11.01.2017   von rowohlt

«Zur Friedensfeier komm ich, sagt mir, wohin»

Denken in Bewegung: Martin Walsers neuer Roman «Statt etwas oder Der letzte Rank»

© Isolde Ohlbaum; Claus Alwyn Vogel/Getty Images
© Isolde Ohlbaum; Claus Alwyn Vogel/Getty Images

Martin Walsers neuer Roman fand vom Tag des Erscheinens an eine bemerkenswerte Resonanz. Das ist für sich genommen kaum erwähnenswert – fast alle seiner bedeutenden Werke der letzten Jahre wurden leidenschaftlich diskutiert, ob es sich um Romane (wie «Muttersohn», «Das dreizehnte Kapitel», «Ein sterbender Mann»), Tagebücher («Leben und Schreiben») oder Essays (wie «Über Rechtfertigung, eine Versuchung») handelte. Formal ist Martin Walser in «Statt etwas oder Der letzte Rank» neue Wege gegangen. 52 kurze und kürzeste Kapitel – ein Meisterwerk der späten Walser-Ära.

Stimmen zu «Statt etwas oder Der letzte Rank»


Der Spiegel: «Mit seinem neuen Roman fliegt Martin Walser vor unseren Augen in die Unerreichbarkeit.»
Die Zeit: «Es ist das innere Selbstporträt eines Dichters schlechthin ... Es ist die Summe von Martin Walsers Kunst ...»
Der Tagesspiegel: «Noch einmal der ganze Walser.»
ZDF heute-journal: «Einfach lesen und staunen!»
Mannheimer Morgen: «Dieser faszinierende, fesselnde und bewegende ‹letzte Rank› ist die Summe eines langen Lebens.»
Süddeutsche Zeitung: «Eine Meditation über ein langes Leben (…) interessanter als alle Weisheit des Brahmanen.»
Westdeutsche Zeitung: «Sprachgewalt und Vitalität dieses Buches krönen das Gesamtkunstwerk des großen Schriftstellers.»
Hamburger Abendblatt: «Der Text fängt seinen Leser, amüsiert ihn, verblüfft auch ob seiner Schutzlosigkeit und der fast kindlichen Selbstbezogenheit.»
Nürnberger Zeitung: «Ein literarisches Ereignis ersten Ranges, Lebensroman und Bekenntnis zugleich.»
Südwest Presse: «Eine Art Schlussstrich-Prosa von ungeheurer Intensität.»


Erinnern. Schreiben. Schweigen.


«Um dieses Buch zu besprechen (oder auch zu rühmen), müsste man eine neue Sprache erfinden. Mit der üblichen Rezensionsroutine ist es nicht zu fassen», findet Jörg Magenau im Freitag, als Walser-Biograf mit Wandlungen, Werk und Wirken des in wenigen Wochen 90 Jahre alten Autors gut vertraut. Ein Alterswerk ist es damit noch lange nicht: «Wenn ich vor 20 Jahren so hätte schreiben können», sagte Walser, «hätte ich es vor 20 Jahren geschrieben, aber ich konnte es damals nicht.»


52 Kapitel auf 171 Seiten, so viele, wie das Jahr Wochen hat – eine Art Gedankenmitschnitt, rank und schlank: Episoden, Notate, Sentenzen, Polemiken, Träume (besondere Gäste: Kafkas apokryphe Schwester Wilhelma, Jean-Paul  Sartre auf einem Bahnsteig in Utrecht). Und doch sind alle Themen da, die wir aus Walsers Werk kennen: Liebe und Sehnsucht, «jungschöne» und «schicksalsschöne» Frauen, Treue und Untreue, Siege und Niederlagen, Ängste und Schwächen, Schuld und Sühne. 

Nichts mehr wissen, nur noch sein


«Statt etwas …»  Ja – aber: statt was? «Statt aller Belletristik, die ich geschrieben habe», erklärt Walser in einem Gespräch mit der Berliner Zeitung. «Wenn man Romanfiguren bedienen muss, mit Recht, dann hat man sich auf das und das und das einzulassen. Doch im neuen Buch gibt es diese Freiheit von all den schönen und weniger schönen Zwängen der Belletristik.» 


Rank … Im Alemannischen steht das alte Wort «Rank» für Kurve, Wendung, Drehung eines Weges. Und laut Grimm'schem Wörterbuch auch für «die wendung, die der verfolgte nimmt, um dem verfolger zu entgehen».


Handlung … Eine nacherzählbare äußere Handlung existiert in «Statt etwas» nicht; aber das war auch noch nie ein entscheidendes Kriterium für den Gattungsbegriff Roman. Gerade im Fehlen eines konventionellen Handlungskorsetts könnte man eine Qualität des Romans sehen, schreibt Jörg Magenau im Freitag – endlich stünden die Sätze pur da: «Es ist nicht unbedingt die Summe eines Lebens, aber ein Zielpunkt allen wirklichen Schreibens. Martin Walser hat alles Handlungshafte hinter sich gelassen. Seit mehr als 60 Jahren hat er Anlauf genommen, um dahin zu gelangen.» 


«Mir geht es ein bisschen zu gut … Seit dieser Satz mich heimsuchte, interessierte ich mich nicht mehr für Theorien (…) Zum Glück war das Bedürfnis, etwas genau wissen zu wollen, erloschen.» Theorien sind für Walsers Ich-Erzähler der Inbegriff des «Wahrheitsgewerbes», ein Gewerbe, mit dem er nichts mehr zu tun haben will. Hier spricht ein Gejagter, der endlich zur Ruhe kommen will. Er ist der Hatz überdrüssig, müde vom ewigen Rechthabenmüssen, von den Jahren im «kreisrunden Gefängnis». «Auf einmal hatte ich nichts mehr gegen Wunder (…) Zu träumen genügt.» Der Traum: «Unfassbar sein wie die Wolke, die schwebt.»


Gegner und Feinde … Ein wichtiger Unterschied; wir lernen: Gegner heben uns auf ein anderes Niveau, unterstreichen die eigene Bedeutung; Feinde dagegen wollen uns vernichten, indem sie uns mit Denkverboten terrorisieren. Dagegen hilft nur eins: Haken schlagen, beweglich bleiben. «Ich würde gerne in die Welt hinausposaunen: Wer immer sich einbildet, mein Feind sein zu müssen, er darf zur Kenntnis nehmen, dass ich nicht mehr einholbar bin. Ich habe mich in jahrzehntelanger Anstrengung aus der Erreichbarkeit entfernt.» 


Autobiografie? Roman! … «Statt etwas oder Der letzte Rank» ist «Gedankenlyrik in Prosa» (Die Zeit), eine Welt- und Selbstergründung in Form eines meditativen Selbstgesprächs: autobiografisch basiert, aber keine Autobiografie. «Ein Roman ist zu der Zeit, in der er geschrieben wird, ein Selbstporträt des Autors», sagte Walser, «aber eben als Roman.» Es mag ein Leichtes sein, den Text autobiografisch zu entschlüsseln: die Paulskirchenrede  von 1998 und der «Tod eines Kritikers», die Frankfurter «Feuilletongewaltigen» Marcel Reich-Ranicki und Frank Schirrmacher – aber was spielt es für eine Rolle? 


Ich – Du – Er … Die erzählende Instanz tritt in den drei Formen des Personalpronomens auf, im Hin und Her zwischen maximaler Nähe und maximaler Distanz. Ich ist immer ein Anderer – nicht zufällig taucht der Ich-Erzähler im Text mal als Bert, Otto, Memle oder Caro auf.


Auf dem Weg in die Sprachlosigkeit … Am liebsten würde Walsers Protagonist den Weg ins lächelnde Nichts gehen, wie ein völlig mit sich, dem Leben und der «Draußen-Welt» im Einklang befindlicher Buddhist. «Ich bin, also bin ich», das ultimative Paradoxon. Aber Sprachlosigkeit und Verstummen bleiben für den «Wörterer», der ein Leben lang an Sinn und Sätzen feilte, ein unerreichbarer Idealzustand. Aller beschworenen Abgeklärtheit und Versöhnungsbereitschaft zum Trotz wird er nie in der Lage sein, von den Nachstellungen der «Feinde» zu abstrahieren: «Die schmerzlichen Reflexe auf all diese Vorgänge durchzucken das Buch dicht unter der Haut seiner behaupteten Gelassenheit.» (Burkhard Müller, Süddeutsche Zeitung)

Der letzte Rank? Wohl eher nicht!


Am 24. März 2017 feiert Martin Walser seinen 90. Geburtstag. Er ist der letzte Großautor der Generation von Heinrich Böll, Wolfgang Koeppen, Max Frisch, Wolfgang Hildesheimer, Uwe Johnson, Günter Grass. Bereits seinen 2016 erschienenen Roman «Ein sterbender Mann» deuteten manche als Walsers letztes Werk, als seinen Abschied aus der Welt der Literatur, sein Vermächtnis. Der B.Z. verriet Walser aber im Interview, dass «Statt etwas oder Der letzte Rank» keineswegs sein letzter Rank sein solle: «Als ich das Buch fertig hatte, ging mir das nächste Buch schon im Kopf herum (…) Ich gebe zu, in mir streiten zwei Romane darum, wer zuerst geschrieben wird.»  


Ein Grund mehr, sich auf den nächsten Walser zu freuen. Wir lassen uns überraschen.


Top