19.04.2018   von rowohlt

A. S. Neill: theorie und praxis der antiautoritären erziehung

Summerhill, ein Stück Kulturrevolution: Max Annas über A. S. Neills Millionen-Bestseller

© Michele Corleone
© Michele Corleone


Der Titel des Buches, das mein Leben verändert hat, war damals skurril und ist es immer noch. «theorie und praxis der antiautoritären erziehung – das beispiel summerhill» von Alexander Sutherland Neill, «A. S. Neill» auf dem Cover. Als sei dies ein Handbuch mit Anweisungen, wie man das nun richtig macht mit der Antiautorität. Antiautorität, aber richtig, verdammt noch mal. Der Originaltitel der Textsammlung war auch nicht ganz kurz: «Summerhill: a radical approach to child rearing», und ich hatte sowieso nicht nach einem Buch mit einem langen Titel gesucht, damals mit ... ich glaube, ich war 14.


Aber wie das so ist mit dem elterlichen Bücherschrank: Man muss nehmen, was man kriegen kann. Da waren die Russen und viele von ihnen. Buchclubausgaben von allem und möglichem. Post-Nazi-Geschichtsschreibung à la C. W. Ceram und Otto Zierer, dessen 44 oder so Bände ich aber schon gelesen hatte – weiß Göttin, welche Verheerungen das in mir angerichtet hat. Bestseller von Leuten wie Peter Scholl-Latour oder Anne Golon – und dieses rororo-Buch mit den großen Buchstaben auf dem Rücken. Die sahen damals halt so aus.


Ich glaube, ich habe das Neill-Buch in einem Zug durchgelesen. Es geht darin um junge Menschen, wie ich einer gewesen bin damals. Und um Schule, für mich neben dem Elternhaus das zweite bedeutende Element in meinem Leben. Es geht darum, wie Unterricht organisiert werden kann. Es geht um Verantwortung. Es geht darum, Kinder und Jugendliche stark zu machen. Und es geht um Respekt – etwas, mit dem ich in meiner bis dahin auch schon ein paar Jahre währenden Schullaufbahn noch nicht konfrontiert worden war. Am Ende der Lektüre wusste ich, dass ich ein Leben lang belogen worden war. Ein kurzes Leben lang, aber das konnte ich damals noch nicht fühlen, denn mein kurzes Leben war ja mein ganzes bis dahin. Ich habe das Buch gleich noch einmal gelesen.


Wesentliche Fragen sind bis heute unbeantwortet. Wie kam das Buch in den elterlichen Bücherschrank? Mama weiß keine Antwort. Wie kam der verflixte Begriff antiautoritär aufs Cover? Schierer Opportunismus, es geht gar nicht darum. Neills Ansatz trägt radikaldemokratische, sogar anarchistische Züge in sich. Dabei wollte er die Welt nur im Kleinen verändern – nämlich an seiner Schule. Er vertraute darauf, dass sich daraus schon etwas Vernünftiges ergeben würde. Irgendwo im Buch schreibt er, er wäre glücklich, wenn die, die Summerhill absolviert hätten, bessere Müllleute und bessere Soldaten würden. Das hört sich nicht nach Umsturz an.


Eine Frage kann ich für mich beantworten. Das Buch hat mich gelehrt, genauer hinzusehen. Vielleicht ist es auch schuld daran, dass meine Schulkarrieren später alle in Katastrophen endeten. Wenn ein Buch so was kann, dann muss es ein tolles Buch sein.

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