19.04.2018   von rowohlt

Albert Camus: Der erste Mensch

Die lebenslange Suche nach Identität und der Reichtum des Fremdem: Ulla Lachauer über ein Buch, das sie «wie ein Blitzschlag» traf

© Eva Häberle
© Eva Häberle


Camus‘ letztes Buch traf mich wie ein Blitzschlag. Ein eilig geschriebenes autobiografisches Werk, das Fragment blieb, weil er im Januar 1960 bei Paris mit dem Auto tödlich verunglückte. Drei Jahre zuvor, nachdem ihm der Literaturnobelpreis zugefallen war, auf dem Zenit seines Ruhms, hatte er sich auf eine schon lange fällige Erkundungsreise gemacht: Wer bin ich? Wo komme ich her?


Er suchte nach den Spuren seines Vaters, der im Ersten Weltkrieg fiel und den er nie kennenlernte. Er erinnerte sich an die Vorstadt von Algier, wo er in Armut aufwuchs, an seine depressive geliebte Mutter, die nicht lesen und schreiben konnte, die gestrenge Großmutter, die ihn prügelte, den Bruder, der ihm zeitlebens fremd blieb. Wie kann ein Junge aus einem solchen Milieu, «ein angsterfülltes Kind aus einem armseligen Haus», gedeihen? Albert Camus hat uns die Quellen seiner Kraft – und seiner Poesie – aufgedeckt: Sommerfreuden mit Kameraden am Strand von Algier, der Volksschullehrer Louis Germain, der ihn unter die Fittiche nahm, der unbändige Hunger, die Welt zu entdecken. 


Erst dreißig Jahre nach seinem Tod durften wir dieses lesen, nach der großen Wende 1989. Für mich kamen seine Gedanken wie gerufen, ich reiste damals durch Europas Osten und war versucht, überall nur Armut und Leid zu sehen. Was für eine Anmaßung! Auch heute wieder ermutigt uns Camus: den Reichtum der Fremden zu sehen, die aus Krieg und Armut zu uns kommen.   

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