02.01.2016   von rowohlt

6 Fragen an … Sergej Lochthofen

Sergej Lochthofen gehört zur dritten Generation einer deutsch-russischen Familie, die den Stalinismus erlebt und erlitten hat. – von der Oktoberrevolution über den Gulag bis zum Mauerfall. «Schwarzes Eis» hat Lochthofen den «Lebensroman seines Vaters» genannt; in «Grau» erzählt er seine Familiengeschichte weiter. Sergej Lochthofen kam als Kind von Workuta nach Thüringen, lernte auf der Straße die neue Sprache, ging als einziges Kind eines Zivilisten in eine sowjetische Garnisonsschule, kehrte zum Kunststudium auf die Krim zurück, floh vor der Einberufung in die Sowjetarmee in die DDR, wo er Journalist wurde. Was für eine Lebensgeschichte!

DAS INTERVIEW

Ihr Vater Lorenz Lochthofen hat gegen die Nazis gekämpft, bevor er als Kommunist in die Sowjetunion floh, wo er verhaftet wurde und nach Workuta, ins Straflager kam. Wie wird man als Kind mit einer solchen «Familienhypothek» fertig?
Da ich selbst in Workuta geboren bin, war das Leben da ein normaler Zustand für mich. Kälte, Dunkelheit. Ich kannte ja nichts anderes. Mein Großvater war dort auch interniert. Ich spielte am Lagerzaun, und wir Kinder passten auf, dass wir den immer hungrigen Hunden an den Laufleinen nicht zu nahe kamen. Übrigens hatte mein West-Onkel August in Deutschland auch im KZ gesessen. Ich war immer stolz auf meine Familie, die sich als eine der wenigen nicht mit den Nazis eingelassen hatte. 


In einem Gespräch mit «Planet Wissen» haben Sie eine bizarre, bezeichnende (und beschämende) Episode erwähnt: Unmittelbar nach dem Tod Ihres Vaters legt ein Stasi-Major eine neue Akte zu ihm an. Was war das: bürokratisches Selbsttor oder klassisch stalinistische Paranoia?
Die hatten schon einen ordentlichen Schuss. Sicher hoffte der Stasi-Mann, wenn er nachweisen könne, dass der Vater ein Spion des Westens gewesen sei, groß rauszukommen.  


Sie gehören zu den wenigen Journalisten, die das Innenleben von gleich zwei untergegangenen Staaten kennen. Und darüber hinaus ein Stück dramatische Geschichte dieses «Jahrhunderts der Extreme» aus doppelter Perspektive erlebt haben: als «Deutsch-Russe» und «russischer Deutscher». Gab es aus Ihrer Sicht in den vier Jahrzehnten DDR überhaupt  einmal eine Chance auf eine von Moskau unabhängige Entwicklung des «grauen» Landes?
Nein. Ein klares Nein. Der Geburtshelfer der DDR war Stalin. Sie konnte nur eine Missgeburt werden.

Darf Bundespräsident Gauck das?

1990 wurde aus der SED-Parteizeitung Das Volk die Thüringer Allgemeine – und Sie der Chefredakteur des Blattes. «Die Reaktion der Leser ist überwältigend. Eine Woge der Sympathie trägt uns durch den Tag», heißt es in Ihrem Buch. Weshalb haben Sie die weitere Entwicklung des Blattes, die Konflikte mit der WAZ-Gruppe , in «Grau» ausgespart?
Die Idee für das Buch war, das Schicksal einer deutsch-russischen Familie im vorigen Jahrhundert nachzuzeichnen. Es ging vor allem um den Stalinismus in seinen verschiedenen Phasen und Ausprägungen. Mit dem Fall der Mauer war es damit vorbei. Alles andere ist eine andere Geschichte. 


9. November 2014, 25 Jahre Mauerfall: Nutzt sich dieses berauschende Glücksgefühl von damals eigentlich mit den Jahren komplett ab?
Gemessen an dem Zustand mancher Ehe nach 25 Jahren, geht es uns doch sehr gut. Oder?


Letzte Frage: Finden Sie die Intervention von Bundespräsident Joachim Gauck Richtung Die Linke/Bodo Ramelow/SED-Vergangenheit in Ordnung? Darf man sich darüber doch sehr wundern (oder ärgern) oder nimmt man das gelassen hin?
Ich hatte schon immer den Verdacht, dass Gauck im Grunde seines Herzens ein strammer Linker ist. Sein offenes Plädoyer dafür, wie sich die Sozialdemokraten in Thüringen zu verhalten hätten, dürfte einige zusätzlich motiviert haben, sich doch noch an der Befragung zu beteiligen. Das Resultat fiel entsprechend aus. Sonst sind es eher Politiker aus Bayern, die diese Rolle übernehmen. Die Menschen in Ostdeutschland lieben es, wenn man ihnen wie früher sagt, was sie zu tun und was sie zu lassen haben.

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