31.08.2018   von rowohlt

Eine Kunst aus Zerrüttung und Schutt

«Der Tag endet mit dem Licht» – ein aufregender, sprachlich brillanter Debütroman von bestechender Bildlichkeit

© Tobias Bohm
© Tobias Bohm

Vor fünfundzwanzig Jahren machte die junge Textilkünstlerin Frida Beier eine aufwühlende Reise durch den Mittleren Westen der USA: als Assistentin des berühmten Adrian Ballon, der für ein Kunstprojekt ganze Häuser zersägen ließ. Frida vermittelte als einzige Frau zwischen einem Haufen grober Arbeiter, einem unsichtbaren Düsseldorfer Galeristen und dem schweigsamen Künstlerstar, der regelmäßig verschwand – und sich am Ende in seinem mitternachtsblauen Ferrari erschoss, am Rand der Stadt Paradise in Texas, aus der sein Vater stammte. In den Händen ein Foto von sich und Frida – wie eine Botschaft, die Frida nie verstand. Nun endlich wagt sie, sein Tagebuch zu lesen. Und begreift, dass sie Teil seines letzten, radikalen Werks war.

DAS INTERVIEW


Aus deiner wohltuend karg formulierten Autorenbiografie sticht ein Satz heraus: «Fährt drei Tage die Woche Gabelstapler in einem Baumarkt.» Wie bist du zum Gabelstapeln gekommen – und warum? Hat das ausschließlich damit zu tun, dass Novizen des Literaturbetriebs in aller Regel von ihren Schreibeinkünften allein nicht leben können?

Nach der Schule und vor dem Studium habe ich, mehr so aus Versehen, die Ausbildung zum Kaufmann gemacht und dann eigentlich immer nebenher im Verkauf gearbeitet. Ich habe schon Herrenanzüge und Fischkonserven, Fahrräder und Sommermöbel verkauft. Der Job im Baumarkt bot sich erst vor ein paar Jahren an, als ich wusste, dass ich das Schreiben intensiver angehen musste. Nach dem Studium habe ich wenige Jahre als Redakteur im Bereich Corporate Publishing gearbeitet und schnell festgestellt, dass beides langfristig nicht funktioniert: tagsüber Artikel schreiben und nachts dann an eigenen Texten arbeiten. Und klar, jeden Monat die Miete zahlen zu können, ist recht angenehm, finde ich.


Vielleicht ist es gerade der Gegensatz zwischen Schreibarbeit und Jobmaloche, die kreative Energien freisetzt?
Ich mag den Kontrast: Beim Schreiben sitzt du dir den Arsch rund und sprichst an manchen Tagen nicht viel mehr Worte als die Getränkebestellung im Café. Viele Klischeevorstellungen, die man vom Baumarktleben hat, werden auch voll bestätigt, die Konventionsfalle ist hier ungemein groß: stark männerdominiertes Business, bisschen rau, bisschen plump, nicht selten derbe. Die Arbeit ist anstrengend und oft schmutzig, abends kommst du stinkend nach Hause. Das ist manchmal ganz gut, lüftet das Hirn schön durch.


Im Zentrum deines Romans «Der Tag endet mit dem Licht» steht ein Künstler, dessen Exzentrik locker mit der von Joseph Beuys mithalten kann. Adrian Ballon legt zwar keine Fettecken an, zersägt aber dafür ganze Häuser. Auch wenn sich eigentlich Wie-bist-du-darauf-gekommen-Fragen aus Prinzip verbieten: Wie bist du, bitte schön, auf all das gekommen? Auf einen Freak wie Ballon, die Urschel-Entführungsgeschichte, die Trierer Bobinet-Fabrik, Fridas Textilkunst? Gab es da etwas – ein Bild? ein Buch? eine Reise? ein Film? –, mit dem die Grundidee Gestalt annahm, quasi als Initialzündung?
Als ich fünfzehn war, habe ich in Köln Matthew Barneys Cremaster Cycle im Museum Ludwig gesehen. Das hat mich bis heute geprägt. Ich weiß noch, wie ich damals durch die Hallen getaumelt bin, vollkommen eingenommen von den Werken. Stundenlang hatte ich mir die Filme in einem der Vorführräume angeschaut. Später stand ich dann vor einer der Klavierskulpturen und konnte nicht anders: Ich streckte die Hand aus und musste sie einfach berühren. Einer der Aufpasser hat mich erwischt, mich angeschrien und fast rausgeworfen. Der Impuls über einen Künstler – oder Kunst an sich – zu schreiben, kam erst viel später. Mich reizt die Maßlosigkeit, das Exzentrische, und sicher auch der Wahnsinn. Das übt auch beim Erzählen einen großen Reiz aus. Bei der Arbeit am Roman ging es mir darum, mit Adrian Ballon eine Art Phantom zu erschaffen, dem es über weite Teile des Textes hinterherzuschreiben galt. Die Art von Kunst, die mich persönlich anspricht, hat immer etwas mit Narration zu tun, mit der Möglichkeit – oder eben auch der Unmöglichkeit –, die Geschichte, die einem Gegenstand eingeschrieben ist, als Betrachter dechiffrieren zu können. Eine Art Detektivspiel, wenn man so will. Natürlich ging es auch darum, die beiden Figuren, Frida Beier und Adrian Ballon, so unterschiedlich wie möglich zu positionieren: Er zerschneidet ganze Häuser, sie beschäftigt sich mit klassischer Tapisserie. Die einzelnen Bestandteile der Geschichte sind Resultat einer langen und breitaufgestellten Recherchephase, die eigentlich bis zum Ende des Schreibprozesses nicht geendet hat. Sound ist für mich auch eine wichtige Sache. Stundenlang habe ich mir Filmaufnahmen von Bobinet-Webmaschinen aus Archiven angeschaut, mir den Takt dieser Maschinen angehört. Genauso beim Ferrari 512 BBi: Ich brauchte einen Wagen, dessen Motorsound im Innenraum so laut ist, dass man sich nur schwerlich unterhalten kann. Zum Glück gibt es sehr viele Auto-Enthusiasten, die Videos von allem online stellen. Zum Beispiel ganze Videoserien von Autosammlern über Kaltstartversuche ihrer Supercars nach der Winterpause. Da sieht man dann fünfzehn Minuten lang eine Nahaufnahme von einem Autoheck und wie der Auspuff qualmt. (Hab ich mir nur ungefähr hundert Mal angeschaut ...)


Eigentlich müsstest du mal bei Ferrari nachfragen, ob mit dem, was du für das Renommee der Marke getan hast, nicht ein kleiner, feiner Deal möglich wäre. Oder glaubst du, dass in irgendeinem belletristischen Werk weltweit Ferraris 512 BBi-Bauserie derart im Fokus steht?
Ja, das wär schon geil. Nur befürchte ich, wäre ich viel zu doof, auch nur den Rückwärtsgang im BBi zu finden – ich bin ein ziemlich mieser Autofahrer und meistens mit dem Fahrrad unterwegs. Außerdem müsste ich, allein um mir den Ölwechsel leisten zu können, ordentlich Extraschichten im Baumarkt einlegen. So thanks, but no thanks.


Lesungen, Interviews, Auftritte, da dürfte in den nächsten Wochen einiges auf dich zukommen. Denis Pfabe live – wie sehr magst du diesen Teil des «Jobs» als Autor?
Der Weg bis zum fertigen Text ist schon eine recht stille, auf weite Strecken einsame Sache. Ich hab diesen Roman im Keller geschrieben, den Schreibtisch gleich neben der Werkbank aufgestellt: kein W-Lan, kein Handyempfang, kein Tageslicht. Jetzt mit dem Buch rauszugehen, wird sicherlich eine spannende Erfahrung. Aber ich freu mich natürlich auch drauf. Die «15 minutes of fame» laufen ja auch schnell ab ... Dann kann ich wieder runter in den Keller, am nächsten Text weiterschreiben.


Du bist Absolvent der Bayerischen Akademie des Schreibens und der Autorenwerkstatt Prosa am Literarischen Colloquium Berlin. Was lernt man da, was man in Eigenregie vielleicht gar nicht (oder nicht so früh oder nicht so gut) gelernt hätte?
Textwerkstätten, so wie ich sie kennenlernen durfte, hatten nicht nur direkte Auswirkung auf den konkreten Text, mit dem man jeweils vor Ort war, sondern auch im viel weiter gefassten Sinne auf all das, was das Schreiben betrifft. Eine der spannendsten Erfahrungen ist sicher, wie viel man durch die intensive Auseinandersetzung mit Texten anderer über sein eigenes Schreiben lernen kann. Und natürlich darf man nicht vergessen, dass Schreibwerkstätten auch immer für eine sehr große Chance stehen: Ohne die Bayerische Akademie des Schreibens am Literaturhaus München würde ich heute mit großer Wahrscheinlichkeit todunglücklich in einem 8-to-5-Job versauern.


Junge, aufstrebende Autor*innen, heißt es, leben alle in Berlin. Oder in Hamburg. Oder, wenn's gar nicht anders geht, auch in München. Du aber lebst in Bonn (nicht einmal in Köln …). Was hat Bonn, was Berlin und der ganze Rest nicht haben?
Hm, ich glaube, ich mag es einfach unaufgeregt: Nicht zu groß, nicht zu busy. Bonn ist genau meine Kragenweite. Das Literaturhaus stellt ein ordentliches Programm auf die Beine, Bad Godesberg und Bonn haben gute Schauspielhäuser, die Buchhandlungen hier sind alle gut sortiert, und dieses Jahr hatte sogar die wunderbare Marina Abramovic eine tolle Ausstellung in der Kunsthalle – was will man da also mehr? Naja, vielleicht zwei, drei Cafés mehr, in denen man gut schreiben kann ...

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