19.04.2018   von rowohlt

Sara Baume: Die kleinsten, stillsten Dinge

Mit der Irin Sara Baume wirft Tex Rubinowitz einen Blick auf jene Übereinkünfte, die es im Leben braucht, um am Leben zu bleiben

© Hertha Hurnaus
© Hertha Hurnaus


Die kleinsten, stillsten Dinge sind die, die nicht gesagt werden müssen, bestimmte Übereinkünfte, dass das Leben offenbar lebt, auch wenn es sich vielleicht nicht so anfühlt, Dinge, die sich müde und erschöpft fügen, damit man nicht aufgibt, dass nicht alles auseinanderfällt.


Die 1984 geborene Irin Sara Baume hat ihren Erstlingsroman am Rande der Gesellschaft angesiedelt, sie hat zwei müde Protagonisten zusammengebracht, einen Außenseiter jenseits der fünfzig, der schon immer alt und scheu war, und einen einäugigen Hund, den das Leben, nun ja, wie einen Hund behandelt hat.


Der Mann erzählt dem Hund aus seinem isolierten Leben, ein Resümee all der kleinsten, stillsten Dinge, aus denen er mit dem Hund ein paar matte Hoffnungsschimmer zu generieren versucht, eine Erklärung, eine Lösung, aber dann muss er doch fort, etwas in seinem alten Leben hat sich verschoben, will sich auch nicht geraderücken lassen, und eine Bedrohung rückt immer näher, und auch eine Flucht wird das nicht lösen. Trotzdem irren die beiden durch ein nasses Irland, schlafen und essen im Auto, getrennt von der Welt durch beschlagene Fensterscheiben, sie teilen alle Geheimnisse, aber die Geheimnisse holen sie ein. Und zum ersten Mal empfinden sie auf ihrer Flucht so etwas wie Freiheit, und das Trügerische daran wird einfach ignoriert, weil die Welt die beiden Flüchtigen bisher auch ignoriert hat.


«Kühe bewegen sich so unmerklich wie die Zeiger einer Uhr und kommen irgendwo an, ohne einen sichtbaren Schritt getan zu haben.»


Eines der schönsten und anrührendsten Bücher über eine zittrige Freundschaft, die aus Not geboren wurde und die für einen Moment Restkraft zu mobilisieren in der Lage ist, mit der man nicht mehr gerechnet hat, vielleicht ist das Hoffnung, vielleicht Liebe. Wenn Trauer und Tränen schon längst versiegt sind, und auf die war sowieso noch nie Verlass.


Die Trauer und die Tränen übernehmen dann wir, die Leser.

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