12.04.2018   von rowohlt

Rowohlts Literaturmagazin 9: Der neue Irrationalismus

«Das unglaublich gefährliche Pariser Denken»: Weshalb Iris Radisch als 18-Jährige nach einem speziellen «weißen Buch mit pinkem Rand» griff

© Thorsten Wulff
© Thorsten Wulff


In meinem Westberliner Elternhaus kam man ohne Bücher durch die endlosen Nachkriegssonntage. Die Zeit verging auch vorm Fernseher, und amerikanische Fernsehserien waren damals auch nicht so viel schlechter als heute. Im Deutschunterricht analysierten wir Waschmittelwerbung. Im Geschichtsunterricht ging es um den Systemvergleich zwischen Ost- und Westdeutschland. An eine Zeit vor der Mauer kann ich mich nicht erinnern. Die erste nichtbombardierte Stadt, die ich sah, war Paris. Da war ich siebzehn. In Wahrheit waren wir die Eingemauerten. Die  Welt begann für uns irgendwo hinter Helmstedt, aber man fuhr da nicht oft hin. Ich schicke das voraus, um mir selbst zu erklären, warum mich die neunte Ausgabe von Rowohlts Literaturmagazin als Achtzehnjährige so ergreifen konnte.


Ich weiß nicht mehr, woher ich Rowohlts Literaturmagazin 9 hatte. Es erschien im Frühling 1978. Vielleicht war in der Schule davon die Rede, vielleicht war es ein Zufall. Heute bestelle ich mir das weiße Buch mit pinkem Rand antiquarisch und versuche zu verstehen, was mich daran so  begeisterte, dass ich das Leseerlebnis nie vergessen habe. Die von Nicolas Born, Jürgen Manthey und Delf Schmidt redigierte Mainummer des Literaturmagazins beschäftigte sich mit der jüngsten französischen Philosophie. Es enthält Beiträge von Jean Améry, Lothar Baier, Oskar Negt und ein Gespräch zwischen Lucio Colletti, André Glucksmann und Bernard-Henri Lévy. 


Es war nicht mein erstes Rowohlt-Buch. Das erste war Simone de Beauvoirs «Das andere Geschlecht». Aber es war das folgenreichste. Als ich es las, stand ich kurz vor dem Abitur. Ich erinnere mich an ein elektrisierendes Gefühl direkt unter der Kopfhaut, das sich beim Lesen einstellte. Die neuen französischen Philosophen, um die es in dem Buch ging, waren mir  damals noch vollkommen unbekannt. Und Rowohlts Literaturmagazin ließ auch kein gutes Haar an ihnen. Lothar Baier schrieb, die französischen Denker ließen sich als «Theoretiker der Theorielosigkeit» feiern, obwohl sie es sich auf ihren Lehrstühlen am Collège de France bequem machten. Oskar Negt wies ihnen mit  unverständlichen Argumenten nach, dass sie vom wahren Marxismus keine Ahnung hätten. Jean Améry – ein ausgeschnittenes Zeitungsfoto von ihm im schweren Wintermantel auf einer Parkbank klebte aus irgendwelchen Gründen seit langem an meiner Kinderzimmerwand – beklagte den gefährlichen «Irrationalismus» der Pariser Denker. 


«Der neue Irrationalismus» hießt ja auch warnend der ganze Band.  Améry erinnert an den Mai 68 in Paris, die Barrikaden, die flammenden Autos, an die Redekaskaden im Théâtre de l'Odéon, an die asketischen Gesichter der Studenten. Was, fragt Améry, ist aus den entflammten Revolutionären zehn Jahre später geworden? Seine Antwort: resignierte Pseudophilosophen – die in Paris jede Kultursendung bevölkernden Nouveaux philosophes, die nichts Besseres zu tun hätten, als die cartesianische Vernunft, der sie ihre erstklassige Ausbildung verdanken, zu zerstören. Sie seien verblendet, so Améry weiter, wenn sie die Ratio zur Schuldigen an den größten Übeln des 20. Jahrhunderts erklärten:  am Marxismus, an der wissenschaftlichen Weltauffassung, an der Technokratie, am Ethnozentrismus und am Stalinismus. Améry hielt das für Unsinn. Die neuen Pariser Philosophen wüssten nicht, was sie da anrichteten. Alles käme darauf an, schrieb Jean Améry, dass man den «intellektuellen Verbalexzessen» der französischen Denker, ihrer «Verzückung angesichts der eigenen scharfgeschliffenen Gescheitheit» Maß und Mäßigung des unbestechlichen Verstandes entgegensetzte.


Aus alldem folgte für mich damals nur eines: Ich wollte alles über das unglaublich gefährliche Pariser Denken in Erfahrung bringen. Den brillant formulierten Warnungen der deutschen Intellektuellen glaubte ich, obwohl ich noch keine Zeile von Foucault, Derrida oder Glucksmann gelesen hatte, offenbar kein Wort. Dass Horkheimer und Adorno in der «Dialektik der Aufklärung» ähnliche Zweifel an der Verabsolutierung der Vernunft formulierten wie die französischen Philosophen, wusste ich im Mai 1978 noch nicht. Das erfuhr ich erst, als ich in Frankfurt am Main Philosophie und Romanistik studierte. Ohne Rowohlts Literaturmagazin 9, das aus  Zufall in meinem Westberliner Kinderzimmer landete, wäre das nicht passiert.

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