01.10.2016   von rowohlt

Klau mir ein Brathuhn auf dem Prater...

«Der Text hat etwas Struppiges, in dieser Struppigkeit liegt aber nicht nur seine Komik, sondern auch seine existenzielle Lakonie» (Die Zeit)

© Max Müller
© Max Müller

Tex Rubinowitz: Cartoonist, Musiker, Reisejournalist, Schriftsteller. Dass er 2014 zu den 38. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt eingeladen wurde, war eine Überraschung. Dass er dann den mit 25.000 Euro dotierten Hauptpreis abräumte für «Wir waren niemals hier», einen Ausschnitt aus der jetzt erschienenen wunderbar lakonischen Liebesgeschichte «Irma», war eine kleine Sensation. Noch wenige Wochen vor Beginn des Lesemarathons im Sendesaal des ORF hatte Rubinowitz tiefenentspannt in einer Mail geschrieben: «Ich finde, Teilnahme ist schon Preis genug.» War es nicht!

Stimmen zum Bachmann-Preis

Jury-Begründung: «Eine wilde, schöne und sehr seltene Liebesgeschichte.»
FAZ: «Der Text von Tex Rubinowitz, Textext könnte man ihn nennen, ist großartig. Rubinowitz kann sehr gut verunglückten Sex schildern, und er hat ein Talent für überraschende Metaphern …»
taz: «Eine melancholische und irrsinnig witzige Liebesgeschichte … ganz frei von Sprachblumen und Psychoanalyse».
Die Welt: «Tex Rubinowitz überzeugt beim Ingeborg-Bachmann-Preis durch unprätentiöse Geradlinigkeit.»

Der Text

Es beginnt mit einer Freundschaftsanfrage auf Facebook, dem «Wartesaal für Idioten». Eine Frau namens Irma möchte gern mit dem Erzähler befreundet sein. «Ich war nicht direkt schockiert, das ist das falsche Wort, aber etwas in der Art, irritiert aufgeregt. Vermutlich, weil ich immer vor mir herschob, mich an sie zu erinnern. Mit der Anfrage, in der nichts stand, kam ein Link zu einem Lied, der Text mit wohltuend ungelenker Syntax, angenehm reimfrei, das Lied heißt ‹Wir waren niemals hier›, man fühlt sich, sobald man es gehört hat, augenblicklich wie lebendig begraben …»


Befreundet waren er und Irma schon einmal, dreißig Jahre ist das her. Einige Monate waren sie damals zusammen, zwei Einsame, zwei Suchende. Er: Kunststudent und leicht verpeilt. Sie: «irgendwie Litauerin», baltischer Kontingentflüchtling und schwer verpeilt Zwei, die sich abstießen wie Magneten und doch aneinander hängen bleiben. Statt Sex lernte Irma lieber Koreanisch, leckte an Batterien, forderte verrückte Liebesdienste à la «Klau mir ein Brathuhn auf dem Prater.» Schließlich ein Zettel auf dem Küchentisch: «Ich bin weggegangen. Wenn ich in 50 Minuten nicht zurück bin, komme ich gar nicht mehr. Brauchst nicht zu warten.» Ein halbes Leben später dann das unerwartete Lebenszeichen aus den Tiefen des Facebook-Universums …

Der Autor

Rubinowitz ist ein Multitalent. Cartoonist, Witzezeichner, Schriftsteller, Maler, Musiker, Reisejournalist, Schwimmer, bekennender TV-Junkie: der Mann mit dem wohlklingenden Pseudonym tanzt auf vielen Hochzeiten. Und wie er tanzt! «Ich und meine Gene, wir werden das Ding schon irgendwie schaukeln.» Wenn es ein Rubinowitz-Programm gibt, dann könnte es gut das sein: «Ich rede gern mit Menschen, ja, das muss man so sagen, statt sie anzustarren, zu ignorieren, mit ihnen zu schlafen oder sie zu hassen, das kann man alles danach immer noch, aber zunächst einmal reden.»


Vieles spricht dafür, dass Rubinowitz – unter welchem Namen auch immer – 1961 in Hannover geboren wurde. Später Lüneburger Heide, Kunststudium in Wien (ab 1984), wo er seither mehr oder weniger zu Hause ist. Jobs? Ganz viele! Molkereifacharbeiter in Lüneburg, Bremsschirmpacker bei der Bundeswehr, Werber (u.a. Radiospots für Hyazinthenzwiebeln-Sonderangebote). Mitbegründer der Höflichen Paparazzi; Sänger der Band Mäuse, Betreiber des Musiklabels Angelika Köhlermann usw. usf. Freunde bezeichnen ihn als Exzesssammler; Schwerpunkte seiner Sammelwut: auf entlegenen Inseln eröffnete Sparbücher, abgerissene Laschen von Milchpackungen, ausgestopfte Vögel (aber auch ein Gnu kann schon mal bei ihm unterkommen). Fluxus ist Luxus!


Zuletzt entzückte der Wahl-Wiener mit den «Sieben Pluralen von Rhabarber». Der Mann hat einfach kapiert, was viele andere noch entdecken müssen: dass nämlich das Leben zur Hälfte aus Unordnung besteht. Damit diese Hälfte nicht allzu groß wird, muss der Mensch ab und an Ordnung schaffen, Listen anlegen. Auflisten, nummerieren, sortieren, abheften – Listen sind Seufzer des Glücks, das behauptet Tex absolut glaubhaft.

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