12.04.2018   von rowohlt

Maurice Nadeau: Geschichte des Surrealismus

Vom Reiz früherer Lektüren: Georg Klein nimmt ein 1965 erschienenes schmales Rowohlt-Buch zur Hand – und erinnert sich

© picture alliance / Frank May
© picture alliance / Frank May


Das ewige Leben hat es vermutlich nicht. Aber mit hoher Wahrscheinlichkeit wird dieses schmale Bändchen zu jener Handvoll Druckwerke gehören, die mich bis zuletzt durch alle Regale, die ich eigenhändig mit Lesestoff bestückte, begleitet haben werden.


Vergilbt wäre ein Euphemismus für die Brauntöne, die sein Papier mittlerweile angenommen hat. Nach knapp fünf gemeinsamen Jahrzehnten sieht es ungefähr so alt aus wie ich. Und schon als ich es mit hübsch glatter Schülerhand aus dem Drehständer einer Augsburger Taschenbuchhandlung zog, besaß es eine besondere Patina: jenen Edelrost, der sich über eine Moderne zu legen begonnen hatte, von deren Repräsentanten noch einige fortlebten, während sich der Blick auf ihr Schaffen bereits von einem zeitgenössischen in einen zeitgeschichtlichen, ja allmählich in einen historischen zu verwandeln begonnen hatte.


Irgendwo in diesem Zeitspiel fußt mein notorisches, fast fetischistisches Festhalten an Maurice Nadeaus «Geschichte des Surrealismus». Wenn ich das Büchlein an irgendeiner Stelle aufschlage und zu lesen beginne, kommt mir fast jeder Satz bekannt vor, nicht nur, weil ich die erzählte Szene oder den verhandelten Gedanken wiedererkenne, sondern mehr noch, weil mich die jeweilige Passage – wie ein Geruch oder eine Farbe! – unwiderstehlich an den einen oder anderen erinnert, der ich bei den früheren Lektüren gewesen bin.

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