Chronik 1931 - 1949

1931
Juni: Nach dem Konkurs der Hausbank Danat muss Rowohlt seine vorläufige Zahlungsunfähigkeit vermelden. Verhandlungen mit den Gläubigern bezüglich eines Vergleichs beginnen.
Juli: Heinrich Maria Ledig tritt als Angestellter seines Vaters in den Rowohlt Verlag ein. Zunächst mit der Absatzstatistik betraut, durchläuft er in den kommenden Jahren alle Abteilungen.
29. August: Gründung der Rowohlt Verlag GmbH als Auffanggesellschaft. Mehrheitsgesellschafter werden die Ullsteins über Familienmitglied Fritz Koch. Die Rowohlt Verlag KGaA bleibt bis zum 30. Juli 1937 zur Befriedigung der Gläubigeransprüche bestehen.
1. September: Ernest Hemingway kommt aus Paris nach Berlin, um der Uraufführung des Stücks «Kat» beizuwohnen. Die Dramaturgie stammte von Carl Zuckmayer und Heinz Hilpert auf der Basis von «In einem andern Land».
Oktober: Erik Reger erhält für seinen Enthüllungsroman «Union der festen Hand», in dem er die Zustände in der rheinischen Industrie aufdeckt, den begehrten Kleist-Preis 1931.
In diesem Jahr erscheinen 34 Titel, darunter: Der Film «Im Westen nichts Neues» in Bildern; Ludwig Bauer, «Morgen wieder Krieg»; Hans Fallada, «Bauern, Bonzen und Bomben»; Joseph Hergesheimer, «Das Pariser Abendkleid»; H.R. Knickerbocker, «Der rote Handel droht!»; Kurt Tucholsky, «Schloß Gripsholm» und «Lerne lachen ohne zu weinen».
1932
Februar: Der Verlag hat einen neuen Weltbestseller: Hans Falladas «Kleiner Mann – was nun?». Das Buch trägt zur Sanierung des angeschlagenen Verlags bei und erreicht bis 1943 eine Gesamtauflage von 188.000 Exemplaren (ohne Lizenzausgaben). Übersetzungen in mehr als zwanzig Sprachen folgen, dazu ein Hörspiel und sogar zwei Verfilmungen in den USA und in Deutschland.
In diesem Jahr erscheinen 46 Titel, darunter: Ulrich Becher, «Männer machen Fehler»; Bernard von Brentano, «Der Beginn der Barbarei in Deutschland»; Albert Ehrenstein, «Mein Lied»; Konrad Heiden, «Geschichte des Nationalsozialismus»; Ernest Hemingway, «In unserer Zeit»; H. R. Knickerbocker, «Deutschland – so oder so?»; Walther Kiaulehn, «Lehnaus Trostfibel und Gelächterbuch»; Robert Musil, «Der Mann ohne Eigenschaften (Bd. 2)»; René Schickele, «Die Grenze»; Thomas Wolfe, «Schau heimwärts, Engel!».
1933
Februar: Der Verlag wird von einem SA-Kommando heimgesucht.
10. Mai: Auf der Basis der ersten «Schwarzen Listen» finden die Bücherverbrennungen statt. Davon betroffen sind u.a. die Rowohlt-Autoren Heinrich Eduard Jacob, Emil Ludwig, Kurt Tucholsky. Andere Autoren wie Franz Blei, Bruno Frank oder Wilhelm Speyer emigrieren oder sprechen sich wie Ernest Hemingway offen gegen die Diktatur aus. Sie alle werden verboten.
In diesem Jahr erscheinen 29 Titel, darunter: Italo Balbo, «Fliegerschwärme über dem Ozean»; Kurt Caro/Walter Oehme, «Schleichers Aufstieg»; Mascha Kaléko, «Das lyrische Stenogrammheft»; Hubert Mumelter, «Ski-Fibel»; Alfred Polgar, «Ansichten»; Joachim Ringelnatz, «103 Gedichte»; Ernst von Salomon, «Die Kadetten»; Wilhelm Scheuermann, «Woher kommt das Hakenkreuz?»; Erwin Topf, «Die grüne Front, Ein Volk steht auf – 53 Tage nationaler Revolution».
1934
Um die Lektoren Paul Mayer und Franz Hessel zu schützen, wird Ernst von Salomon offiziell als Lektor eingestellt – nachdem er bereits im Vorjahr Gutachten für den Verlag geschrieben hatte. Etwas später kommt Friedo Lampe hinzu.
In diesem Jahr erscheinen 18 Titel, darunter: Hans Fallada, «Wer einmal aus dem Blechnapf frißt»; Heinrich Eduard Jacob, «Sage und Siegeszug des Kaffees»; Friedo Lampe, «Am Rande der Nacht»; Sinclair Lewis, «Das Kunstwerk».
1935
1. April: Umzug des Verlags in die Eislebener Str., Berlin W 50.
5. Juni: Abberufung des Mitgeschäftsführers Walter Kahnert auf eigenen Wunsch. In seiner Nachfolge wird Fritz Hoffmeier zum Prokuristen ernannt, neuer Mitgeschäftsführer wird der Leipziger Gesellschafter Kurt Jahn.
Juli: Rowohlt wird ultimativ aufgefordert, seine jüdischen Lektoren Paul Mayer und Franz Hessel zu entlassen. Paul Mayer verlässt den Verlag im März 1936, Franz Hessel wird im Auftrag des Auswärtigen Amtes als Übersetzer und illegal als Lektor weiterbeschäftigt. Beide emigrieren 1938.
Oktober: Die erste verlegerische Glanztat Heinz Ledigs: Auf sein Drängen hin bringt Ernst Rowohlt William Faulkners «Licht» im August heraus. Für dieses Werk erhält Faulkner 1949 den Literaturnobelpreis.
In diesem Jahr erscheinen insgesamt 24 Titel, darunter: Mascha Kaléko, «Kleines Lesebuch für Große»; Joachim Ringelnatz, «Der Nachlaß»; Jules Romains, «Die guten Willens sind» (Bd. 1 und 2, bis 1938 folgen fünf Bände).
1936
Februar: Die Geschäftsanteile von Fritz Koch und damit die Mehrheit an der Rowohlt Verlag GmbH werden von der Ullstein AG und damit dem Eher-Konzern übernommen.
August: Thomas Wolfe weilt in Berlin, um seine Tantiemen auszugeben und der Olympiade beizuwohnen. Die hier gesammelten Eindrücke verarbeitet er in seinem Roman «Es führt kein Weg zurück» (deutsche Erstausgabe 1950).
In diesem Jahr erscheinen insgesamt 29 Titel, darunter: Clarence Day, «Unser Herr Vater»; William Faulkner, «Wendemarke»; Sigismund von Radecki, «Nebenbei bemerkt»; Urban Roedl, «Adalbert Stifter»; Gábor von Vaszary, «Monpti»; Thomas Wolfe, «Von Zeit und Strom».
1937
23. Juni: Rowohlt feiert seinen 50. Geburtstag in Carwitz bei Hans Fallada, bei der Nachfeier in Berlin sind u.a. Mascha Kaléko, Walther Kiaulehn, Theodor Eschenburg anwesend.
In diesem Jahr erscheinen 20 Novitäten, darunter: Hans Fallada, «Wolf unter Wölfen»; Peter Fleming, «Tataren-Nachrichten»; Friedo Lampe, «Septembergewitter»; Günther Weisenborn, «Die Furie»; Thomas Wolfe, «Vom Tod zum Morgen».
1938
Juli: Ernst Rowohlt wird wegen «Tarnung jüdischer Schriftsteller» aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen und erhält damit ein Berufsverbot.
20. Oktober: Offizielle Bekanntgabe der Angliederung der Rowohlt Verlag GmbH an die Deutsche Verlags-Anstalt AG. Ernst Rowohlt wird auf eigenen Wunsch als Geschäftsführer abberufen. Diese Funktion wird Heinz Ledig übertragen.
19. November: Nach dem Erlebnis der Reichspogromnacht und einem Hetzartikel gegen jüdische Autoren und ihre Verleger im «Schwarzen Korps» verlässt Ernst Rowohlt Deutschland. Über Zwischenaufenthalte in der Schweiz geht es nach Brasilien, wo er bis Oktober 1940 bleibt.
In diesem Jahr erscheinen 28 Titel (davon noch elf Übersetzungen), darunter: Hans Fallada, «Geschichten aus der Murkelei» und «Der eiserne Gustav»; William Faulkner, «Absalom, Absalom!»; Walther Kiaulehn, «Lesebuch für Lächler»; Wolfgang Weyrauch, «Strudel und Quell».
1939
1. Januar: Aufnahme der Geschäftstätigkeit im Verlagsgebäude der DVA in Stuttgart, Neckarstr. 121/123. In Berlin verbleibt zunächst eine Zweigstelle in der Mackensenstr. 17, Berlin W 30.
20. Februar: Nach der endgültigen Übernahme der letzten Geschäftsanteile wird Rowohlt hundertprozentige Tochtergesellschaft der DVA, bleibt aber eigenständig. Der bisherige Mitgeschäftsführer Kurt Jahn scheidet zugunsten des Reichskulturwalters Franz Moraller aus. Dieser wird am 29. Juli 1940 abberufen.
In diesem Jahr erscheinen insgesamt zehn Titel, darunter: Rudolf Brunngraber, «Opiumkrieg»; Frederic Prokosch, «Sieben auf der Flucht»; Sigismund von Radecki, «Alles Mögliche».
1940
In diesem Jahr erscheinen insgesamt neun Titel, darunter: Hans Fallada, «Kleiner Mann, großer Mann – alles vertauscht»; Kurt Kusenberg, «La Botella und andere seltsame Geschichten»; Leo Slezak, «Rückfall».
1941
Heinz Ledig wird zur Wehrmacht einberufen, sein heimgekehrter Vater ebenfalls. Beide nehmen am Russlandfeldzug teil; Ledig kehrt 1942 verwundet heim, Ernst Rowohlt wird im Juni 1943 als politisch unzuverlässig entlassen.
In diesem Jahr erscheinen insgesamt neun Titel, darunter: Hans Fallada, «Damals bei uns daheim»; Erik Reger, «Kinder des Zwielichts».
1942
17. Dezember: Der DVA-Direktor Joachim Schmidt übernimmt die Geschäftsführung des Rowohlt Verlags, die Prokura Fritz Hoffmeiers erlischt.
In diesem Jahr erscheinen vier Titel, darunter: Kurt Kusenberg, «Der blaue Traum und andere sonderbare Geschichten»; Sigismund von Radecki, «Wie kommt das zu dem?»
1943
In diesem Jahr erscheint nur noch ein Titel: Hans Fallada, «Heute bei uns zu Haus».
1. November: Der Rowohlt Verlag wird geschlossen, die DVA übernimmt sämtliche Vermögen und Verbindlichkeiten sowie Heinz Ledig und seine Kollegen. Damit endet die zweite Periode der Verlagsgeschichte.
1945
6. November: Ledig-Rowohlt erhält von der amerikanischen Besatzungsbehörde die Lizenz für die Verlagsgründung in Stuttgart. Verlagsadresse: Am Hohengehren 9. Ledig-Rowohlt gewinnt Gustav Kilpper jun. als Mitarbeiter und engagiert Hans Georg Brenner und Hans Reisiger als Lektoren.
1946
März: Das erste Heft der vierzehntäglich erscheinenden Zeitschrift «Pinguin» erscheint bei Rowohlt Stuttgart. Die Zeitschrift, angeregt von den Amerikanern, wendet sich an «junge Leute» und dient der Umerziehung. Als Herausgeber fungiert Erich Kästner. Die Auflage beträgt zunächst 50.000, später 100.000 Exemplare. Mit Heft 6/1949 gibt Rowohlt die Zeitschrift auf, die im Verlag Carl F. Schwab weiter erscheint.
27. März: Ernst Rowohlt erhält von der britischen Militärregierung die Lizenz für die Verlagsgründung in Hamburg. Erste Verlagsadresse: Große Bleichen 42 (im Broschekhaus, Zimmer 318); im Juli bezieht der Verlag eigene Räume in der Rathausstraße 27, II. Stock. Kurt W. Marek wird Lektor des Hamburger Verlags.
August: Die erste Ausgabe von «story» erscheint. Die Monatszeitschrift im halben Zeitungsformat, herausgegeben von Ledig-Rowohlt, präsentiert «Erzähler des Auslands». Im 4. Jahrgang 1949 ändert sich mit Heft 9 das Format, mit Heft 10 auch das Konzept (nun werden auch Erzählungen deutscher Autoren aufgenommen).
September: Auf Antrag Hans Georg Brenners erhält der Rowohlt Verlag ebenfalls eine französische Lizenz; in Baden-Baden wirkt Kurt Kusenberg.
Die ersten Bücher im Rowohlt Verlag Stuttgart–Hamburg: Alexander Borelius (Pseudonym für Richard von Frankenberg), «Fatum und Freiheit. Eine Vivisektion»; Paul Distelbarth, «Franzosen und Deutsche. Bauern und Krieger»; Erich Kästner, «Bei Durchsicht meiner Bücher»; Ernst Kreuder, «Die Gesellschaft vom Dachboden»; «Joachim Ringelnatz: Überall ist Wunderland», hg. von Charlotte Deuritz und H.M. Ledig-Rowohlt; «Kurt Tucholsky: Gruß nach vorn», hg. von Erich Kästner.
In Hamburg verwirklicht Ernst Rowohlt eine Idee von Ledig-Rowohlt: Romane als Zeitungsdrucke, «RO-RO-RO» genannt. Die Auflage beträgt jeweils 100.000 Exemplare, die sofort vergriffen sind. 1946 erscheinen die ersten vier Nummern: Alain-Fournier, «Der große Kamerad»; Joseph Conrad, «Taifun»; Ernest Hemingway, «In einem andern Land»; Kurt Tucholsky, «Schloß Gripsholm».
1947
23. Juni: Ernst Rowohlt feiert seinen 60. Geburtstag in Stuttgart. Zu diesem Anlass erscheint als Privatdruck: ROwohlts ROtblonder ROman. Eine Story in Gedichten, Briefen, Fragmenten und Dokumenten aus dem Leben des Autorenvaters.
4.–8. Oktober: Ernst Rowohlt nimmt am 1. Deutschen Schriftsteller-Kongress in Berlin teil.
14. November: Lizenz für die sowjetische Zone; die Berliner Dependance in der Friedrichstraße 194/95 leitet Mary Gerold-
Tucholsky. Damit ist Rowohlt als einziger Verlag in allen Besatzungszonen vertreten. Das Berliner Büro besteht bis 1950.
21. November: Uraufführung von Wolfgang Borcherts «Draußen vor der Tür» an den Hamburger Kammerspielen, einen Tag nach dem Tod des Dichters.
1947 erscheinen elf Bücher, die wichtigsten: Gerhard Boldt, «Die letzten Tage der Reichskanzlei»; Wolfgang Borchert, «An diesem Dienstag»; Hans Habe, «Ob tausend fallen».
In der Reihe «Flugschriften zur Zeit» erscheinen politische Essays von Kurt Hiller und Erik Reger; die Reihe der Rotationsromane wird mit Titeln von André Gide, Erich Kästner, Theodor Plievier u.a. fortgesetzt.
1948
26. Juni: Währungsreform, die den Verlag in eine finanzielle Krise stürzt. Kurt Busch, Kriegskamerad Ernst Rowohlts, wird Prokurist im Verlag.
Die Buchproduktion umfasst sechzehn Titel, dazu sechs Ausgaben von RO-RO-RO und zwei Hefte der Reihe RO-RO-Druck, darunter Hjalmar Schachts «Abrechnung mit Hitler», die eine heftige Debatte auslöst.
1949
Juni: Auf Einladung der US-Regierung ist Ledig-Rowohlt in New York, um sich über die amerikanische Taschenbuch-Produktion zu informieren. Edgar Friederichsen (Herstellung) und Karl Hans Hintermeier (Vertrieb) treten in den Verlag ein.
Im Programm des Buchverlags befinden sich erstmals Werke von Jean-Paul Sartre (gleich drei Titel, darunter «Der Ekel») und Simone de Beauvoir, das Gesamtwerk Wolfgang Borcherts (ein Longseller, inzwischen knapp 1 Million Exemplare) und mit Arno Schmidts Debüt «Leviathan» und der von Wolfgang Weyrauch herausgegebenen Anthologie «Tausend Gramm» erstmals Werke der deutschen Gegenwartsliteratur.
Die Nachkriegszeit geht zu Ende: Die letzten zwölf Rotationsromane im Zeitungsformat erscheinen, sie finden bei weitem nicht mehr den reißenden Absatz der früheren Jahre. Die neuen Ansprüche an Ausstattung, Druck- und Papierqualität erfüllt das Sachbuch «Götter, Gräber und Gelehrte»: C.W. Cerams «Roman der Archäologie» saniert den Verlag und beschert ihm einen Jahrhundert-Bestseller. Die erste Auflage ist sofort vergriffen, das Buch erlebt zahlreiche Nachauflagen und ist auch im Ausland ein Erfolg. Allein in Deutschland erreicht der Longseller eine Gesamtauflage von mehr als zwei Millionen Exemplaren.

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