Chronik 1908 - 1930


1908
Sommer: Der Buchhändler-Volontär Ernst Rowohlt verlegt sein erstes Buch, Gustav C. Edzards «Lieder der Sommernächte». Dieses Ereignis gilt fortan als Beginn der Verlagsgeschichte.
Oktober: Rowohlt geht nach Paris, um seine buchhändlerischen Kenntnisse zu erweitern. Von hier aus Kontaktaufnahme zu Paul Scheerbart.
1909
März: Rowohlt kehrt nach Leipzig zurück.
April: Das zweite Buch erscheint: Paul Scheerbarts «Katerpoesie».
September: Rowohlt übernimmt in Leipzig die Geschäftsführung der «Zeitschrift für Bücherfreunde» im Auftrag der Offizin Drugulin. Bekanntschaft mit Kurt Pinthus und Walter Hasenclever.
1910
März: Bekanntschaft mit Kurt Wolff und Beginn der Zusammenarbeit.
April: Das dritte Buch erscheint: Scheerbarts «Perpetuum Mobile». Vertragsabschluss mit Max Dauthendey, den Ernst Rowohlt im März kennengelernt hatte.
Juni: Ernst Rowohlt gewinnt Herbert Eulenberg, dessen Werk «Alles um Liebe» bereits im Juli erscheint.
30. Juli: Eintragung des Ernst Rowohlt Verlags in das Handelsregister Leipzig. Kurt Wolff wird stiller Teilhaber. Die Geschäftsräume befinden sich im Vorderhaus der Offizin Drugulin in der Königstraße 10.
12. September: Bekanntmachung der Geschäftseröffnung im «Börsenblatt» Nr. 211.
September/Oktober: Die ersten sechs Drugulin-Drucke werden in der Presse angekündigt und erscheinen wenig später, beginnend mit Nr. 1: Goethes «Torquato Tasso». Bis 1913 folgen mit Nr. 7–17 weitere elf Drucke. Max Dauthendeys «Schwarze Sonne». Phallus erscheint – erstmals mit dem ERV-Logo, dessen Gestaltung Walter Tiemann übernommen hatte.
Oktober/November: Rowohlt und Wolff beschließen, das Gesamtwerk Eulenbergs zu übernehmen. Zu diesem Zweck wird ein Bühnenvertrieb gegründet – die Wurzel des Rowohlt Theater Verlags.
30. November: Mit dem Verlagsangebot an Georg Heym beginnt die Hinwendung zur jungen (expressionistischen) Dichtergeneration.
1911
In diesem Jahr erscheinen insgesamt 34 Drucke – der Ernst Rowohlt Verlag steigt damit in die Riege der größeren Verlage auf. Neben den tragenden Säulen (Dauthendey, Eulenberg) wird mit Georg Heyms «Der ewige Tag» erstmals ein Werk der Expressionisten verlegt. Weitere wichtige Werke: Hugo Ball, «Die Nase des Michelangelo»; Emil Preetorius, «Zehn Blatt lithographische Original-Zeichnungen».
1912
In diesem Jahr erscheinen insgesamt 31 Drucke, darunter Gerdt von Bassewitz, «Peterchens Mondfahrt»; Carl Hauptmann, «Nächte»; Georg Heym, «Umbra Vitae»; Arnold Zweig, «Novellen um Claudia».
Januar: Kurt Pinthus wird offiziell als erster Lektor angestellt.
29. Juni: Besuch von Max Brod und Franz Kafka in Leipzig bei Rowohlt und Wolff. Wenig später Beginn der Korrespondenz mit Franz Werfel und Robert Walser.
Sommer: Der erste Verlagskatalog Neuerscheinungen 1911/12 wird ausgegeben.
1. September: Nachdem er im Verlauf des Jahres mehr und mehr Verantwortung im Geschäft übernommen hatte, wird Wolff Kommanditist des Ernst Rowohlt Verlags und legt 35000 RM Kapital ein.
2. November: Vertragliche Trennung von Kurt Wolff und Ernst Rowohlt nach zunehmenden Streitigkeiten. Kurt Wolff behält gegen Zahlung einer Abfindung den gesamten Verlag inklusive des Namens.
November: Franz Werfel kommt nach Leipzig und wird Lektor.
1913
Noch von Ernst Rowohlt vorbereitet, erscheinen in diesem Jahr unter seinem Verlagssignet zwanzig Titel, darunter: Max Brod, «Die Höhe des Gefühls»; Herbert Eulenberg, «Belinde» (mit dem Volks-Schillerpreis ausgezeichnet); Georg Heym, «Der Dieb» und Franz Kafkas Erstling «Betrachtung».
Februar: Die Firma Ernst Rowohlt Verlag wird aus dem Handelsregister Leipzig gelöscht.
Februar–Oktober: Ernst Rowohlt ist als Prokurist beim S. Fischer Verlag in Berlin angestellt.
Oktober: Übernahme der Geschäftsführung des neuen Hyperion-Verlags, Lektor wird der Literat Wolfgang Goetz. Ernst Rowohlt intensiviert in Berlin seine Kontakte zu den dortigen expressionistischen Zirkeln um die Zeitschriften «Sturm» und «Aktion».
1914
August: Ernst Rowohlt meldet sich als Kriegsfreiwilliger an die Front und bleibt bis zum Kriegsende im aktiven Dienst.
1919
7. Januar: Gründung der Ernst Rowohlt KG, Sitz: Potsdamer Str. 123 B (An der Potsdamer Brücke), Berlin W 35. Kurt Pinthus und Walter Hasenclever, die alten Leipziger Freunde, ermöglichen mit ihren Kontakten die Finanzierung. Hans C. Thieme und Jacques Bettenhausen liefern das nötige Startkapital.
Februar: Der erste Angestellte nimmt die Arbeit auf: Dr. Paul Mayer, Rowohlts neuer Hauptlektor.
März: Rowohlt schließt einen Generalvertrag mit Rudolf Borchardt ab. Die Herausgabe von dessen Schriften beginnt Anfang 1920.
9. April: Das erste Buch des zweiten Verlags Ernst Rowohlts wird ausgeliefert: Walter Hasenclevers Stück «Der Retter».
Juni: Die ersten fünf Hefte der linken Flugschriftenreihe «Umsturz und Aufbau», konzipiert und betreut von Kurt Pinthus, werden angekündigt. Gestartet wird mit dem Neudruck von Georg Büchners «Friede den Hütten! Krieg den Palästen!» zum Preis von 1 Mark. Die erfolglose Reihe wird bereits im nächsten Jahr nach acht Heften eingestellt.
November: Kurt Pinthus gibt die Anthologie «Menschheitsdämmerung» heraus; das zentrale Werk der expressionistischen Dichtung erlebt bis 1922 vier Neuauflagen. In diesem Jahr erscheinen insgesamt zehn Titel.
1920
10. Januar: Die erste Nummer der linksintellektuellen Wochenschrift «Das Tage-Buch» erscheint. Herausgeber ist der Wiener Publizist Stefan Großmann. Rowohlt gibt die Zeitschrift im April 1923 auf, bleibt aber vorerst an dem Eigenverlag, in dem sie weiter erscheint, beteiligt.
17. Januar: Der erste Abschnitt von Carl Ludwig Schleichs «Lebenserinnerungen» erscheint im zweiten Heft des «Tage-Buchs». Das daraus entstehende Buch «Besonnte Vergangenheit» wird im Oktober 1920 ausgeliefert und entwickelt sich zum ersten Bestseller des Verlags: Bis 1943 werden mehr als 52.5000 Exemplare verkauft.
Februar: Das erste Buch des späteren Erfolgsautors Hans Fallada (alias Rudolf Ditzen), «Der junge Goedeschal», erscheint.
August: Alfons Goldschmidts «Moskau 1920», die erste umfassende Reportage über die junge Sowjetunion, markiert den Beginn des politischen Sachbuchs. Innerhalb weniger Wochen können 10.000 Exemplare verkauft werden.
In diesem Jahr erscheinen bereits 48 Titel, darunter Johannes R. Becher, «Ewig im Aufruhr»; Rudolf Borchardt, «Jugendgedichte»; Franz Hessel, «Pariser Romanze»; Heinrich Eduard Jacob, «Der Tulpenfrevel»; Carl Ludwig Schleich, «Gedankenmacht und Hysterie».
1921
Februar: Beginn der Zusammenarbeit mit der Privatpresse «Officina Serpentis» bei der Herausgabe von Luxusdrucken. Bis 1924 erscheinen insgesamt 22 Drucke.
Dezember: Leo Slezaks «Meine Sämtlichen Werke» werden ausgeliefert und entwickeln sich ebenfalls zum Bestseller – bis 1943 werden über 160.000 Exemplare verkauft.
In diesem Jahr erscheinen insgesamt 29 Titel, darunter Max Brod, «Erlöserin»; Carl Einstein, «Die schlimme Botschaft»; Max Krell (Hg.), «Die Entfaltung»; Leo Matthias, «Genie und Wahnsinn in Rußland»; Wilhelm Speyer, «Gnade».
1922
12. Oktober: Ernst Rowohlt und sein Autor Carl Einstein werden im Gotteslästerungs-Prozess um das Buch «Die schlimme Botschaft» schuldig gesprochen und zu Geldstrafen verurteilt.
29. November: Umwandlung der Gesellschaftsform des Verlags in eine KGaA (Kommanditgesellschaft auf Aktien) nach der inflationsbedingten Finanzkrise. Retter in der Not und zugleich Hauptaktionär wird das mährische Druckhaus Julius Kittl Nachf.
In diesem Jahr bringt Rowohlt insgesamt 36 Titel heraus, darunter Hans Bethge, «Pfirsichblüten aus China»; Franz Blei, »Das große Bestiarium der modernen Literatur»; Kurt Hiller, «Brauchen wir eine Reichswehr?». Die ersten Werke der späteren Stammautoren Arnolt Bronnen (Die Excesse, Die Septembernovelle) und Emil Ludwig (Am Mittelmeer, Rembrandts Schicksal und Shakespeare über unsere Zeit) erscheinen bei Rowohlt.
1923
Februar: Die ersten zehn Bändchen der Taschenausgabe von Balzacs Gesammelten Werken werden herausgegeben. Bis 1927 liegt sie komplett in 44 Bänden vor und entwickelt sich zu einem großen Verkaufserfolg.
November: Robert Musils Stück «Die Portugiesin» erscheint bei Rowohlt. Beide schließen einen Generalvertrag über einen großen Roman ab, für den Musil eine monatliche Rente erhält. Bis 1925 übernimmt Rowohlt die Rechte an den älteren Werken, darunter am «Zögling Törleß» und an »Die Schwärmer».
In diesem Jahr erscheinen insgesamt 52 Novitäten.
1924
15. Januar: Das erste Monatsheft des anspruchsvollen Literaturmagazins «Vers und Prosa», herausgegeben von Franz Hessel, erscheint. Da sich der Absatz nicht befriedigend entwickelt, wird diese Publikation zum Jahresende wieder eingestellt. Franz Hessel wird offiziell als zweiter Lektor eingestellt, er betreut vor allem die französischen Übersetzungen.
November: Emil Ludwig, «Napoleon», wird ausgeliefert. Das Buch entwickelt sich zum ersten internationalen Bestseller deutscher Herkunft nach dem Krieg, bis 1933 werden 636.000 Exemplare weltweit verkauft. In Deutschland werden bis zum Verbot von Ludwigs Werken 189.000 Exemplare gedruckt. Der Verlag hat die Hyperinflation überstanden und profitiert in den kommenden fünf Jahren von der allgemeinen Konjunktur. Der durchschnittliche Jahresumsatz pendelt sich bei etwa einer Million RM ein.
In diesem Jahr erscheinen 51 Titel, darunter 20 neue Bändchen der Balzac-Ausgabe; Bruno Frank, «Tage des Königs»; Emil Ludwig, «Genie und Charakter».
1925
9. Oktober: Das erste Heft der Wochenschrift «Die Literarische Welt», herausgegeben von Willy Haas, erscheint zum Preis von nur 20 Pfennig in einer Auflage von 30.000 Exemplaren. Sie entwickelt sich in kurzer Zeit zur bekanntesten Literaturzeitung in der Weimarer Republik.
Anhaltende Defizite veranlassen Rowohlt im April 1927 zum Ausstieg, er bleibt jedoch am ausgegliederten Eigenverlag beteiligt. November: Der Verlag hat mit Emil Ludwigs Biographie «Wilhelm II.» einen neuen Bestseller. Bis zum Verbot durch die Nazis (1933) werden 200.000 Exemplare gedruckt.
In diesem Jahr erscheinen 33 Titel, darunter sechs Balzac-Bändchen; Alfons Goldschmidt, «Wie ich Moskau wiederfand», und Lulu Hunt Peters, «Hallo! Dein Gewicht!». Sie ist die erste Amerikanerin bei Rowohlt, die zudem das erste moderne Diätbuch verfasst.
1926
Mit dem «Kritischen Lesebuch» erscheint der erste Band von Ja und Nein, Alfred Polgars Schriften. Bis 1933 verlegt Rowohlt alle weiteren Werke des Wiener Feuilletonisten.
Die Jahresproduktion erreicht mit nur neunzehn Titeln ihren Tiefpunkt in der Weimarer Republik; eine Folge der hohen Kosten für die Balzac- und Casanova-Werkausgabe sowie für die «Literarische Welt».
1927
Mai: Kurt Tucholsky schließt einen Vertrag mit Rowohlt ab. Sein erster Sammelband, «Mit 5 PS», wird zum Jahresende ausgeliefert, bis zu seinem Tod erscheinen alle weiteren wichtigen Bände bei Rowohlt.
November: Der Kabarettist Joachim Ringelnatz (alias Hans Bötticher) wird mit dem Werk «Reisebriefe eines Artisten» Rowohlt-Autor und bleibt dies bis zu seinem frühen Tod (1934). Rowohlt verschafft anschließend seiner mittellosen Witwe Leonharda(alias «Muschelkalk») eine Stelle in seiner Lizenzabteilung.
November: Mit «Elmer Gantry» von Sinclair Lewis beginnt die Reihe großer amerikanischer Autoren, die Rowohlt in Deutschland bekannt macht.
Insgesamt erscheinen in diesem Jahr 22 Titel, darunter Leo Slezak, «Der Wortbruch»; Wilhelm Speyer, «Der Kampf der Tertia»; Hermann Ungar, «Die Klasse».
1928
Mai: Ernst Rowohlt liefert sich in der «Weltbühne» einen öffentlichen Schlagabtausch mit Kurt Tucholsky zum Thema «Ist das deutsche Buch zu teuer?». Wenig später veröffentlicht er in der «Literarischen Welt» einen Leserbrief «Über die Gesinnung des Verlegers».
Oktober: Mit «Fiesta» erscheint erstmals ein Roman von Ernest Hemingway in Deutschland. Bis 1933 folgen drei weitere Romane: «Männer», «In einem andern Land» und «In unserer Zeit».
In diesem Jahr erscheinen insgesamt 22 Novitäten, die die gesamte Spannbreite des zweiten Verlags repräsentieren: Walter Benjamins Erstlingswerke «Einbahnstraße» und «Ursprung des deutschen Trauerspiels»; Franz Blei, «Himmlische und irdische Liebe»; Bruno Frank, «Politische Novelle»; Emil Ludwig, «Der Menschensohn»; Edgar Ansel Mowrer, «Amerika. Vorbild und Warnung»; Alfred Polgar, «Ich bin Zeuge»; Joachim Ringelnatz, «Allerdings».
1929
Januar: Der Verlag bezieht ein kleineres, kostengünstigeres Quartier in der Passauer Str. 8/9, Berlin W 50.
Juli: Arnolt Bronnens O.S., eine Darstellung der Auseinandersetzungen in Oberschlesien, erscheint. Bronnen provoziert durch seine rechtsradikalen Ansichten heftige Reaktionen anderer Rowohlt-Autoren, von denen Kurt Tucholskys «Da laßt mich mal ran» in der «Weltbühne» am bekanntesten ist.
In diesem Jahr erscheinen 30 Novitäten, darunter Nathan Asch, «Als die Firma verkrachte»; Ernest Hemingway, «Männer»; Emil Ludwig, «Juli 14» (mit dem nochmals an den Erfolg der Vorgänger angeknüpft werden kann); Siegfried von Kardorff, «Bismarck»; Rudolf Olden, «Stresemann»; Alfred Polgar, «Schwarz auf Weiß»; Joachim Ringelnatz, «Kuttel Daddeldu»; Jules Romains, «Der Gott des Fleisches»; Kurt Tucholsky, «Das Lächeln der Mona Lisa».
1930
5. November: Sinclair Lewis erhält als erster amerikanischer Autor und als erster Rowohlt-Autor den Literaturnobelpreis. In seiner Stockholmer Dankesrede vom 12. Dezember richtet er die Aufmerksamkeit auf einen jungen Landsmann, der auch bei Rowohlt verlegt werden wird: Thomas Wolfe.
6. November: Robert Musil feiert seinen 50. Geburtstag. Einige Tage später erscheint, nach über zehnjähriger Arbeit, Band 1 von «Der Mann ohne Eigenschaften».
Der Preisverfall infolge der Wirtschaftskrise zwingt Rowohlt, zwei seiner Bestseller als «Volksausgabe» anzubieten: Schleich, «Besonnte Vergangenheit» (für 2,85 RM), und Ludwig, «Napoleon» (für 3,75 RM).
In diesem Jahr erscheinen insgesamt 34 Titel, darunter Ernest Hemingway, «In einem andern Land»; Heinrich Eduard Jacob, «Blut und Zelluloid»; Annette Kolb, «Kleine Fanfare»; Jean Martet, «Clemenceau spricht»; Walter Oehme/Kurt Caro, «Kommt «Das Dritte Reich»?»; Ernst von Salomon, «Die Geächteten»; Kurt Tucholsky (alias Peter Panter), «Das Pyrenäenbuch».

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