15.11.2013   von rowohlt

7 Fragen an Peter Buwalda

«Waschechter Pageturner», «unvergessliche Figuren», «fesselnde Erzählstränge», «außergewöhnlich mitreißend» – kurz: «ein Traumdebüt».

Sein Roman stürmte in den Niederlanden die Bestsellerliste, Leserinnen und Leser waren begeistert, das Feuilleton überschüttete Peter Buwaldas Debüt mit Lob. Für diesen Roman, für diesen Erfolg hat Peter Buwalda sich jahrelang aus der Öffentlichkeit verabschiedet. Hat nachgedacht, geschrieben, verworfen, weitergeschrieben. Auch darüber haben wir mit ihm gesprochen …

Das Interview

Sie haben vier Jahre an «Bonita Avenue» gearbeitet, die letzten drei Jahre in Klausur. So etwas hört man nicht mehr oft.
Ich habe mir selber die Daumenschrauben angelegt. Ich wusste: Wenn ich so ein Buch schreibe, dann muss es gut sein, kein Mittelmaß. Und man darf nie, nie aufgeben. Wenn ich an all die Nächte denke, in denen ich spät ins Bett ging, dann dalag und weitergrübelte und schließlich wieder aufstand, um von drei bis sieben
aufs Manuskript zu starren, ein einziges Wort zu verändern und mich erst in dem Moment hinzulegen, wenn andere wieder aufstehen ...


Inzwischen gibt es einiges, was Sie vom Schreiben abhält: Lesungen, Interviews, Signierstunden ...
Ja, das hat was von schwänzen. Während jener vier Jahre bin ich ganze fünfmal tagsüber aus dem Haus gegangen. Viermal zum Zahnarzt, zum Friseur bin ich immer abends, und einmal habe ich einen Freund besucht, um mit ihm Gitarre zu spielen. Das fühlte sich wie Fremdgehen an.


In ihrem Roman spielt das Thema Familie eine große Rolle. Was hat sie daran besonders interessiert?
Menschen, die gegen den familiären Strom schwimmen, erstaunen mich. Was hat es mit Verwandtschaft auf sich, wie lange hält man zum eigenen Kind, was bewirkt Erziehung? Siem Sigerius etwa weist seinen Sohn Wilbert zurück. Wilbert ist seine Achillesferse, sein Fauxpas im Leben, der ihn wie ein Bumerang verfolgt. Vaterliebe spielt eine Rolle in meinem Buch. Und Bewunderung. Eifersucht als Gegenstück zur Liebe kommt genauso vor.
Vor allem aber kreist «Bonita Avenue» um das Thema in der Literatur: die Möglichkeit, sich selbst neu zu erfinden. Sigerius‘ Stieftochter Joni nimmt dreimal einen anderen Namen an und verbrennt immerzu alles hinter sich. Auch Sigerius steigt wie Phönix aus der Asche, als er als Top-Judoka verletzt auf dem Bett liegt, auf Rechenhefte stößt und so per Zufall sein anderes Riesentalent entdeckt: die Mathematik, die Wissenschaft. Er hat den Nobelpreis halb in der Tasche und wird als Universitätsrektor gebeten, Minister für Bildung und Wissenschaft zu werden. Doch am Ende machen ihn seine Rechtschaffenheit und die eigenen Kinder zum Verlierer.

Katastrophen und Geheimnisse

Ihr Roman spielt vor dem Hintergrund der Feuerwerkskatastrophe in Enschede. Haben Sie die selber miterlebt?
Im Roman kommt eine Hochzeit vor, auf die Aaron und Joni eingeladen sind, weit weg von Enschede. Auf so einer Hochzeit war ich am Tag der Katastrophe auch. Den Aspekt, den ich für meinen Roman brauchte, war der, dass jeder, wirklich jeder, sogar diejenigen, die sonst nie anrufen, Aaron zu erreichen versuchten. Genau das war bei mir auch der Fall. Meine Eltern bekamen unendliche viele Anrufe mit der Frage, ob ich noch lebte, denn ich selber nahm ja nicht ab. Jonis Stiefbruder, der ausgerechnet zu dieser Zeit aus der Haft entlassen wird, ruft an, um zu erfahren, wie es Joni geht. Dieses Telefonat brauchte ich unbedingt.


Der Roman dreht sich wie in einer Spiralbewegung um die Geheimnisse, die die Figuren voreinander haben. Als Leser hat man ihnen gegenüber einen Vorsprung.
Das ist mir erst allmählich klargeworden. Im Zentrum des Buchs stehen die Figuren Aaron, Joni und Sigerius. Es sind 21 Kapitel, und immer hat eine der drei Figuren das Wort. Anfangs bestand der Roman aus drei Blöcken, aber nach zwei Jahren, als der Aaron-Block fertig war, kam ich dahinter, dass das Ganze verflochten werden muss. Das war furchtbar, denn alles, was ich bis dahin geschrieben hatte, war plötzlich nicht mehr zu gebrauchen.

Pornografie und Internet

Eines der Geheimnisse, die Joni vor ihrem Stiefvater verborgen hält, ist, dass sie mit ihrem Freund Aaron eine Pornoseite aufzieht. In Ihrem Buch wird darüber kein Urteil gefällt. Eher scheint es ein Konflikt zwischen verschiedenen Generationen zu sein.
Oft heißt es doch, Prostitution sei das älteste Gewerbe der Welt. Schon immer gab es Männer und Frauen, die damit kein Problem hatten. Aber jetzt ist ein Medium hinzugekommen, das das Ganze noch brisanter macht: das Internet. Früher fuhr ich mit dem Fahrrad quer durch Utrecht, um mir an einer Tankstelle einen «Playboy» zu kaufen. Jetzt ist gewissermaßen jeder an die Kloake angeschlossen, und der Dreck schwappt überall herum. Über diese Veränderung zu schreiben hat mich interessiert.


Jetzt urteilen Sie ja doch.
Stimmt. Im Buch konnte ich Wertungen auf drei Figuren verteilen. Sigerius ist vom alten Schlag, also ist es verständlich, dass er abwehrend reagiert, zumal es seine Familie betrifft. Man kann noch so aufgeschlossen sein – wenn die eigene Tochter pornographisch tätig ist, verschiebt sich alles. Joni ist Unternehmerin, für sie verspricht Pornographie Gewinn. Aaron ist im Buch so etwas wie der Schlemihl: Er ist Fotograf, und er ist mit Joni zusammen, und wenn er es bleiben will, dann hat er keine Wahl.

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