Klaus Mann

Lieber und verehrter Onkel Heinrich

LIEBER UND VEREHRTER ONKEL HEINRICH –:
was soll man sich nun zu Geburtstagen wünschen? …
Dass der nächste, oder übernächste, unter gründlich veränderten Welt-Umständen stattfinden möge. (…)
Ich habe es so im Gefühl: die Riesen-Sauerei hat ihren Höhepunkt erreicht. Jetzt kommen keineswegs zwei Jahrzehnte deutscher Hegemonie über Europa.
Das steht erstens nicht in Hitlers Sternen geschrieben, und ausserdem gibt es, immer noch, zu viel moralische Gegenkräfte in Europa. (…)
Wie nett wäre es, wenn wir am Sonntag alle in der rue Rossini zusammen sein könnten: Frau Kröger – grüsse Sie aufs allerartigste von mir – würde etwas Delikates kochen, und Du würdest vielleicht ein Stück Henri vorlesen, und wir hätten es reizend. Jedenfalls aber möchte ich es – wenn irgend möglich – so einrichten, dass ich noch einmal nach Nizza komme, ehe ich den Atlantik wieder überqueren muss …
Alle treuen Grüsse und Wünsche
Deines: KLAUS
KÜSNACHT, 26. MÄRZ 1938

Themen:   Autobiografien: Literatur; Tagebücher, Briefe, Notizbücher; Deutschland; Erste Hälfte 20. Jahrhundert (1900 bis 1950 n. Chr.)

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