05.07.2018   von rowohlt

Ulla Lachauer: Brieffreundschaft

Ob auf Papier oder als E-Mail – Briefwechsel können extrem bereichernd sein. Trifft man auf einen begeisterten Imker, umso mehr.

© Eva Häberle
© Eva Häberle


Das erregende Gefühl, auf Post zu warten, hatte ich fast schon vergessen. Im Mai letzten Jahres begegnete es mir wieder, seitdem korrespondiere ich mit Lorenz K. (der im wirklichen Leben natürlich anders heißt). Lorenz K. lebt in Saarbrücken, ist etwa so alt wie ich, gelernter Drucker und passionierter Imker. Hat er heute schon geschrieben? Computer an, noch vor dem Frühstück! Anfangs war die Sache rein dienstlich - Lorenz K. wusste tausend Dinge, die ich für mein neues Buch brauchte. Mittlerweile ist eine Freundschaft entstanden. Und obwohl wir E-Mails wechseln, keine echten Briefe mit Postwertzeichen, ist es ähnlich prickelnd wie damals.


Meine erste Brieffreundin war Monika aus Bochum. Zwischen ihr und meinem Heimatstädtchen Ahlen lagen gut sechzig Kilometer, damals, 1964, eine ziemlich große Entfernung. Ich war zwölfeinhalb, sie fast dreizehn, wir waren also in etwa gleichaltrig, doch meinem Gefühl nach trennten uns Lichtjahre. Monika schrieb von Jungs, die sie küsste, von schummrigen Discos und den ersten Seidenstrümpfen, dabei erwähnte sie ihre „langen schlanken Beine“. Meine Bewunderung für sie war grenzenlos. So wie diese umschwärmte, Schule schwänzende Großstädterin wäre ich auch gern gewesen. Ich hingegen hatte stramme westfälische Waden, null Busen und musste um acht zu Hause sein. Nach etwa einem Jahr besuchte mich Monika. Vor mir stand ein pummeliges, zwergenhaftes und schielendes Mädchen, das kaum einen Satz herausbrachte. Es war eine verstörende Erfahrung, über die ich lange nachdenken musste. Später nutzte ich sie, gab mich in Briefen ein wenig anders als ich war, lernte, wie wunderbar es sein kann, mit der eigenen Identität zu spielen.


Unsere Französischlehrerin initiierte Brieffreundschaften in pädagogischer Absicht. Rekrutierungsfeld für die Briefpartner war eine Kaserne der französischen Armee in Baden-Baden. Für ein katholisches Mädchengymnasium vielleicht nicht unbedingt angebracht, aber sehr praktisch, denn die Bereitschaft für das Projekt war von beiden Seiten hundertprozentig garantiert. Ab der Untertertia hatte jede Schülerin einen Soldaten als Brieffreund - ausgewachsene Männer, so richtig zum Verlieben. Auf mich fielen bei der Verteilung gleich zwei ab: Jean-Claude und Jean. Jean-Claudes Briefe waren schüchtern und poetisch, er ließ mich in allen Einzelheiten wissen, wie seine Stube aussah und sein Elternhaus in Dijon. Daraufhin schilderte ich ihm die Wiesen meiner Großeltern, oder schickte ihm ein Foto unserer Jagdhündin. Jean hingegen schrieb knapp und direkt, in seltsam steiler Handschrift, fragte ungeniert nach meiner Oberweite und bombardierte mich mit Fragen: Wie kurz meine Mini-Röcke seien, ob ich schon mal … „Baiser quelqu‘ un“…Das hieß nicht „küssen“, sagte mein Lexikon, das hieß „ficken“. In meinen Antworten an Jean log ich schamlos. Während eines Ferienlagers in der Bretagne, in seiner Heimatstadt St. Malo, trafen wir uns einmal am Strand. Es dauerte keine zwei Minuten, bis dieser Jean herausfand, dass die großen harten Körbchen meines rotkarierten Badeanzugs zwei Erbsen auf einem Brett verbargen. Danach sprachen wir nicht mehr miteinander, und auch der Briefwechsel hatte sich erledigt. Die Korrespondenz mit Jean-Claude hielt bis zum Abitur, jedoch ohne dass einer von uns beiden ein Rendez-vous anstrebte. In Französisch brachte mir das immerhin eine Zwei ein.


Briefwechsel und leibhaftige Begegnungen passen nicht immer zusammen. Im Glücksfall jedoch ergänzen sie einander, stehen in wunderbarem Wechselspiel. Der Nachbarjunge in Ahlen, der sich in mich verguckte, war ein Briefeschreiber. Da ich auch mit sechzehn leider immer noch wenig Ausgang hatte, waren wir gezwungen, auf diese Weise zu korrespondieren. Dreihundert Meter nur waren unsere Elternhäuser entfernt, mein jüngster Bruder spielte den Kurier, den Liebesboten. In unseren Briefen ging es um Max Frisch und Hans Erich Nossack, um Che Guevara und verhasste Lehrer, Matheaufgaben, und natürlich um uns. Ich bin mir heute ganz sicher: Ohne den schriftlichen Gedankenaustausch, die in Worte gefasste Sehnsucht, die zu Papier gebrachten Träume und Nöte wäre unsere Freundschaft versiegt, hätten wir später nicht das verrückteste aller Abenteuer gewagt. In der Familie dieses Jungen, mit dem ich seit nunmehr einer Ewigkeit zusammenlebe, haben Brieffreundschaften Tradition: „Suche Briefkameraden!“, inserierte schon sein Vater als fünfzehnjähriger Bub in einer Comiczeitschrift namens „Dideldum“. Eine gleichaltrige Westfälin antwortete: „Ich bin zwar kein Kamerad, aber Deine Heimat Bayern würde ich sehr gerne kennen lernen…“. 1942 heirateten sie, blutjung, und schrieben sich dann wieder Briefe, bis er aus der russischen Kriegsgefangenschaft zurück war.


Auch meine Frauenfreundschaften existieren vor allem in Briefen. Wir sind über alle Welt verstreut, sehen einander oft Jahre nicht. Ohne diesen innigen Austausch wäre ich nicht die geworden, die ich bin, und einige Bereiche meiner Seele wären mir selbst verborgen geblieben. Zwei meiner ältesten Freundinnen schreiben immer noch auf Papier, in ihrer eigenwilligen Handschrift, während die anderen, auch ich, nach und nach zur E-Mail übergewechselt sind. Beruflich war diesbezüglich kein Entrinnen, aber warum haben wir uns der Digitalisierung eigentlich privat nicht entzogen? Neulich fand ich im Briefkasten ein getrocknetes Blatt von Dagmar, von einer Tour durch Kirgisien - solcherart Grüße sind selten geworden.


"J‘ai recu une lettre de la Russie!" Diesen Satz meiner fünfjährigen Nichte Véronique werde ich nie vergessen. Sie rannte mit dem Brief in der Hand durchs ganze Haus, schwenkte ihn und trompetete immer wieder heraus: Post aus Russland, von Tante Ulla! Es war Anfang der 1990er Jahre, ihr Freudenschrei war eine der letzten Botschaften aus dem Brief-Zeitalter. Kurz danach ging es zu Ende, seine letzten Jahre waren ungewöhnlich opulent, nach der Wende von 1989 war das Mitteilungsbedürfnis in Europa groß. Mir bescherten sie körbeweise Leserpost von alten Ostpreußen, die sich durch meine Bücher über ihre verlorene Heimat getröstet fühlten und ermutigt, wieder dorthin zu reisen. Es waren oft erschütternde Briefe, in denen die Menschen ungeschützt von ihren traumatischen Erlebnissen erzählten. Manche legten Kopien von Familiendokumenten bei, andere schickten Päckchen mit Wurst oder Machandelschnaps, selbstschnitzten Kuren-Wimpeln. Nach dieser beglückenden, sinnlichen Fülle war die digitale Zeitenwende für mich zunächst wie eine Hungersnot. Irgendwann hatte natürlich auch ich eine Homepage mit Kontaktformular. Was auch seine Vorteile hat: Böse Briefe, Pöbeleien und Morddrohungen, kommen nicht mehr leibhaftig zu Hause an.


Der Post in Europa ist ohnehin nicht mehr zu trauen. Ansichtskarten aus Sardinien, eingeworfen am Flughafen Olbia, brauchen bis Frankfurt vier Wochen! Und die Weihnachtsgrüße von unserer Freundin Swetlana aus Kobelewo (einem Dorf am Polarkreis) erreichen uns meist zu Ostern, wenn überhaupt. Mein Urgroßvater Heinrich hätte darüber nur gelacht. Im Krieg 1870/71 hat er aus Frankreich gut hundert Briefe ins westfälische Ahlen geschrieben, und seine Familie antwortete treu und brav, unter anderem schickte sie Zigarren an die Front, Kaneel, gebügelte Taschentücher und sogar rohe Eier. Dieser Briefwechsel ist komplett erhalten, nebst Daten, aus denen hervorgeht: Vom Absender zum Empfänger brauchte die Post – per Eisenbahn und Pferdekutsche – durchschnittlich zwei Tage. Und die Eier waren allesamt heil!


„Geschriebene Küsse kommen nicht an ihren Ort, sondern werden von Gespenstern auf dem Weg ausgetrunken“, notierte Frida Kahlo, die mexikanische Malerin, vor mehr als achtzig Jahren. Vielleicht hat sie Recht? Früher hätte ich ihr vehement widersprochen, für mich gab es kaum einen besseren Ort für Küsse als einen Briefumschlag.


Letztendlich bin ich der Verführung der neuen Medien erlegen. Was haben meine jüngeren Freunde nicht alles aufgeboten, um mich dafür zu gewinnen: gesimste Gedichte, sogar Haikus. Geburtstagsständchen per Skype, die bezauberndsten Handyfotos. Jemand aus unserer Clique alarmierte mich, als im Stuttgarter Schlossgarten die alten Bäume abgeholzt wurden - mein erster Flashmob (ein grässliches Wort, niemals würde ich an so was teilnehmen, dachte ich). Es war nicht der letzte. Vieles hätte ich verpasst, nicht zuletzt neue Ausdrucksmöglichketen. Nachdem ich in einer Ausstellung David Hockneys Zeichnungen auf dem iPhone gesehen hatte, liebe ich diese Alltagspoesie, seitdem benutze ich hin und wieder den Stift für einen handschriftlichen Gruß. Eine Blumenskizze dazu, und - „wusch“ - ist er in New York. „Ich denk an Dich. Hdl.“ Ja, auch dies Kürzel verwende ich manchmal, es ist weniger aufdringlich als „Hab dich lieb.“ Aus demselben Grund gefallen mir Emojis. Das Piktogramm mit der Träne im Auge deutet Traurigkeit an – leichthin, und setzt die Freundin nicht unter Druck.


Und jetzt diese Email-Freundschaft! Lorenz K. und ich schreiben uns schon mehr als ein Jahr: „Können Sie mir erklären, wie man Bienenköniginnen künstlich befruchtet?“ Mit Fachfragen fing es an. Er antwortete in der Regel sofort, in seiner privaten Bibliothek fand sich immer etwas Passendes. „Hier ein Artikel über Mumienhonig.“ – „Tausend Dank!“ - „Im Anhang etwas aus der Imkerzeitung der DDR, 1953.“ - „Haben Sie Zahlen über die Caesium-Belastung des Honigs nach Tschernobyl?“ - „Kriegen Sie gleich morgen früh.“ Ping-Pong, er-ich-er-ich, in raschem, oft täglichem Wechsel. Ließ er mich warten, war ich auf Turkey. Trotz des rasanten Tempos hatte unsere Korrespondenz etwas Altmodisches. Drei Monate, also hundert Mails, brauchten wir, bis es ein wenig privater wurde. Er lese vor dem Einschlafen das neue Buch von Eva Demski, gestand mir Lorenz K., dreißig Mails später grüßte er mit „Tschüssikowski“, woraufhin ich ihm einen Krimi empfahl. Als nach einem Sturm die alte Buche vor unserem Haus gefällt werden musste, teilte ich ihm meinen Kummer mit. In winzigen Schritten tasteten wir uns vor, zu Weihnachten schrieb er im Plural, er und seine Frau wünschten uns ein frohes Fest. Inzwischen kennt er meine politische Biografie und ich seine, mit den Jugendsünden sind wir gerade durch – und immer noch beim Sie. Seit fünf Tagen hat Herr K. nicht geschrieben. Der Schuft! ;)

Von Bienen und Menschen

Von Bienen und Menschen

Bienen sind sehr besondere Wesen. Wie es diesen kleinen, fleißigen Wesen ergeht, wie wir Menschen mit ihnen umgehen – das ist ein Seismograph für den Zustand unserer Welt.
Das Thema Bienen ist heute in aller Munde. Wer aber sind die Imker? Ulla Lachauer, für ihre Reportagen vor allem über Osteuropa vielgerühmt und preisgekrönt, hat in den ...  Weiterlesen

Preis: € 22,00
Seitenzahl: 386
Rowohlt
ISBN: 978-3-498-03926-4
24.07.2018
Erhältlich als: Hardcover, e-Book
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