05.07.2018   von rowohlt

Katharina Adler: Mein Schreibtisch

Wie viel große Literatur ist in Kaffeehäusern entstanden! Aber man kann auch wundervolle Sätze in einem Barambiente zu Papier bringen.


Die Favorit Bar in München beherbergt mich und meinen Schreibtisch als Untermieter. Für mich ist es eine Ehre, hier Mieterin zu sein, denn das Favorit ist einer der unbestritten besten Orte der Stadt, ja, ich würde es eine Institution im Bereich der Abendvergnügungen nennen.
Seit ein paar Jahren schon darf ich hier arbeiten. Tagsüber ist ja kein Barbetrieb, und ich habe einen schönen kargen Raum, in dem sich nur das Nötigste zum Schreiben befindet: Bücher, Recherchenotizen, ein paar Fotografien. 


Der Blick führt von meinem Schreibtisch auf einen Hinterhof. Anfangs war der recht trostlos. Dann taten sich aber die Bewohner des Hauses zusammen, und ich staune immer noch, wie mit nur ein paar Eimern Farbe und einer Reihe Blumentöpfe dieser Ort sich in ein solches Schmuckstück hat verwandeln können. Ja, selbst die Mülltonnen direkt vor meinem Fenster stören nicht mehr besonders. Eigentlich mag ich sie sogar ganz gern. Denn mittlerweile winken mir alle Hausbewohner, die ihren Müll wegbringen, zu. Sie bemerken auch, wenn ich eine Weile nicht da war, und freuen sich, mich dann wieder an meinem Schreibtisch zu sehen. Am herzlichsten grüßt mein Hinterzimmer-Nachbar, ein Künstler, der in seinem Atelier oft, während er malt, laut und mit viel Herz japanische Lieder singt. 


Der Schreibtisch selbst ist leider nicht ganz so freundlich zu mir. Inzwischen ist es trotz vieler Hilfestellungen – Laptop-Ständer, austarierter Bürostuhl, externe Tastatur – nicht mehr möglich, komplikationsfrei an ihm zu arbeiten: Meine Nackenmuskeln sind aus Stein, Nerven im Rücken haben sich verklemmt, Hüftschmerzen mussten schon fortgespritzt werden. Derzeit teile ich insgeheim mein Leid mit einer Tänzerin, mit Michaela DePrince, die Solistin am Niederländischen Staatsballett ist. Ihre Bewegungen, ihre Sprünge sind begnadet, im Augenblick ist sie nur leider verletzt. Täglich absolviert sie deshalb ein auf sie abgestimmtes mühevolles Programm aus Fitness- und Balletttraining, das sie auf Instagram teilt.


Ich folge dem voll Bewunderung. Sogar ihre Rehabilitationsübungen haben solch eine Grazie und Ausdruckskraft! Mir selbst sehe ich lieber nicht zu, wenn ich mich morgens auf meiner Matte durch die vom Physiotherapeuten empfohlenen Übungen durchrackere. Aber sich am strengen Programm einer Tänzerin zu orientieren, ist ein ganz guter Ansporn. Während ich mein Gesäß über ein Nudelholz rolle (Empfehlung des Physiotherapeuten: «Sparen Sie sich das Geld, Blackroll braucht es gar nicht») oder im Unterarmstütz vor mich hin zittere, stelle ich mir gerade manchmal vor, ich trainiere, um zurück auf die Bühne zu können und nicht nur an meinen Schreibtisch. 

Ida

Ida

Sie ist eine der bekanntesten Patientinnen des 20. Jahrhunderts: Dora, das jüdische Mädchen mit der 'petite hystérie' und einer äußerst verschlungenen Familiengeschichte. Dora, die kaum achtzehn war, als sie es wagte, ihre Kur bei Sigmund Freud vorzeitig zu beenden, und ihn, wie er es fasste, "um die Befriedigung [brachte], sie weit gründlicher von ...  Weiterlesen

Preis: € 25,00
Seitenzahl: 512
Rowohlt
ISBN: 978-3-498-00093-6
24.07.2018
Erhältlich als: Taschenbuch, Hardcover, e-Book
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