17.12.2015   von rowohlt

1946 – Weichenstellungen für die Zukunft

Victor Sebestyens grandioses Panorama des Jahres, in dem die Gegenwart begann

© iStockphoto.com
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«Das erste Nachkriegsjahr schuf die Grundlagen der modernen Welt. Der Kalte Krieg begann, die Welt teilte sich entlang der ideologischen Bruchlinien, und Europa zerfiel in zwei Hälften zu beiden Seiten des Eisernen Vorhangs.» Der in Budapest geborene britische Historiker Victor Sebestyen wartet in seiner fulminanten Studie «1946» mit einer These auf, die ein Rezensent «spannend, aber auch etwas verwegen» (Deutschlandfunk) nennt. Ob das unaufhaltsame Zerbröseln des britischen Empire, der blutige Konflikt zwischen Hindus und Moslems in Indien, der Machtkampf zwischen Maos Kommunisten und Chiang Kai-sheks Nationalisten in China, die dramatische Vorgeschichte des Staates Israel oder die Zwangsdemokratisierung Japans nach dem 2. Weltkrieg – 1946 ist das Jahr, in dem die Weichen für die Welt gestellt wurden, wie wir sie heute kennen.



«Sebestyen versteht es hervorragend, Geschichte in Ausschnitten pointiert und reportagehaft zu erzählen. (...) Wer ‹1946› liest, wird viele der heutigen Weltkonflikte besser verstehen. Und auch mit Schlagworten wie Imperialismus und Kolonialismus vorsichtiger hantieren.» (Andreas Fanizadeh, die tageszeitung)


Scharfsinnig und mitreißend schildert Sebestyen die Ereignisse des Jahres in 32 Kapiteln. Vor unseren Augen entsteht ein gewaltiges Geschichtspanorama, gespickt mit Ausführungen über fast vergessene historische Dramen (der Bürgerkrieg in Griechenland, das antijüdische Pogrom in Kielce, der Anschlag der zionistischen Irgun auf das King David Hotel in Jerusalem etc.) und brillanten Porträts führender Politiker dieser Zeit wie Churchill, Stalin, Truman, Nehru, Gandhi, Jinnah, Kaiser Hirohito oder General MacArthur.


Ein kleiner Streifzug durch ein weltbewegendes Jahr – in Zitaten aus «1946»:

«Ich habe es satt, die Sowjets mit Samthandschuhen anzufassen»

US-Präsident Harry Truman: «In Potsdam sahen wir uns fertigen Tatsachen gegenüber (…). Seitdem haben uns die Russen nichts … als Kopfschmerzen bereitet. (…) Ich zweifle keinen Augenblick, dass Russland in der Türkei einmarschieren will, um sich der Meerengen zum Mittelmeer zu bemächtigen. Wenn man ihm nicht die eiserne Faust zeigt und die stärkste Sprache spricht, werden wir einen neuen Krieg erleben. Es gibt nur eine Sprache, die die Russen verstehen, nämlich: Wie viele Divisionen habt ihr?»


Grubenunglück im Bergwerk Peine: «Nach Schluss der Nachmittagsschicht am 22. Januar stürzten 46 Bergleute im Bergwerk Peine in den Tod, als der Förderkorb, der sie nach oben bringen sollte, vierhundert Meter tief in den Schacht fiel. (…) In den frühen Morgenstunden wurde der ehemalige Chef der Zeche – bekannter Nationalsozialist, Parteimitglied der ersten stunde und verhasst in der Nachbarschaft – aus der Haft entlassen, um die Rettungsarbeiten zu leiten. Durch rasche und wirksame Maßnahmen konnte er 57 der eingeschlossenen Bergleute retten, 417 Männer starben. (…) Die Ereignisse in Bergkamen und Peine zeigten, in welcher Zwickmühle die Alliierten steckten … Die Deutschen hungerten; Millionen verzweifelte Flüchtlinge strömten in die Besatzungszonen. Am dringlichsten war es, die brachliegende Wirtschaft des Landes aufzurichten und seine zerstörten Sozialstrukturen wiederherzustelllen … Und es ließ sich auch nicht ohne die Nazis machen.»


Rule Britannia? «Keynes beharrte darauf, dass Großbritannien schon allein aus wirtschaftlichen Gründen weite Teile seines Kolonialreiches abstoßen müsse, weil dieses nicht mehr ‹gewinnbringend› arbeite. (…) Die Ausgaben für Großbritanniens Großmachtstatus waren immens, aber nur wenige zweifelten daran, dass er politisch von großer Bedeutung war, ganz zu schweigen von der politischen Dimension. Das Land mochte ja bankrott sein, aber die Briten des Jahres 1946 waren nicht bereit, den Gedanken an imperiale Größe und Weltmacht aufzugeben, selbst wenn die Realität von ihnen verlangte, ein oder zwei Kolonien aufzugeben.»


Japan: ein Ende und ein Anfang. «Der ‹heilige Krieg› des Kaisers (Hirohito, d.R.) hatte insgesamt mindestens 2,7 Millionen seiner Untertanen das Leben gekostet. In einem anderthalb Jahrzehnte dauernden Konflikt – 1931 war Japan zum ersten Mal in China eingefallen und hatte einen Teil der Mandschurei annektiert, sechs Jahre später zum zweiten Mal – waren 1,74 Millionen Soldaten auf den Schlachtfeldern gefallen, die sich von der Chinesischen Mauer bis zur Nordspitze Australiens erstreckten. (…) Das Land war verwüstet – ‹verängstigt und vor … schrecklicher Vergeltung zitternd›. (…) Rund zwei Drittel aller Häuser in Tokio waren zerstört, 57 Prozent der Häuser in Osaka und 89 Prozent in Nagoya. Die Menschen flohen aufs Land, und viele Städte wurden zu Geisterstädten.»


Vergewaltigung und Plünderung. «Neben der Gewalt, die deutschen Frauen angetan wurde, war der wichtigste Grund für den Widerwillen gegen die sowjetische Besatzung das enorme Ausmaß an Reparationen für Kriegsschäden, die die UdSSR forderte, sowie die brutale Art und Weise, wie diese Reparationen eingetrieben wurden. (…) Vom Augenblick des Sieges an schickten die Russen ‹Reparationsteams›, um aus der ostdeutschen Infrastruktur und Industrie das Herz herauszureißen und alles in die UdSSR zu transportieren. (…) Fabriken wurden sogfältig demontiert, bis zum letzten Nagel oder Bolzen, und in die Sowjetunion verfrachtet.»

Berlin und London, Washington und Moskau, Delhi und Tokio, Jerusalem und Shanghai

«Wehe den Deutschen». «Vom Augenblick der Befreiung an übernahmen die Tschechen die antijüdische Gesetzgebung der Nazis und wandten sie mit umgekehrtem Vorzeichen gegen die Deutschen an. Alle ethnischen Deutschen wurden gezwungen, den Großbuchstaben N (für Nemec, Deutscher) auf ihrer Kleidung aufgenäht zu tragen, so wie die Juden unter den Nazis den Judenstern zu tragen hatten. Deutsche konnten keine öffentlichen Parks mehr betreten, einkaufen durften sie erst, wenn die Tschechen und Slowaken ihre Einkäufe abgeschlossen hatten. (…) In den Jahren der kommunistischen Herrschaft gaben die Deutschen fast niemals zu, was mit der deutschen Minderheit in ihrem Land geschehen war.»


Vertreibung und Flucht. «Diese ethnischen Auseinandersetzungen hatten 1943 begonnen … Trotz der Millionen Kriegstoten in Deutschland war die deutsche Bevölkerung innerhalb der neuen Grenzen nach dem Krieg größer als vor dem Krieg – die Zahl stieg von 60 Millionen im Jahr 1939 auf 66 Millionen Ende 1946. Als Ergebnis war Europa nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ethnisch homogener als viele Jahrhunderte zuvor, und das sollte auch so bleiben, bis seit den 1960er Jahren außereuropäische Immigranten in großer Zahl nach Europa kamen.»


Eiserner Vorhang und Einflusssphären. «Und doch stimmte Churchill nur fünf Monate später im sogenannten ‹Prozent-Abkommen› dafür, das Europa nach dem Krieg in Einflusssphären aufgeteilt werden solle, wodurch heimlich das Schicksal von einem halben Dutzend Ländern besiegelt wurde. Im sechsten Band seiner Weltkriegsmemoiren (‹Triumph und Tragödie›) beschrieb Churchill die Moskauer Szene dramatisch: ‹Lassen Sie unsere Angelegenheiten auf dem Balkan zu regeln … Um nur von Großbritannien und Russland zu sprechen, was würden Sie dazu sagen, wenn Sie in Rumänien zu 90 Prozent das Übergewicht hätten und wir zu 90 Prozent in Griechenland, während wir uns in Jugoslawien auf halb und halb einigen?›»


Indien und Pakistan. «Fast zwei Jahrhunderte lang war Indien das ‹Kronjuwel› des britischen Empire gewesen …Die Briten hatten eigentlich ein vereintes Indien erhalten und sich dann in Würde und mit Trompetenschall daraus zurückziehen wollen. Sie hätten sich gerne gerühmt, dass ihr zweihundertjähriges Protektorat über Indien eine großartige, ruhmreiche Angelegenheit gewesen sei. (…) Am 11. April 1946 autorisierte der Premierminister die Teilung Indiens als letzten Ausweg. (…) Gewalt zwischen Muslimen und Hindus breitete sich über ganz Indien aus.»

Illusionen in Schutt und Asche

Nazis und Entnazifizierung. «In allen Bereichen des deutschen Lebens wurden die Nazis gebraucht.  Bürgerliche Schichten und Freiberufler waren in der NSDAP überproportional vertreten. In Bonn waren 102 von 112 Ärzten Parteigenossen, in Köln, einer von Bomben massiv zerstörten Stadt, gehörten 18 von 21 Spezialisten für Schuttbeseitigung, Kanalisation und sauberes Wasser zu den Belasteten. Die meisten Gymnasiallehrer hatten der Partei beitreten müssen, um ihre Stellen überhaupt zu bekommen. 80 von 100 Musikern bei den Berliner Philharmonikern waren Parteimitglieder. Das Problem der Alliierten bestand nun darin, Leute von einiger Bedeutung zu finden, die keine Nazis gewesen waren.»


Gloire française: «Widerstand im Herzen». «In den ersten Monaten nach der Befreiung wurden rund 6.000 Menschen bei der sogenannten épuration sauvage getötet, der ‹wilden Säuberung›, einem ersten Rachefeldzug der lokalen Milizen. Bekannte Kollaborateure wurden gelyncht oder erschossen, einige Beamte zu Tode gefoltert – bestraft für das Verbrechen der ‹nationalen Schande›, ohne dass auch nur ein Femegericht vorangegangen wäre. Manche Frauen wurden wegen horizontaler Kollaboration ermordet – sie waren mit dem Feind ins Bett gegangen; die übliche Strafe dafür war allerdings, in der Öffentlichkeit entkleidet und kahlgeschoren zu werden, bevor es zum Teeren und Federn ging.»


Great Calcutta Killing. «Das Massaker von Kalkutta, von den Briten ‹Great Calcutta Killing› genannt, war das erste Beispiel einer ganzen Reihe von Unruhen, die die Teilung Indiens in zwei Nationalstaaten im Sommer 1947 begleiteten. Niemand kann genau sagen, wie viele Menschen diesen Massakern zum Opfer fielen, aber nach soliden Schätzungen waren es zwischen einer und 1,2 Millionen Tote. Bei Massenumsiedlungen wurden rund fünfzehn Millionen Menschen entwurzelt. Noch nie war die Welt so voller Flüchtlinge gewesen.»


Ära der Welt- und Supermächte. «Die Sowjets fanden sich dank Hitler – und paradoxerweise auch dank den Vereinigten Staaten – in der Rolle der zweiten Weltmacht wieder (eine Supermacht waren sie zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht). Ohne den Überfall der Nazis auf die UdSSR hätten die Sowjets den Zweiten Weltkrieg nicht als Besatzungsmacht im größten Teil Mittel- und Osteuropas beendet ..»

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