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Thomas Pynchon
DIE ENDEN DER PARABEL GRAVITY'S RAINBOW Roman von Thomas Pynchon, erschienen 1973. – In seinem umfangreichen dritten Roman, der mit seiner stilistischen Virtuosität und enzyklopädischen Dichte zu den großen Romanen des 20. Jh.s gehört und von den Kritikern oft mit Joyces Ulysses verglichen wird, postuliert Pynchon als primäre Zerfallskräfte unserer Zeit Paranoia, Entropie und Todessehnsucht. Schauplätze der apokalyptischen Handlung sind England, Frankreich und das besetzte Deutschland in den Jahren 1944/45; das allgemeine Objekt des Begehrens ist ein Fetisch des allumfassenden Todes – die V2-Rakete. Zentrales Motiv des Romans ist ein im Ansatz manichäischer Kampf zwischen den Opfern einer von außen operierenden, böswilligen, übernatürlichen Verschwörung (We) und den anonymen Mächten des Bösen (Them), wobei die im Roman agierenden Schurken nur Handlanger dieser »anderen« sind, die ihrerseits nie direkt zu benennen und zu fassen sind. Anfang und Ende des Romans (vgl. auch den Titel) werden durch die Flugbahn der Rakete verbunden: Die Handlung setzt damit ein, daß der Soldat Prentice 1944 in London sieht, wie eine Rakete von Holland aus abgeschossen wird, und sie endet unmittelbar vor dem Einschlag einer letzten V2 in einem kalifornischen Kino, in dem auch die Leser des Romans sitzen, also in der unmittelbaren Erzählgegenwart. Zwischen diesen beiden Ereignissen lassen sich aus der Überfülle der Episoden und Figuren (nahezu 400) fünf ineinander verwobene Handlungsstränge herauskristallisieren. Der wichtigste handelt von der Suche des amerikanischen Soldaten Tyrone Slothrop nach dem Geheimnis seiner Identität; denn der Wissenschaftler Pointsman, der für die Organisation PISCES (Psychological Intelligence Schemes for Expediting Surrender) arbeitet, hat festgestellt, daß Slothrop beim Herannahen von V 2-Raketen regelmäßig Erektionen bekommt, und will diesen Zusammenhang experimentell nutzen. Erst später stellt sich heraus, daß Tyrone als Säugling von dem infernalischen deutschen Wissenschaftler Jamf auf Imipolex G, einen neuen Wunderstoff des IG Farben-Konzerns, konditioniert wurde, aus dem nun auch ein Teil der sagenhaften V 2-Rakete mit der Seriennummer 00000 gefertigt sein soll. Slothrop, der zu Recht befürchtet, mit seiner Konditionierung zum Spürhund wie zum Spielball der konkurrierenden Geheimdienste zu werden, begibt sich selbst auf die Suche nach dieser legendären Rakete und flieht aus London über Südfrankreich in die deutschsprachige »Zone«, zuerst nach Zürich, dann in das V2-Raketenwerk in Nordhausen, wo er den Oberst Enzian der »Schwarzkommandos« trifft, einer Truppe afrikanischer Hereros, die nach dem Massaker unter General von Trotha während der Großen Rebellion von 1904–1907 von Deutsch-Südwestafrika nach Deutschland übersiedelt und dort beim Raketenbau eingesetzt wurden (eine Weiterentwicklung einer Episode aus Pynchons erstem Roman V.). Auf seinem Weg nach Berlin verwandelt Slothrop seine Identität in die des Comic-Helden Rocketman, wohnt der Potsdamer Konferenz bei, erlebt die Drogenszene in Berlin, fährt auf der Ostsee mit einer Gruppe dekadenter Nazimitläufer auf der Yacht ›Anubis‹ (in der ägyptischen Mythologie das Totenschiff) nach Peenemünde, flieht dann erneut vor Pointsmans Leuten wie auch vor dem russischen Geheimdienst, indem er sich jeweils neu verkleidet (u. a. als heidnischer Schweineheld Plechazunga), bis er schließlich gänzlich seine Konturen verliert. In einem Moment, der als mystische Vereinigung mit allen ihn umgebenden Dingen zu verstehen ist, sieht er einen Regenbogen und löst sich in der Natur auf. Der zweite Handlungsstrang dreht sich um den Oberst Enzian, eine Art Moses-Figur. Einst in Afrika war er der Geliebte des jetzigen Raketenkommandeurs Weissmann (in Nordhausen), und nach dem Ersten Weltkrieg versuchte er, sein Volk am Leben zu erhalten, sowohl gegen kriegerische nördliche Regierungen als auch gegen Stammesmitglieder, die, vom Todesbegehren des christlichen Nordens angesteckt, kollektiven Selbstmord begehen wollten. – Ein dritter Handlungsstrang beschreibt die Liebesgeschichte zwischen Roger Mexico, einem Statistiker der PISCES, und Jessica Swanlake, die ihn nach Kriegsende verläßt, um eine bürgerliche Ehe einzugehen. Roger Mexico und Private Prentice versuchen, als »Gegenkraft« das im Nachkriegseuropa fortgeführte »They-System«, das »Raketen-Kartell«, durch ein kreatives »We-System« und theatralische ikonoklastische Akte zu unterminieren. Die Geschichte von Franz Pökler, seiner Frau Leni und seiner Tochter Ilse bildet den vierten Handlungsstrang. Franz, ein Prototyp des Wissenschaftlers, der sich von der Politik abgewandt hat, um nur seinen Erkundungsträumen, in diesem Fall einem Raketen-Mystizismus, nachzugehen, arbeitet als Ingenieur an den V2-Raketen in Nordhausen und Peenemünde, während Leni und Ilse wegen kommunistischer Gesinnung in dem Lager Dora eingesperrt sind. Um Pökler behalten zu können, läßt Weissmann ihn einmal im Jahr mit seiner Tochter (oder einem Mädchen, das sie nachahmt) den Urlaub verbringen. Indem Pynchon dieses Bild eines sensiblen, intelligenten Wissenschaftlers zeichnet, der der Militärindustrie erlaubt, seine Begabung auszubeuten, um eine Todestechnologie zu fördern, wirft er die für das 20. Jh. zentrale Frage der wissenschaftlichen Verantwortung auf. Der fünfte und dunkelste Handlungsstrang erzählt die Liebesgeschichte zwischen Major Weissmann alias »Blicero« (abgeleitet aus dem altdeutschen Wort für Tod) und seinem Geliebten Gottfried, einem Soldaten der V2-Batterie. Mit seinem Drang, das rationale Ich aufzugeben, um einer zerstörerischen Schönheit, Mord und Selbstopfer zu huldigen, steht das Paar exemplarisch für eine Verhaltensmöglichkeit, die zur Faszination des Nationalsozialismus beitrug. In einem Versuch, den Akt der Liebe mit dem Akt des Todes in Einklang zu bringen, läßt Weissmann eine besondere V2-Rakete bauen, um Gottfried in sie einzubetten. In einer bizarren Mischung aus Opferritual und sexueller Selbstbefriedigung für beide Liebhaber startet Gottfried, umhüllt von dem aus Imipolex geformten Braut- und Leichengewand, im Frühjahr 1945 auf der Lüneburger Heide seinen Todesflug, ein Bild das Gebär-, Braut-, Liebes- und Todessymbolik vereint. Die in Gravity's Rainbow zentrale Todessehnsucht (Pynchon versucht, die dem Faschismus inhärente erotische Faszination für den Tod zu erklären) wird gezeichnet als ein Wunsch, dem Rationalen zu entfliehen, und als apokalyptisches Warten auf ein kolossales, endgültiges Ereignis. Demzufolge besteht die Dynamik des Romans aus der Opposition zweier Wertskalen. Böse sind in Pynchons Weltbild: das Christliche, Puritanische, Nördliche, Analytische, Technologische, Anorganische. Ferner die Farbe Weiß, Kälte, Kontrolle, Abstraktionen und inhumane Kalkulationen (z. B. monokausales Denken in den Kategorien Ursache und Wirkung) sowie individueller Egoismus und das Bewußtsein der Auserwähltheit. Dem entsprechen im naturwissenschaftlichen Bereich künstliche Synthesen (Plastik) und ein Verharren im Newtonschen Weltbild (Schwerkraft). Positive Konnotationen tragen das Heidnische, Primitive, Organische, Chaotische, Spielerische; Achtung für die Zyklen der Natur, mystische Konfliktlösungen und generell der Vorrang des individuellen menschlichen Lebens gegenüber dem Staat oder einer Idee. Paranoia steht bei Pynchon als positiver Begriff für den Ausbruch aus beengender Rationalität und für die Erkenntnis, daß alles miteinander in einem geschlossenen System verbunden ist, das vom Prinzip der Entropie beherrscht wird. (Entropie ist in der nachnewtonschen Physik die Tendenz des Universums, in einen Zustand von Unordnung und Stillstand zu degenerieren.) In den Zusammenhang von Paranoia und Entropie gehört auch die gefährliche Erotisierung des Todes. Weil Pynchon den Drang, hinter das Rätsel einer allumfassenden Verschwörung zu kommen, als Hauptantrieb menschlicher Sinnstiftung versteht, besteht sein Roman aus einer Vielzahl an Komplotten, Kabalen, Suchaktionen, Erkundungsjagden, in denen seine Figuren als Spione, Doppelagenten, Kommandos, Forscher und mißtrauisch gewordene Opfer agieren. So skizziert Pynchon sowohl die menschliche Notwendigkeit, sinnspendende Systeme zu errichten, als auch den Zusammenbruch des prototypisch westlichen, imperialistischen Systems, das die sich auftuende Leere von Chaos und Inkohärenz nur mit Raketen zu füllen weiß. Der Roman stellt ein höchst virtuoses, überladenes und komplexes Gebilde aus Erzählung, Geschichtsschreibung, philosophischer wie naturwissenschaftlicher Abhandlung und kulturkritischer Analyse dar. Der immense Bezugsrahmen des Werks schließt (um nur einige Beispiele zu nennen) Opern von Rossini, Beethoven und Wagner ein, archetypische und mythische Weltbilder (C. G. Jung, Frazer, Eliade und Brüder Grimm) sowie die Ikonographie der Tarot-Karten; die Todesmetaphorik von Emily Dickinson, T. S. Eliot und besonders Rilke wird extensiv herangezogen. Anspielungen auf die durch Hollywood geprägte amerikanische Pop-Kultur (Dracula, King Kong, Marx Brothers, Wizard of Oz), auf Comic Strips und Cartoons sind ebenso zentral wie die ständige Bezugnahme auf den deutschen Stummfilm (Fritz Lang). Der Ton des Werks, das über weite Strecken ein pikarischer Roman ist, schwankt zwischen schwarzem Humor, surrealem Horror, lyrischer Szenenbeschreibung und magischer Phantastik. Die Verworrenheit der Episoden und Verweise sowie die konsequente Aufhebung konventioneller Zeitgestaltung und Erzählmuster sollen dem Leser das Gefühl vermitteln, bewußt und doch unwissend in das System verstrickt zu sein, wie die Figuren des Romans ein Suchender zu sein, der Sinnmuster erstellen muß, um eine Position in der Welt für sich zu schaffen. – Der Roman wurde 1974 mit dem National Book Award ausgezeichnet. E.Br. (Dr. Elisabeth Bronfen) AUSGABEN: NY 1973. – NY 1987. – NY 1989 [zus. mit The Crying of Lot 49 u. V.]. ÜBERSETZUNG: Die Enden der Parabel, E. Jelinek u. T. Piltz, Reinbek 1981. – Dass., dies. 1989. VERFILMUNG: USA 1978. LITERATUR: A. J. Friedman u. M. Pütz, Science as Metaphor: T. P. and »Gravity's Rainbow« (in ConL, 15, 1974, S. 345–359). – J. Brunner, Coming Events: An Assessment of T. P.'s »Gravity's Rainbow« (in Foundation, 10, 1976, S. 117–130). – J. M. Krafft, ›And How Far-Fallen‹: Puritan Themes in »Gravity's Rainbow« (in Crit, 18, 1977, Nr. 3, S. 55–73). – B. Lippmann, The Reader of Movies: T. P.'s »Gravity's Rainbow« (in Univ. of Denver Quarterly, 12, 1977, S. 1–46). – S. Morgan, »Gravity's Rainbow«: What's the Big Idea? (in MFS, 23, 1977, S. 199–216). – J. V. Slade, Escaping Rationalization: Options for the Self in »Gravity's Rainbow« (in Crit, 18, 1977, Nr. 3, S. 27–38). – L. v. Wolfley, Repression's Rainbow: The Presence of Norman O. Brown in P.'s Big Novel (in PMLA, 92, 1977, S. 873–889). – D. 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