03.05.2018   von rowohlt

Tex Rubinowitz: Retsina in New York

Was es heißt, für die Cartoonistin Roz Chast zu lettern. Und was das mit Udo (Jürgens, nicht Lindenberg) zu tun hat

© Roz Chast
© Roz Chast


Ich bin ein bisschen mit Roz Chast befreundet, nicht sehr eng, früher haben wir uns Postkarten geschrieben, jetzt schreiben wir uns Mails. Ich bin schon sehr lange ein Fan ihrer Cartoons, die sie für den New Yorker zeichnet, besitze alle ihre Werke und hatte die Ehre, ihr letztes Buch, das über ihre Eltern («Können wir nicht über was anderes reden?») komplett zu lettern, auch weil meine Schrift ihrer nicht unähnlich ist. Vor nicht allzu langer Zeit schrieb sie, sie plane ein Buch über New York, ihre Heimatstadt, aus der sie irgendwann fliehen musste, als ihre Kinder noch klein waren, wegen der horrenden Lebenshaltungskosten, da musste sie aufs Land, nach Connecticut. Und nun, da ihre Tochter groß sei und in New York zu studieren gedenke, wolle sie ihr etwas mitgeben, eine Art persönlichen, subjektiven Stadtführer. Sie hatte aber noch keine Ahnung, wie sie das Buch anlegen sollte, wie es aussehen würde. Auch ich machte mir so meine Gedanken, aber nur für mich, denn das ist ihre Stadt und ihr Plan, und ich dürfte das ja auch gar nicht, denn ich war noch niemals in New York.


Wenn man Roz Chast Udo Jürgens' Stoßseufzer «Ich war noch niemals in New York» erklären und sie auf ihre Gegenfrage, wer denn dieser Udo sei, dass er sich so nach New York verzehre, informieren müsste, dieser Udo sei ja «nur» der Interpret gewesen, der Text stamme von einem Mann namens Michael Kunze, der auch «Griechischer Wein» geschrieben habe, würde sie vielleicht so weitermäandern, ah, griechischen Wein, den habe sie auch mal getrunken, aber auch wenn sie ein Weintyp sei, bei griechischem Wein steige sie aus, der schmecke komisch, wie eine Fußtinktur, und man könnte dann nachschieben, ja vielleicht wie eine Fußtinktur, aber es gebe sicher keine Fußtinktur, nach der ein Asteroid benannt wurde, wohl aber gebe es einen Asteroiden, der Retsina heiße, entdeckt am 24. März 1979 von einem Schweizer Astronomen namens Paul Wild, worauf sie, wenn sie eine Auskennerin wäre, dann wiederum entgegnen könnte, gut, Paul Wild, der habe 94 Asteroiden entdeckt, die er beispielsweise Heidi, Upupa, Rumpelstilz, Zwicky und Schubart genannt habe, in dem Kontext sei ein Asteroid, der da oben irgendwo herumschwirre (-schwörre? Sie kann zwar gut Deutsch, ist aber manchmal nicht ganz konjunktivfirm) und wie eine Fußtinktur heiße, mindestens so erwartbar wie ein nach Schubart, der das Forellenquintett geschrieben hat, benannter. Man wäre ein bisschen erstaunt, wie bitte, das sei doch von Franz Schubert, vertausche sie da nicht gerade einen Vokal, nein, nein, würde Roz seufzen, Christian Friedrich Daniel Schubart habe das Libretto für Franz Schuberts Forellenquintett geschrieben, so wie Kunze für «diesen Udo» das Lied über New York, so schließe sich mal wieder ein Kreis, und man könne wieder zurück zum Anfang gehen, was genau werde in Udos Lied beklagt? Na ja, würde ich antworten, es gehe darum, dass ein resignativer Mann zum Zigarettenautomaten gehe und denke, er könne jetzt einfach ausbrechen, abhauen, sein bisheriges Leben, alles hinter sich lassen, es aber dann schlussendlich doch nicht mache:


«Dann steckte er die Zigaretten ein und ging wie selbstverständlich heim
Durchs Treppenhaus mit Bohnerwachs und Spießigkeit
Die Frau rief ‹Mann, wo bleibst du bloß, Dalli, Dalli geht gleich los›
Sie fragte ‹War was?› – ‹Nein, was soll schon sein.›
Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals auf Hawaii
Ging nie durch San Francisco in zerriss'nen Jeans.»


Dann fragte Roz, warum denn New York und kaputte Hosen die Alternative zu Bohnerwachs und Dalli Dalli seien, ob ich das auch glaubte, und was denn überhaupt Bohnerwachs und Dalli Dalli seien? Irgendwas mit Bohnen, Wachsbohnen? Diese gelben Bohnen? Und Dalli Dalli ein Gericht, mit gelben Wachsbohnen? Ach, ja, antwortete man, dann, weil man gerade nicht weiß, was Bohnerwachs auf Englisch heißt, und dann sagte sie, sie verstehe, klinge nicht sehr verlockend, andererseits sei es grotesk, kaputte Hosen und New York als Alternative zu so einem Gericht zu sehen, aber in einer Galaxis, in der Asteroiden namens Retsina und Schubart herumschwörren, habe eben alles seinen Platz und seine Berechtigung. Und ich sagte, Roz, mach doch darüber dein Buch über New York, eingedenk der Tatsache, dass das Groteske, das Abseitige, das Verbogene und Verborgene sie für ihre Cartoons schon immer angezogen haben, und sie erwiderte, ja, sie nehme meine Vorschläge gerne an, vielleicht könne sie ihrer Tochter eben über diesen Brechstangenumweg über Bohnen und übel schmeckenden Wein die sehnsuchtsauslösende Exotik der Stadt schmackhaft machen, vielleicht könne sie den Stadtführer ja auch gleich «Retsina in New York» nennen. Ich freute mich schon. Wieder würde ich das Lettering übernehmen, und diesmal wäre ich sogar Stichwortgeber, würde nicht mal darauf bestehen, dass sie mich als Quelle nennt.


Es kam dann leider anders.

Ein Liebesbrief an New York

Ein Liebesbrief an New York

Dies ist kein Reiseführer für New-York-Besucher im klassischen Sinne, kein Geschichtsbuch und kein Großstadtmemoir. Dies ist die bedingungslose Liebeserklärung einer Autorin an ihre Stadt, die sie mit uns teilt. Und nein, Roz Chast hat keine Angst, dass sie uns zu viele Geheimnisse verrät, denn: «Manhattan ist schon am Arsch, seit die Holländer es ...  Weiterlesen

Preis: € 18,00
Seitenzahl: 176
Rowohlt
ISBN: 978-3-498-00945-8
24.04.2018
Erhältlich als: Hardcover
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