05.12.2018   von rowohlt

Andreas Bähr: Leitsterne

«Vor 400 Jahren stand schon einmal ein weltgeschichtlich verheerender Schweifstern am Himmel, und zwar kein metaphorischer, sondern ein echter …»

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Donald Trump war noch keine sieben Tage Präsident der Vereinigten Staaten, als der SPIEGEL auf dem Cover von Ausgabe 46/2016 das «Ende der Welt (wie wir sie kennen)» prophezeite. Satirisch visualisiert wird das düstere Szenario durch ein zwar gesichtsloses, jedoch zweifelsfrei identifizierbares Konterfei des amerikanischen Staatsoberhaupts, das in Gestalt eines Kometen den Weltraum durchmisst und im Begriff ist, die Erde, auf die es mit aufgerissenem Rachen zurast, zu verschlingen. Bemerkenswert an der Prognose ist nicht allein, dass sie sich gegenwärtig in einer Weise bewahrheitet, die sich mit Karikaturen kaum noch darstellen lässt. Bemerkenswert ist vor allem auch, dass sie auf einen Kometen zurückgreift, auf ein Himmelsereignis also, das noch bis vor gut einhundert Jahren nicht nur den Untergang der bis dato bekannten Welt verkünden konnte, sondern auch den der Welt überhaupt. Bemerkenswert ist, mit anderen Worten, dass hier die Bildlichkeit der neutestamentarischen Apokalypse aufgerufen wird – eine Bildlichkeit, die, wenn auch kaum dem Präsidenten selbst, so doch seinen Beratern und Strategen sehr vertraut gewesen sein dürfte: Stephen Bannon war es, der die Johannes-Offenbarung studiert hatte und mit der erklärten Absicht die politische Bühne betrat, seinem Dienstherrn zu zeigen, wie die Welt gezielt an ihr Ende geführt werden kann. 


Das Ausmaß des Desasters ist bereits daran zu ersehen, dass die Erleichterung nach Bannons Rauswurf rasch der Erkenntnis wich: Trump kommt in Sachen Endzeit auch ohne ihn klar. Ein Komet habe in die internationale Ordnung eingeschlagen, notierte denn auch Joschka Fischer am 30. Mai dieses Jahres, «ein Komet namens Donald Trump». Bereits an Fischers Bemerkung wird deutlich: Dieser Präsident ist nicht nur ein weltpolitisch katastrophales, sondern auch ein feuilletonistisch dankbares Ereignis. Dennoch wollen wir ihm hier keinen weiteren Raum geben. Lieber gehen wir in die Geschichte zurück und suchen nach den historischen Spuren der Kometen-Allegorese. Noch interessanter als Trump ist nämlich der Komet als ein apokalyptisches Zeichen. 


Vor vierhundert Jahren stand schon einmal ein weltgeschichtlich verheerender Schweifstern am Himmel, und zwar kein metaphorischer, sondern ein echter. Es war Ende November 1618, als ein Großer Komet über Europa erschien, der nicht nur durch die Fernrohre der Astronomen, sondern auch mit bloßem Auge bis in den Januar des darauffolgenden Jahres zu beobachten war. Dieser Komet, der uns heute faszinieren würde, versetzte die, die ihn sahen, zumeist in Furcht, Angst und Schrecken. Denn diese Menschen wussten: Ihnen stand jetzt großes Unheil ins Haus. Im Schweifstern am Himmel erkannten sie nicht nur ein natürliches Ereignis, sondern auch ein göttliches Zeichen. In ihm lasen sie den Willen und das Wort Gottes, die Androhung seiner Strafe für die Sünden der Menschen: Pest, Hunger und Krieg, Umsturz im Weltlichen und Geistlichen und den vorzeitigen Tod von Monarchen und Fürsten. Denn es war doch unübersehbar: Kometen glichen feurigen Ruten und blutigen Schwertern.


Und man konnte auch bereits das genaue Strafmaß erahnen. Ein halbes Jahr zuvor, am 23. Mai 1618, hatten im Hradschin zu Prag aufgebrachte protestantische Ständevertreter die Räte des Kaisers aus dem Fenster geworfen, um sich gegen die kompromisslose Rekatholisierungspolitik der Habsburger zu wehren. Wer wollte da nach dem Erscheinen des Winterkometen noch zweifeln: Dieser Krieg würde jetzt weitere Kreise ziehen, über Böhmen hinaus nach ganz Deutschland und Europa. Es stand, so schien es, ein Krieg von ungekanntem Ausmaß bevor.


Wie war das zu erklären? Vor allem Protestanten waren überzeugt: Kometen entstanden aus stinkenden schwefligen Dämpfen, die zum Himmel aufstiegen, und die speisten sich ihrerseits aus den Sünden der Menschen. Schweifsterne waren ein kosmisches Reinigungsmittel. Sie standen am Himmel, um die Welt von der Sünde zu befreien – indem sie Leid und Elend über sie brachten, den Bösen zur Strafe und den Frommen zur Prüfung. Wenngleich ein außergewöhnliches Ereignis, waren Kometen in den Augen der meisten doch ein Teil der Natur (und kein übernatürliches Wunder). Diese Natur allerdings war das Schöpfungswerk Gottes. Kometen führten das Unheil herbei, das sie prophezeiten, indem sie die Ordnung der Natur, die Harmonie von Mikrokosmos und Makrokosmos, aus dem Gleichgewicht brachten. Und sie taten dies, weil ihre Existenz ihrerseits auf eine kosmische Ordnungsstörung zurückging. Das schrieben nicht nur die Theologen, sondern auch die Astronomen, und zwar nicht nur die aristotelisch gesinnten, sondern auch die moderneren: jene, die davon ausgingen, dass nicht die Erde im Zentrum des Universums stand, sondern die Sonne. Johannes Kepler ist das beste Beispiel dafür. Dass Kometen auf die Erde stürzen könnten, meinte zu dieser Zeit zwar noch niemand; das wurde erst 1692 von Edmond Halley für möglich gehalten (und damit die biblische Sintflut erklärt). Aber sie zeichneten, so Kepler, unmittelbar für Dürre, Seuchen und martialische Affekte verantwortlich. 


Auch wenn wir uns bald in der Weihnachtszeit befinden: An den Stern von Bethlehem war hier also nicht zu denken. Bis heute ist ungeklärt, was es gewesen sein könnte, das im Matthäus-Evangelium die drei Weisen zur Krippe des Jesuskindes führt: ein Komet (der Halley’sche des Jahres 12/11 v. Chr.?), eine Supernova oder eine astronomische Konstellation. Eines jedoch ist unzweifelhaft: 1618 war die Weihnachtsgeschichte für die Interpretation des Schweifsterns nicht relevant. Zwar hatte die italienische Renaissancemalerei den bethlehemitischen Stern noch als Kometen darstellen können, ausgehend von Kirchenvätern wie Origenes und scholastischen Theologen wie Thomas von Aquin. Die «Anbetung der Könige» von 1302 ist ein schönes Beispiel dafür, ein Fresko Giotto di Bondones, der im Jahr zuvor den Halley’schen Kometen hatte beobachten können (der freilich erst seit 1682 diesen Namen trug: seit ihn Edmond Halley entdeckt und als kurzperiodischen Schweifstern identifiziert hatte). Doch zu Beginn des 17. Jahrhunderts mochte dieser Position kaum einer mehr folgen. Zu lang und erdrückend schien die Liste mit Exempeln und historischen Beweisen geworden zu sein, die in jedem einschlägigen Traktat studiert werden konnte. Wer in die Geschichte zurückblickte, musste erkennen: Kometen verkündeten Unheil, nicht Heil.


Wer wollte da noch meinen, beim Stern von Bethlehem einen Kometen vor sich zu haben? Denn der war ja, wie der Darmstädter Superintendent Heinrich Leuchter am Dreikönigstag 1619 betonte, eine stella lucis, ein «Stern des Lichts» – und kein «Stern des Kreuzes» (stella crucis). Der Winterkomet markierte nicht Jesu Geburt, sondern dessen Tod. Oder um es weltgeschichtlich zu wenden: Der Stern der Weisen verwies auf die erste Ankunft des Herrn und der Winterkomet auf die zweite: auf Christi Wiederkehr vor dem Jüngsten Gericht und dem Ende der Welt. So formulierte es Helwig Garth, Pfarrer an der evangelischen Kirche St. Salvator in Prag, am 2. Advent 1618. (Nebenbei bemerkt lag die zweite Ankunft des Heilands in der ersten immer schon verborgen, denn Christi Geburt war auch die Verheißung der endgültigen Befreiung aus der Zeit irdischen Leidens. Die Offenbarung des Johannes ist ein Buch des Neuen Testaments, nicht des Alten. Daher war es für spätantike und mittelalterliche Theologen durchaus konsequent, auch den Stern von Bethlehem für einen Kometen zu halten.)


Im Angesicht des Winterkometen befürchteten viele den Beginn eines lang andauernden Krieges. Doch wirklich sicher konnten sie sich dabei kaum sein. Sie konnten nicht wissen, ob tatsächlich eintreten würde, was das Vorzeichen zu verkünden schien, und natürlich wussten sie auch nicht, wann der Krieg, wenn er denn kommen sollte, wieder zu Ende sein würde. Was blieb dann zu tun? Sieht man von denen ab, die sich jetzt ermuntert sahen, zu den Waffen zu greifen: Was allein half, so schien es, waren Buße und Umkehr, der Beginn eines gottesfürchtigen Lebens. Denn mit dem Kometen, so wurde es von den Kanzeln gepredigt, stellte Gott nicht Unausweichliches vor Augen. Er sprach eine Warnung aus. Sein Zeichen gab Gelegenheit zur Abwendung dessen, was drohend bevorstand. Es verkündete, was jene erleiden würden, die die Zeichen missachten. 


Doch es war noch etwas anderes nötig: Warten – und Schreiben. Die Garantie für eine verlässliche Exegese der göttlichen Zeichen bot allein die künftige Retrospektive: die historische Erfahrung, der Ausgang der Dinge. Dafür war nicht nur das Zeichen zu notieren, sondern auch das Geschehen in seiner Folge. Der Komet von 1618 initiierte eine Geschichtsschreibung, in Chroniken und Autobiographien, die zu beweisen versuchte, dass das Ereignis am Himmel tatsächlich die ihm unterstellte Bedeutung besaß. Das «Zeytregister» des Ulmer Schuhmachers Hans Heberle steht dafür exemplarisch. Es hält fest, was im Ulmer Territorium während der Kriegszeit geschah, und es steht für eine historiographische Praxis, von der die Geschichtswissenschaft bis zum heutigen Tag profitiert.


War die Bedeutung des Zeichens dann verifiziert, wirkte das mitunter auch noch einmal auf die zeichenhafte Erscheinung zurück. 1648, nach Abschluss des Westfälischen Friedens, meinten sich nämlich nicht wenige zu erinnern, dass der Winterkomet genau dreißig Tage am Himmel gestanden hatte – entgegen den Beobachtungen der Jahre 1618 und 1619. Jetzt war ihnen klar: Dieser Schweifstern hatte nicht nur den vergangenen Krieg prophezeit, sondern auch, welche Kreise er ziehen würde: dass es ein dreißigjähriger werde. Der Glaube an eine göttliche Vorsehung steuerte nicht nur den Blick in die Zukunft, sondern auch den Rückblick in die Geschichte. 


Dieser Glaube lebte länger, als man zunächst meint. Noch im September und Oktober 1914, als der Delavan’sche Komet über den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs erschien, erkannten viele Soldaten in ihm ein göttliches Zeichen: die Ankündigung furchtbarer Schlachten. Auch sie wussten zu diesem Zeitpunkt bereits, wovon sie sprachen. Und die Gebildeten unter ihnen erinnerten dabei an den Kometen von 1618. Nicht wenige allerdings sahen in der Gewalt, die dieser neue «Kriegskomet» prophezeite, zunächst gar kein Unheil: nicht die Reinigung der Welt von den Sünden der Menschen, sondern die notwendige Läuterung einer dekadenten Moderne. So etwa der Maler Franz Marc, bevor auch ihn das Gemetzel desillusionierte (und im März 1916 bei Verdun in den Tod riss). Ähnlich die Sicht der Nationalisten: Dieser Komet strafte nicht diejenigen, die ihn erblickten, sondern ihre militärischen Gegner. Und auch in den Briefen des Chirurgen Lorenz Treplin oder den Versen des expressionistischen Dichters Friedrich Kurt Benndorf spiegelte sich im «Kriegskometen» der Krieg. Doch war dieser Schweifstern in ihren Augen nicht schrecklich, sondern erhaben und schön; denn so war für sie auch das Geschehen, über dem er erstrahlte. 


Und heute? Den Halley'schen Kometen, der zuletzt 1986 über den Himmel zog, haben viele Europäer gar nicht gesehen (auch nicht der Autor dieses Textes). Und wer doch Gelegenheit dazu hatte, hat in ihm kaum einen Leitstern erkannt. Orientierung suchen wir in diesen Tagen nicht mehr am Firmament. Und wenn wir dennoch hinaufblicken, finden wir – dort, wo Krieg herrscht – die Leuchtspuren von Flugabwehrgeschossen. Die Zukunft verkünden diese Lichter nicht mehr. Zeichen sind sie gleichwohl.

Der grausame Komet

Der grausame Komet

Wenn Gott den Menschen den Krieg erklärt.
Als Beginn des Dreißigjährigen Krieges gilt heute der Prager Fenstersturz im Mai 1618. Für die Zeitgenossen jedoch war ein anderes Ereignis ausschlaggebend. Als im Dezember desselben Jahres ein heller «Winterkomet» mit einem rutenförmigen Schweif am Himmel erschien, sahen sie in ihm die Prophezeiung eines ...  Weiterlesen

Preis: € 19,95
Seitenzahl: 304
Rowohlt
ISBN: 978-3-498-00679-2
20.10.2017
Erhältlich als: Hardcover, e-Book
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