oft gerade der Ehebruch, der die Ehe rettet? «Warum soll man Liebe und Treue unbarmherzig aneinanderketten wie zwei Kriminelle bei einem Gefangenentransport? Treuschwüre sind was für die Jugend.»

Ildikó von Kürthy lotst ihre angeschlagene Heldin durch einen wahren Hindernisparcour: Herausforderungen, wohin das Auge blickt. Zum Beispiel: Wie gelingt es ihr, Lavinia Stern zu demütigen, das Reederstöchterchen mit den «Biafraschülterchen», die falsche Natter, die sich an ihren Ex herangeschleimt hat? Schafft sie es, Lavinia und den anderen «wohlstandsverwahrlosten Society-Stuten» in den nächsten Monaten aus dem Weg zu gehen? Und wie sehr verbessert der Volkshochschulkurs «Das perfekte Make-up für jeden Anlass» ihre Chancen auf dem Beziehungsmarkt?


Weißwein, Schokolade, Chips und Selbstmitleid, auf Dauer ist das keine seriöse Perspektive. Wie soll all das also weitergehen? Daueraffäre mit Tom, der ihr so viel von dem gibt, was sie in ihrer Ehe vermisst? Skandal, Trennung und Scheidung von Oliver – will sie das wirklich? Das muss Nicki spätestens beim Termin vor dem Scheidungsrichter klar sein. 31. Mai, 11 Uhr: Lubitz gegen Lubitz …


«Ildikó von Kürthy ist die Seelensanitäterin deutscher Frauen. Mit einem Buch von ihr lässt sich jede Problemzone besser ertragen.»(Stern)

Top