19.08.2016   von rowohlt

«Sätze, die Falltüren nach unten und Fenster nach oben öffnen»

«Auf den Gipfeln deutscher Erzählkunst spaziert Martin Mosebach mit unnachahmlicher Eleganz und Leichtigkeit» (Felicitas von Lovenberg, FAZ)

© Hagen Schnauss
© Hagen Schnauss

Nicht immer wird ein Sprung aus dem Fenster zum Sprung in eine andere Welt. Aber als Patrick Elff, Abteilungsleiter einer Privatbank, während eines Gesprächs im Polizeipräsidium aus dem Fenster springt, ist das der Beginn einer gefährlichen Reise. Er hat betrogen, die Entdeckung steht bevor. Nun sucht er Hilfe bei einem mächtigen Finanzmann, der ihm noch einen Gefallen schuldet, und flieht nach Mogador an der  marokkanischen Atlantikküste. Hier taucht er ein in eine geheimnisvolle, phantastische Parallelwelt, in dem verwinkelten Haus von Khadija, einer Hure und Kupplerin, Geldverleiherin, Zauberin und Prophetin … «Mogador», Martin Mosebachs großer neuer Roman, ist beides zugleich, Kriminalfall und marokkanisches Märchen.


Ulrich Greiner, Die Zeit: «Man liest dieses außerordentliche Buch derart gebannt, dass man fast enttäuscht ist, sich nach rund 370 Seiten im eigenen Alltag wiederzufinden. Was natürlich daran liegt, dass Mosebach ein begnadeter Erzähler ist.»


Über Martin Mosebach


Martin Mosebach, geboren 1951 in Frankfurt a. M. Studium der Rechtswissenschaften in Frankfurt und Bonn. 1983 erschien sein Debüt «Das Bett». Zu seinen wichtigen Werken zählen «Westend» (1992), «Die Türkin» (1999), «Der Nebelfürst» (2001), «Das Beben» ( (2005) und «Das Blutbuchenfest» (2014). In «Häresie der Formlosigkeit» (2002, erweiterte Neuausgabe 2007) kritisierte Mosebach die Liberalisierung der liturgischen Orthodoxie durch das Zweite Vatikanische Konzil: ein vehementes Plädoyer für  die Rückkehr zur Tridentinischen Messe («Wir glauben mit den Knien oder wir glauben überhaupt nicht»). Zahlreiche Literaturpreise, u.a. Heinrich-von-Kleist-Preis (2002), Großer Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste (2006) und Georg-Büchner-Preis (2007). Martin Mosebach ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, der Berliner Akademie der Künste und im PEN-Zentrum Deutschland.  


Georg-Büchner-Preis 2007. «Die Auszeichnung gilt einem Schriftsteller, der stilistische Pracht mit urwüchsiger Erzählfreude verbindet und dabei ein humoristisches Geschichtsbewusstsein beweist, das sich weit über die europäischen Kulturgrenzen hinaus erstreckt; einem genialen Formspieler auf allen Feldern der Literatur und nicht zuletzt einem Zeitkritiker von unbestechlicher Selbständigkeit.» (Aus der Begründung der Jury) – «Martin Mosebach, der Erzähler, Romancier und Essayist, der Grandseigneur in der Apfelweinkneipe, der orthodoxe Katholik und unorthodoxe Kenner der Künste, der konservative Anarch und hemmungslose Bewahrer von Stil und Form, ist ein glanzvoller Büchner-Preisträger.» (Hubert Spiegel, FAZ)


Mosebachs Œuvre umfasst Romane und Erzählungen, Filmdrehbücher, Dramen, Hörspiele, Lyrik, Opernlibretti und Reisetagebücher. «Kunst ist unnütz und überflüssig und muss ihre goldene Überflüssigkeit mit Zähnen und Klauen verteidigen», schreibt der in Frankfurt lebende Autor. «Wer die Form wahrnimmt und ernstnimmt, schwebt bereits in der Gefahr, verlogen zu sein. Er ist der Ästhetizist. (…) Aus diesem denkerischen Aufstand gegen das Offensichtliche ist die Grundstimmung unseres Zeitalters geboren worden, ein die ganze Öffentlichkeit erfüllendes Mißtrauen gegen jede Art von Schönheit und Vollkommenheit.»


Als scharfzüngiger, eleganter Essayist hat sich Mosebach fintenreich, souverän und polemisch mit einer Vielfalt von Themen auseinandergesetzt, mit Religion und Politik, klassischer und moderner Architektur, Malerei und Ikonographie, Märchen und Mythen. Der berühmteste theologische Text des bekennenden Katholiken, «Häresie der Formlosigkeit, arbeite, so Max Seidel, «wie eine intellektuelle Fräse, die mühelos theologische Argumente, schal gewordene theologische Korrektheit und ein biederes Katholikenmilieu aufschreckte.»

Martin Mosebach: Mogador


Das hätte sich Patrick Elff nicht in seinen düstersten Albträumen träumen lassen. Dass er, der studierte Literaturwissenschaftler und praktizierende Banker, einmal in eine Situation geraten würde, die ihn in derart in Panik versetzt, dass er sich vor den Vernehmungen im Düsseldorfer Polizeipräsidium durch einen Sprung aus dem Fenster rettet. Slapstick, B-Movie, der reine Irrsinn. Damit nicht genug. Weil Patrick sicher ist, dass sein kleines schmutziges Bankergeheimnis bald aufgedeckt und öffentlich sein wird, setzt er seine Flucht kurzerhand fort. Nicht einmal seiner Frau Pilar vertraut er sich an.


Was war geschehen? Doktor Filter, 20 Jahre jünger als sein Patrick, war zwei Wochen zuvor tot aufgefunden worden, erhängt an einem Heizungsrohr. Filter, ein Außenseitertyp mit nerdigen Ticks und Marotten, galt als «Relikt einer guten alten Zeit, als man noch von ‹Bankbeamten› sprach». Über ein Geflecht von Firmenbeteiligungen in Singapur, auf den Bahamas und den Kaimaninseln hatte er ein raffiniertes System der Geldabzweigung in zweistelliger Millionenhöhe etabliert – nicht aus Geldgier, sondern: weil er es konnte. Kurz vor seinem Tod machte er Patrick zum Mitwisser der kreativen doppelten Buchführung. Das – und ein von diesem direkt abgewickelter Deal mit Monsieur Pereira, einem marokkanischen Großkunden der Bank – steckte hinter seiner Flucht. Eine Kurzschlussreaktion, die ihn aus seinem gewohnten Leben herausreißen und binnen Stunden via Brüssel in eine völlig fremde Welt schleudern wird, nach Mogador an der marokkanischen Atlantikküste.


Mogador, «die Stadt der ertrunkenen Fischer und der jungen Witwen», ist der alte portugiesische Name der Hafenstadt Essaouira. Hier residiert Monsieur Pereira, einer der wichtigsten Männer Marokkos, reich, kultiviert, mächtig. Von ihm erhofft sich Patrick die Befreiung aus seiner Notlage; ohne Pereira, fürchtet er, ist sein Weg zum Unberührbaren, zum Outlaw vorgezeichnet. «Alle Konstituanten, alle Korsette, alle roten Fäden seines Lebens hatten sich aufgelöst. Die Schwerkraft des Lebens war weggefallen, er schwebte, aber das war kein schöner Zustand; ein Körper wollte sein Gewicht auf die Erde stützen.» Aber nicht Pereira wird ihm zum Schicksal werden, sondern Khadija – die Frau, in deren trubeligem Haus in Mogadors vor sich hin bröckelnder Altstadt er Unterschlupf findet. 


Khadija ist zweifache Witwe, Mutter zweier Kinder, Hure und Kupplerin, Zauberin und Wahrsagerin. Khadija, im Bunde mit der Sonne und den Dämonen («Dschnunats überall …»), ist so leidensfähig wie durchsetzungsfähig. Eine Meisterin magischer Praktiken und archaischer Rituale, die mit ihrem jungen Vasallen Karim dafür sorgt, dass der Geflohene nicht im Strudel der beängstigenden Geschehnisse untergeht. 


Es gibt unfassbar schöne Passagen in diesem Roman – von Sonnenuntergängen, Stürmen und Wellenbewegungen; und miniaturhafte Porträts von solcher Schärfe und Leuchtkraft, dass man sie so schnell nicht vergisst – tatsächlich eine «Seelenbezauberung durch Schönheit». Nur drei Beispiele: die fünfseitige Beschreibung des Meers vor Mogador; das Porträt jener Berberin, deren verstörende äußerliche Veränderung Khadija, das «Mädchen auf dem Kanonenrohr», aufmerksam registriert; vor allem aber jene Parade der Bettler von Mogador, herrisch und fordernd, die die ganze Stadt durch ihr bloßes Dasein kontrollieren.

Martin Mosebach: Das Leben ist kurz


Die Miniaturen dieses Buchs («Zwölf Bagatellen») erfassen die Welt in Augenblicken. Sie sind Erzählpracht auf engstem Raum, lassen im Handumdrehen Szenen und Figuren entstehen, und so kurz sie sind, so vielgestaltig sind sie in Darstellung und Ton – komisch oder ernst, romanhaft ausgreifend oder dramatisch oder satirisch, dann wieder gelöst, beruhigt. Nur in Sinnlichkeit und Intensität gleichen sich die winzigen Progressionen in der Zeit, die Martin Mosebach beschreibt; es sind die Augenblicke, die unser Leben vor allem ausmachen, die Augenblicke, in denen man, beglückt oder überrascht wie beim Lesen dieser Geschichten auch, etwas von seiner Kürze und Unwiederholbarkeit begreift.


«Die Sammlung ist sorgfältig komponiert und zeigt den ganzen Reichtum von Mosebachs Fantasie und Sprachfähigkeit.» (Ulrich Greiner, Die Zeit)

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