22.11.2013   von rowohlt

Herzklabaster und schicksalhafte Fügungen

Wer dieses wunderbare Buch liest, kommt (unter anderem!) in den Genuss einer sehr besonderen Schöpfungsgeschichte der Welt und einer ungemein tröstlichen Idee von Seelenwanderung

© Kai Pannen
© Kai Pannen

Jakob Jakobi hat das Glück verlassen. Geschieden, beruflich gescheitert, pleite – und nun zertrümmert ihm der Neue seiner Ex, ein Berufsboxer, zu allem Überfluss auch noch die Nase. Da trifft der Psychotherapeut auf Abel Baumann, einen Zirkusclown und Zauberer, der dringend therapeutischer Hilfe bedarf – weil er sich für Gott hält. Jakob ist fasziniert von den vielfältigen Talenten des sympathischen Spinners, verliert aber bald jedes Gefühl dafür, ob er es bei Baumann nicht doch mit einer Inkarnation des Allerhöchsten zu tun hat. Was wissen wir schon, wann und in welcher Gestalt Gott sich uns zeigt? Wenn es ihn denn wirklich gibt ...

Nach seiner erfolgreichen Romantrilogie über den vom Leben und der Liebe gebeutelten Lucky Loser Paul (Man tut, was man kann, Da muss man durch, Was will man mehr) rückt Hans Rath hier den großen Fragen unserer Existenz mit Witz und Charme zu Leibe. Bei allen slapstickhaften Elementen und überraschenden Wendungen versandet die Geschichte nie in Klamauk. Stets hält Rath die Fäden in der Hand, mischt Lustiges mit Ernstem, Spaß mit Tiefsinn.

Gottes Wege sind unergründlich

Jakobs angebrochener Nase ist es zu verdanken, dass er im Krankenhaus auf den Mann trifft, der sein Leben von Grund auf umkrempeln wird. Abel Baumann ist wegen «Herzklabaster» in ärztlicher Behandlung; sein Problem ist aber nicht physischer, sondern metaphysischer Natur. Der Prophet gilt, wie wir wissen, im eigenen Lande wenig; wie erst soll es da einem grüblerischen Zirkusclown gehen, der von sich behauptet, Gott zu sein? In seiner frappierenden Vielseitigkeit hat Baumann sich nicht nur als Chefarzt, Kapitän, Architekt, Pilot, Jugendrichter, Staatsanwalt, Sprengstoffexperte, Bankangestellter, Erfinder und Kernphysiker ausgegeben, er hat in all diesen Rollen fungiert, praktiziert, dilettiert. Was übrigens irgendwann auch Polizei und Justiz mitkriegen.
Jakob sträuben sich die Nackenhaare bei der Vorstellung, sein Leben in die Hände dieses Desperados zu legen, der nichts dabei fand, bei einem Charterflug nach Marokko selbst den Flieger zu steuern. Als «Architekt» hatte er tagelang die Arbeiten an einem riesigen Hotelkomplex koordiniert (was selbstredend gravierende Folgen sowohl für Größe und Anordnung der Zimmer als auch die Statik des ganzen Gebäudes nach sich zog). «Sind Sie vielleicht der liebe Gott höchst persönlich?», fragt Jakobi. Worauf sein Gegenüber von einem Lachanfall geschüttelt wird. «Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen, Dr. Jakobi. Ich bin es wirklich.»
Schwere schizophrene Psychose, narzisstische Persönlichkeitsstörung, was auch immer – irgendwas in dieser Art müsste man diesem seltsamen Vogel wohl attestieren müssen, denkt Jakobi. Als Patient zweifellos ein interessanter Fall, dazu mit einer positiven Aura ausgestattet; er besitzt Humor und ist niveauvollen Alkoholika gegenüber durchaus nicht abgeneigt. Vor allem lenkt er Jakob von seiner privaten Malaise ab. Siehe Ellen: Hätte er das Kleingedruckte des Ehevertrags studiert, den seine enorm geschäftstüchtige Exfrau ihm damals vor die Nase gehalten hatte – er wäre jetzt um zig Millionen Euro aus der Hinterlassenschaft von Ellens Erbonkel reicher. Siehe seine Mutter: Die hielt ihn immer für ein Weichei, während sie seinen Banker-Bruder Jonas mit einem Heiligenschein ausstattete.

«Wenn es Gott nicht gäbe, müsste man ihn erfinden» (Voltaire)

Abel Baumann – nennen wir ihn einfach Gott – kämpft mit bewundernswerter Zähigkeit darum, dass Jakob seine Geschichte glaubt, dass er ihm seine Identität abnimmt. «Ich soll also ernsthaft glauben, dass du Gott bist.» – «Du sollst es nur in Erwägung ziehen. Mehr nicht.» Die Gottesbeweise, die Baumann ihm liefert, sind nicht von schlechten Eltern – sie sind, ehrlich gesagt, sogar ziemlich spektakulär (etwa die Episode mit der Fliegerbombe aus dem 2. Weltkrieg!). Aber reicht das als Nachweis seiner Existenz als Gott auf Erden? «Okay, was hättest du denn gern?», fragt Abel spöttisch. «Eine Sintflut? Eine Seuche? Eine Dürre? Heuschreckenplagen werden auch immer wieder gern genommen. Oder würde dir schon eine Sonnenfinsternis reichen?»
Man weiß in diesem Verwirrspiel bald nicht mehr, wer für den anderen wichtiger ist: Jakob für Abel/Gott oder umgekehrt. Gott steckt knietief in der Krise; mit seiner Schaffensbilanz ist er alles andere als zufrieden. Dass er seine Nächte in bescheidenstem Ambiente verbringen muss, als Nachbar von Eisen-Heinz in einem halb zerfallenen Bauwagen: geschenkt, reine Äußerlichkeiten. Ihn quälen die großen Zusammenhänge: «Das also ist die Situation: Ich habe mich durch die Weltgeschichte gehangelt und versucht, alles zum Besseren zu wenden. Und was ist dabei herausgekommen? Nichts! Null! Ich bin auf der ganzen Linie gescheitert. Schau dir die Welt an! Hunger, Krieg, Katastrophen, Unterdrückung, Ungerechtigkeit und Umweltverschmutzung, wohin man sieht. Habe ich was vergessen?» Sieht so eine göttliche Bilanz aus?

Göttliche Fügung

Gottes Problem sei folgendes: Seelen lassen sich nicht einfach umprogrammieren, das braucht Jahre, manchmal Jahrhunderte. «Schon in der Frühzeit,» erzählt Gott/Baumann, «gingen mir regelmäßig ein paar Dutzend Seelen durch die Lappen, während ich versuchte, eine einzige zu retten. Heute ist das Verhältnis katastrophal. Wenn du ein Arschloch auf den richtigen Weg bringst, wachsen Tausende nach, die noch schlimmer sind.» Seine im tiefsten Bayern lebende irdische Familie ist ihm bei der Lösung seiner Probleme nur ein Klotz am Bein – wenn jemand ihn mit hundertprozentiger Gewissheit als psychotischen Hochstapler und Scharlatan ansieht, dann seine Bagage: Mutter Maria, Vater Josef und Sohn Christian, der sich im Kloster der heiligen Sonnhild in Simming als gottesfürchtiger Hardcore-Mönch aufs Himmelreich vorbereitet …
Spätestens hier müssen wir uns aus der Geschichte ausblenden. Es passieren nämlich unglaubliche Dinge, die nicht verraten werden dürfen, das müssen Sie einfach selbst lesen. Nur so viel: Jemand wird überraschend Vater. Jemand erfährt, wie die Welt wäre, wenn er nicht geboren wäre. Jemand flieht Hals über Kopf nach Havanna. Jemand stirbt …

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