21.12.2016   von rowohlt

So lustig kann Versagen sein

«Ein Meisterwerk der Hochkomik»: Gary Shteyngarts hinreißende Autobiografie

© Privat
© Privat

Er ist sieben Jahre alt, ein schmächtiger, asthmatischer Knabe, als seine Eltern und die innig geliebte Großmutter Polja 1979 auswandern. Von Leningrad über Wien und Rom in die USA, nach New York, «zum Feind». Dort wird sich Igor Gary nennen. Im zarten Alter hat von fünf hat er, ganz im Bann seines Lieblingsbuchs «Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen», seinen ersten Roman geschrieben, für Oma, die Kommunistin: «Lenin und die magische Gans» … «Kleiner Versager» ist eine temperamentvolle, berührende und zugleich komische Kindheitsgeschichte, ein hinreißendes Buch über Schrecken und  Wunder der Migration. «Ein Meisterwerk der Hochkomik, das von einer tiefen Schwermut durchtränkt ist.» (Die Welt)


Gary Shteyngart? Igor Steinhorn! «Fangen wir mit meinem Nachnamen an: Shteyngart. Ein deutscher Name, dessen wahnwitzige sowjetisierte Schreibweise mit ihrer zu Tränen treibenden Konsonantenballung (fehlt bloß ein i zwischen h und dem t für ein schönes shit) und allgemeinen Unattraktivität mich viel menschliche Wärme gekostet hat.» Eigentlich müsste der Name «Steingarten» lauten, hätte es da nicht jenen Schreibfehler aus der Hand eines betrunkenen Notars oder analphabetischen Sowjetbürokraten gegeben. Im Prinzip heißen die Shteyngarts nämlich Steinhorn. «Neununddreißig Jahre habe ich nicht gewusst, dass ich in Wahrheit zum bayerischen Pornostar bestimmt war …»


Mit seinem Vater verbindet Gary eine Hassliebe. Einerseits hagelt es immer mal wieder «Nackenschläge», eine typisch russische Form der dezenten Züchtigung. Dennoch nennt er ihn seinen «wahren besten Freund». Zu welcher Zärtlichkeit sein Vater fähig ist, zeigt ein Brief, den der Fünfjährige von ihm erhielt: «Guten Tag, mein lieber kleiner Sohn. Wie geht es dir? Was machst du? Hast du vor, den ‹Bärenberg› zu besteigen? Und wie viele Handschuhe hast du im Meer gefunden? Hast du schon schwimmen gelernt, und wenn ja, planst du fortzuschwimmen, in die Türkei?»


Wie «ein so blendend aussehendes Paar» ihn hervorgebracht hat, bleibt ihm ein Rätsel. Der Vater, ein Maschinenbauingenieur mit düster-levantinischer Ausstrahlung; seine Mutter, Klavierlehrerin im Kindergarten, «hübsch auf eine kompakte, handfeste Weise». Und dann er, der kleine kränkelnde Igor, der in Amerika zu Gary werden wird – wie das zusammenpasst? 


Aber was heißt schon krank sein? «Das Bruttoinlandsprodukt der Sowjetunion beträgt nur ein Viertel des amerikanischen, doch hier machen Ärzte und Krankenschwestern noch Hausbesuche. Eine bullige Frau kommt an unsere Tür. ‹Mein Sohn niest, was soll ich tun?›, fragt meine Mutter kurz vorm Hyperventilieren. ‹Sagen Sie ‹Gesundheit›!›, rät die Krankenschwester.» 


Im Scheitern haben alle Shteyngarts was zu bieten. Vater Shteyngart arbeitete an der Konstruktion des Teleskops mit, das 1975 das größte der Welt sein sollte: gigantisch, Maßstäbe setzend für den Rest der Welt. Leider funktionierte es nicht. «Das ist unsere kleine Welt, Sowjetsatire, gescheiterte Imperien, alberne Träume.»  Jahrzehnte später, als Gary mit seinen Eltern noch einmal an die Stätten seines alten Lebens in Sankt Petersburg reist, erfährt er zum ersten Mal vom lebenslang gehüteten bitteren Geheimnis seines Vaters.

Auf zum Feind!

Es gibt Einfacheres für einen kleinen Jungen, als aus einem Land wie der Breschnew-Sowjetunion in das große, bunte, kapitalistische Mutterland verpflanzt zu werden. «1979. Aus einer sowjetischen Kindheit nach Amerika zu kommen ist, als würde man von einer monochromen Klippe in ein knatschbuntes Farbbad springen.» Die erste Zeit ist für keinen der Shteyngarts leicht. Für Garys Vater nicht, für seine Mutter nicht (die ihre sterbende Mutter in Leningrad zurücklassen musste), und für den Jungen erst recht nicht. Zumindest haben sie bei der Wohnungssuche Glück; zu einem überschaubaren Preis mieten sie eine Wohnung im ruhigen, sicheren Stadtteil Kew Gardens in Queens. 


Auf die Shteyngarts wartet in New York die Armut. Essensmarken von der amerikanischen Regierung, getragene Kleidung von Nachbarn, finanzielle Hilfe von Flüchtlingsorganisationen. Arm, aber: Hauptsache Amerika. «Wir sind die Weizenjuden, die Jimmy Carter aus der Sowjetunion im Tausch gegen einige Tonnen Weizen und ein bisschen Spitzentechnologie hergeholt hat.» Im ZEIT-Interview macht Shteyngart deutlich, wie verheerend Armut in Amerika ist – ein Makel, ein Sündenfall, beinahe ein Verbrechen. «Die Leute in Amerika hassen arme Menschen. Es ist überall schlimm, arm zu sein, aber hier giltst du als Verlierer. Es wird als Sünde angesehen, arm zu sein.»


Auf der SSSQ,  der jüdischen Solomon Schechter School of Queens, beginnt Garys schulische und soziale Außenseiterkarriere: als Roter Streber, als Träumer und schräger Vogel, der in seiner eigenen Welt lebt, zum Beispiel als Gary Gnu der Dritte. Mit dem Jüdischen in seinem Leben steht der Junge auf Kriegsfuß: in der Schule, aber auch bei jenem Eingriff, den jüdische Jungs als «Geschenk» begrüßen sollen: die Beschneidung. «Im Coney Island Hospital werden die Messer gewetzt, im angrenzenden Raum dawnen orthodoxe Männer einen Segensspruch, man stülpt mir eine Betäubungsmaske aufs Gesicht (ideal für einen asthmatischen Jungen mit Angststörung), und dann weichen die Wände des öffentlichen Krankenhauses – grün auf grün auf grün auf grün …»

Der Durchbruch vom Nerd zum Mitschüler mit Spezialtalent gelingt Gary dank eines kleinen Wunders: Seine Lehrerin Miss S ermuntert Gary, aus seinem grandiosen, aber noch immer unveröffentlichten Roman «Die Prüfunk» vorzulesen. Und Gary liest. Und seine Mitschüler kleben an seinen Lippen, sind fasziniert, können gar nicht genug bekommen. «Versteht mich nicht falsch – ich bin immer noch ein verhasster Freak. Aber ich tue gerade Folgendes: Ich definiere die Bedingungen, unter denen ich ein verhasster Freak bin, neu. Ich lenke die Aufmerksamkeit meiner Mitschüler von meinem Russischsein auf mein Geschichtenerzählen.»


Auch sonst macht Gary erstaunliche Fortschritte. Er verliert nach und nach seinen rabiaten russischen Akzent; er hört auf, die Republikaner cool und Rassismus tolerabel zu finden (Mr. Shteyngart war als junger Mensch ein George-Bush-Senior-Aktivist); und er findet heraus, dass Manhattan definitiv kein zweites Bürgerkriegs-Beirut ist, wo stündlich, minütlich Gefahren für Leib und Leben drohen. 


Und die Liebe, was ist mit der Liebe? Eigentlich ist Gary sein ganzes Leben auf der Jagd nach Liebe, nach nichts anderem. «Ich kann nicht schlafen. Ich sehne mich so sehr danach, geliebt zu werden, dass es an Wahnsinn grenzt.» Was Frauen und Sex angeht, ist er zweifellos ein Spätzünder. Die erste  Frau, die als Freundin durchgeht, lernt er am Oberlin College in der Nähe: Jennifer, genannt J.Z., ein entzückendes armenisch-amerikanisches Mädchen mit «ethnisch braunen Augen und dichten Augenbrauen».


Später, nach der Veröffentlichung seines ersten Romans und der Aufnahme in die Schreibklasse des Autors Chang-Rae Lee, macht er eine berauschende Erfahrung: Als Schriftsteller ist es leicht, tolle Frauen ins Bett zu kriegen. «Im Jahr 2000 ist es noch möglich, ein Mädchen mit einem Buchvertrag zu becircen. Und ich ziehe alle Register .…»

Top