Lucy Fricke

Ich habe Freunde mitgebracht

Henning liebt Martha, seit fast zehn Jahren schon. Wenn sie im Radio von Terroranschlägen und Bankenpleiten berichtet, hat ihn das noch immer beruhigt. Auch an ihre jährlichen Fluchten hat er sich gewöhnt. Doch dann wird Martha schwanger, und damit soll, muss alles anders werden. Plötzlich muss Struktur rein ins Leben, muss das Geld behalten werden und vorher auch noch verdient, man müsste, denkt Henning, eine Lebensversicherung abschließen, ein Haus kaufen, ein Bett, einen Kinderwagen, man müsste – mal wieder mit Jon einen trinken gehen.
Jon ist Schauspieler, und er fürchtet Betty. So brutal, wie sie schweigen kann, wird er sich niemals prügeln können. Während Jon sich in der Rolle eines deutschen Dichters auf seinen Durchbruch vorbereitet, verliert Betty auf einem anderen Filmset die Beherrschung, ihren Job und ihren nicht mehr ganz so jungen Liebhaber. «Sie hatten einen Nervenzusammenbruch», hört sie, «und zwar nicht von schlechten Eltern.» Genau so sagt es der Arzt, und Betty sieht ihn an, denkt, dass der von schlechten Eltern wahrscheinlich überhaupt keine Ahnung hat und seit wann die Ärzte eigentlich jünger sind als man selbst.
Keinesfalls absichtlich finden sich die vier im selben Fluchtauto wieder, und eine kurze Strecke wird zur großen Fahrt.

Themen:   Moderne und zeitgenössische Belletristik

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