28.11.2016   von rowohlt

Wie aus Leben Literatur entsteht

Notizen aus 14 Ländern: Eugen Ruge reist auf den Spuren seiner eigenen Geschichte

© Florian Hammerich
© Florian Hammerich

Im Rahmen der Recherchen für seinen preisgekrönten Roman «In Zeiten des abnehmenden Lichts» ist Eugen Ruge nach Russland und Mexiko gefahren, auf den Spuren der eigenen Familiengeschichte. Mit dem literarischen Durchbruch hat für ihn ein neues Kapitel begonnen: Er wird häufig als Gast eingeladen, um aus seinen Werken zu lesen – entsprechend verändern sich die Perspektiven. Und doch bleibt sich Ruge als Reisender treu: mit offenem Blick und kritischem Humor schreibt er über Menschen, Sitten, Landschaften. Und nie ist er um ein klares Wort verlegen.


Mit Eugen Ruge, dem «Meister des konkreten, sinnlichen Details» (Focus), unterwegs in 14 Ländern: eine «Annäherung». «Keine Lust auf Fakten. Keine Lust auf Wahrheitsfindungsliteratur, welche ja von der Existenz einer Wahrheit ausgeht, einer Wahrheit, die wie ein Edelmetall irgendwo in der Tiefe verborgen liegt und die man nur ans Licht zu holen braucht, um sie allen zu zeigen.»


Hier ein Schnelldurchgang in Zitatschnipseln: Wir starten in Moskau, im legendären Hotel Metropol, um nach diversen Stopps zwischen Minneapolis und Barcelona schließlich in Athen einzutreffen. «Und das Wichtigste passierte von mir selbst beinahe unbemerkt: Tatsächlich haben mich die Reisen verändert.»

«Ja, was ist die Literatur gegen Fußball!»


Russland, Juli 2005. Dann zum Hotel Metropol, unserem ersten Ziel. (…) Ich weiß sogar, in welchem Zimmer meine Großmutter und Hans gewohnt haben, aber die Zimmer sind neu nummeriert, und das Personal an der Rezeption des Nobelhotels (das billigste Zimmer kostet 700 Euro) ist nicht aufgelegt, einem dahergelaufenen Deutschen über irgendwelche Geschichten aus den dreißiger Jahren zu reden. Wenigstens den gewaltigen, altmodischen Fahrstuhl schauen wir uns noch an, auf dessen Anfahrgeräusch meine Großmutter hier vermutlich jeden Morgen gegen vier Uhr gewartet hat: die Zeit, um die «abgeholt» wurde.


Mexiko, Dezember 2007/Januar 2008. Zur Atmosphäre in Mexiko in jener Zeit (sie kamen 1941 hier an): Es regierte gerade Manuel Ávila Camacho … Camacho stellte sich (als einziger Regierungschef des Völkerbundes!) offen gegen die sogenannten Achsenmächte und ermöglichte Flüchtlingen aus Nazideutschland unabhängig von ihrer politischen Gesinnung die Einreise, also auch Kommunisten – was meinen Großeltern das Leben rettete.


Minneapolis, April 2011. Plötzlich sind hier zwanzig Grad … Das Wette kann einen hier wahrscheinlich umbringen. Am Vormittag habe ich die letzten Korrekturen für die «Zeiten des abnehmenden Lichts» nach Deutschland abgeschickt und mich gegen Kapitelüberschriften entschieden. Nun ist die Sache wirklich getan.


Kuba, Februar 2012. Mehrere Botschaftsmitarbeiter haben berichtet, dass hin und wieder Häuser zusammenstürzen, Menschen unter sich begraben, erst vor wenigen Tagen wieder. Es heißt dann, sie hätten illegal gewohnt … Die allgegenwärtigen Bilder von Fidel (der zu ALLEM etwas zu sagen hat und zu allem schon etwas gesagt hat) und vom Heiligen Che beginnen, Aggressionen in mir auszulösen.

Von den Mühen der Ebene: Lesungen, Auftritte, Interviews


Kurische Nehrung, Juli 2012. Und oben, auf dem Hügel am Wasser, das Sommerhaus, da Thomas Mann 1930 hier hat erbauen lassen, obwohl das Klima rau und das Wetter wechselhaft ist, und obwohl Nida zwei Tagesreisen von München entfernt liegt. Ich weiß nicht, den wievielten Teil seines gerade erhaltenen Nobelpreises er hier verbaut hat. Viel hat er jedenfalls von seinem Haus nicht gehabt. Dreimal war er hier, bevor er vor den Nazis nach Amerika fliehen musste.


Aix-en-Provence, November/Dezember 2012. Drei Tage später wieder in Berlin, verärgert, enttäuscht, unzufrieden. Das kleine «internationale Literaturfestival», zu dem mein französischer Verlag mich überredet hat, ein totaler Reinfall. Urs Widmer, der auch geladen war und den ich gern kennengelernt hätte, kam nicht (wegen Schneeeinbruchs in der Schweiz!). Ich war der prominenteste Autor, und zu meiner Lesung kamen gerade mal zwanzig Leute. Zu der eines anderen Autors zwei!


Barcelona, März 2013.  Ja, was ist die Literatur gegen Fußball! Die Moderatorin erzählte mir nach der Lesung, dass nur 24.000 Spanier mehr als ein Buch im Jahr lesen. El País hat die Kulturseiten von ehemals fünfzehn auf drei oder vier reduziert, eine neue Redaktion eingestellt, die auf den verbliebenen Literaturseiten vorwiegend Comics und Biographien von Popstars verhandelt.


Griechenland, März/April 2013. Die Lesung ist erstaunlich gut besucht, mehr als hundert Leute, die so gespannt zuhören, als hätte ich die Lösung der griechischen Probleme parat. Die anschließenden Fragen wechseln rasch ins Politische. Man spürt, dass die Menschen verunsichert sind, dass sie suchen. Die Frage, ob die «Zeiten des abnehmenden Lichts» vielleicht auch für den Kapitalismus gekommen seien, kann ich natürlich nicht beantworten, aber zumindest steht fest: Die Tatsache, dass der Sozialismus untergegangen ist, bedeutet nicht, dass der Kapitalismus überlebt. Das sage ich auch, und es wird mit Beifall zur Kenntnis genommen.

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