19.08.2016   von rowohlt

Zwischen New Yorker Kunstszene und militantem Untergrund

«Das wüsteste und feinste Buch der Saison!» (Die Welt)

Für die New York Times ist dieser Roman «epischer als alles, was die US-Literatur in letzter Zeit zustande gebracht hat». «Das begeisterndste, hochoktanigste Leseerlebnis, das ich seit langem hatte» (Colum McCann), «eine virtuose Performance» (The Times), «ein wahrhaft revolutionärer Roman» (The Daily Mail), «so gut, dass einem angst und bange wird» … – man könnte noch lange weiterzitieren. Rachel Kushners Roman über eine Frau, die das Leben wie ein Kunstwerk nimmt, begeistert Leser und Kritiker gleichermaßen. «Flammenwerfer» ist ein erzählerisches Naturereignis.


Jonathan Franzen: «Ich liebe Kushners Flammenwerfer
Die Zeit: «Ein brillanter Gesellschaftsroman, der an allen Oberflächen kratzt und die dunkle, rostige Seite darunter erbarmungslos freilegt.»
Frankfurter Rundschau: «Feuerwerkskörper-Prosa ... Wer hätte gedacht, dass Coolness derart mitreißend sein kann?»
Musikexpress: «Trotz der langen Strecke und der vielen Schauplätze durchzieht ‹Flammenwerfer› ein Gefühl, auf dem Sprung zu sein, als läge der nächste Aufstand in der Luft.»

«Es war nur ein Motorrad, aber es fühlte sich an wie eine Daseinsform»

Man nennt sie Reno, nach ihrem Geburtsort. Als sie 1975 nach Manhattan kommt, ist das Mädchen aus Nevada im kreativ-exzentrischen SoHo-Underground ein Unikum. Weil sie mit einem schweren Motorrad, einer Moto Valera, durch die Stadt rast. Reno hat sich dem Rausch der Geschwindigkeit hingibt und auch sonst ganz anders ist als die Factory-Girls mit den betuchten Papis in der Park Avenue. Nur in der Liebe ist sie eher von einer schüchternen Unschuld.


Tempo, Tempo, Tempo! Als Reno mit 160 über den Highway fliegt, kommt ihr Pat Nixon in den Sinn. «Pat Nixon kam aus Nevada, wie ich und der sittsame kleine Staatsvogel, so blau im Vergleich zum Tag. Eine toughe, toupierte Schönheitssalongöre, die First Lady geworden war. Jetzt würden wir wahrscheinlich Rosalynn Carter bekommen, mit ihrer spröden Stimme und ihrem großen, flachen, freundlichen Gesicht, das vor Nächstenliebe glühte. Aber Pat war es, die mir ans Herz ging. Menschen, die schwerer zu lieben sind, stellen eine Herausforderung dar, und die Herausforderung macht es einfacher, sie zu lieben. Man fühlt sich dazu getrieben. «Wer die Liebe einfach haben will, will eigentlich gar keine Liebe.» Von Mrs. Nixon zum Wesen der Liebe, das ist Reno. Und das ist Rachel Kushner.


In New York verliebt sich Reno in einen Mann, der ihr Leben auf den Kopf stellt: Sandro Valera, Konzeptkünstler, Lebemann, Spross einer italienischen Motorraddynastie. Groß, gutaussehend in seinem dezidiert anti-bourgeoisen Künstleroutfit (Arbeitskleidung, Stahlkappenstiefel), vierzehn Jahre älter als das draufgängerische Mädchen aus Nevada. Ob Reno «den Code, die Kurzschrift der Leute verstand oder nicht», von jetzt an gehört sie dazu. Sie jobbt bei Bowery Film, vagabundiert durch Manhattans wilde Nächte. Sie ist verliebt, sie ist glücklich, sie ist in New York angekommen.

Adrenalin auf Papier

Als sich Reno mit ihrer heißgeliebten Moto Valera aufmacht, um auf den Großen Salzseen in Utah bei der legendären Speedweek dabeizusein, ist das für sie die konsequente Fortsetzung eines puristischen Traums: Linien und Spuren, in rasender Geschwindigkeit gezogen. Das ist Kunst in ihrer puristischsten Form. «Ich war ein Mädchen aus Nevada und Motorradfahrerin. Landgeschwindigkeitsrekorde hatten mich schon immer interessiert. Das kombinierte ich jetzt mit einer New Yorker Rationalität, mit abstrakten Ideenüber Spuren und Geschwindigkeit …»


Renos privater Rekordversuch endet beinahe fatal: Bei 225 km/h erfasst einer plötzlichen Windbö ihre Motorrad, sie stürzt. Und hat mehr Glück als Verstand: eine böse Verstauchung, mehr nicht. Dass sie danach bei einem Rekordversuch in der Salzwüste einen der schnellsten Wagen der Welt, den raketenbetriebenen Spirit of Italy des Valera-Teams, steuern darf, erweist sich als spektakuläre Pointe ihres eigenen Crashs: «Ich schaffte es. Ich stellte einen Rekord auf. Ich war, kaum zu fassen, die schnellste Frau der Welt, mit 496,493 Stundenkilometern …»


Der zweite Erzählstrang von «Flammenwerfer» ist nicht minder rasant. Als Sandro sie bittet, ihn in die Sommerresidenz seiner Familie am Comer See zu begleiten, willigt sie ein. Ein bisschen Motorradromantik und family life in schönster Umgebung, warum nicht. Aber mit Bella Italia wird es nichts, nicht privat und erst nicht politisch. Signora Valera begegnet der amerikanischen Geliebten ihres missratenen Sohnes mit aristokratischer Kälte, und auch Roberto, Sandros Bruder und Boss des Firmenimperiums, gibt sich mit «der Amerikanerin» keinerlei Mühe. «Sie sieht hübsch aus» ist der einzig freundliche Satz, den Reno zu hören kriegt. Zumindest hübsch. Dafür ist der Blick von der Valera-Villa auf den Comer See aber spektakulär.

«Ich habe dich gewarnt. Ganz Italien ist ein Schlachtfeld»

Man schreibt das Jahr 1977. Die militanten Aktionen der Roten Brigaden halten Italien in Atem. Auch die Valera-Fabriken in Mailand sind betroffen. Kein Wunder – der Firmengründer, als aktiver Faschist einer von Mussolinis Getreuen, hatte nach dem Krieg im brasilianischen Dschungel durch die gnadenlose Ausbeutung der Kautschukarbeiter den Grundstein zum obszönen Reichtum des Valera-Imperiums gelegt. Nichts ist vergessen, nichts ist vergeben.


Zwischen den Valera-Brüdern ist der Tod Giangiacomo Feltrinellis noch immer und immer wieder ein Thema. Beim Anschlag auf einen Hochspannungsmast fünf Jahre zuvor war der Mailänder Verleger ums Leben gekommen. «Es blieb unklar, ob sein Tod ein Unfall, ein Selbstmord oder Mord war. Roberto sagte, es spiele keine Rolle, wie es passiert sei, Feltrinellis Tod sei eine vernichtende Niederlagen für die Kommunisten gewesen … Was hatte er auf einem Strommast verloren, Herrgott?»


Dann überschlagen sich die Ereignisse, die persönlichen und politischen. Und Reno steckt mittendrin. Etwas geschieht, etwas Irritierendes, Unerwartetes, Verletzendes, was sie forttreibt, fort von Sandro, fort von ihren eigentlichen Plänen. Wenig später findet sie sich in Rom wieder, in einer WG autonomer Militanter in der Via die Volsci. New York und Rom, zwei Welten: hier Graffiti, dort Knarren, hier Kunsthappenings, dort rabiate Revolte, mit Streiks, Besetzungen, bewaffneten Demonstrationen, Entführungen, tödlichen Anschlägen. Und Parolen, Parolen, Parolen: «Ihr werdet für alles bezahlen …»


Und Reno? Hat eines schnell begriffen: Nichts ist einfach, nichts ist klar. Leben heißt, sich zu entscheiden. Unentwegt.

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