22.12.2016   von rowohlt

Nichts wird je wieder sein wie vorher

Ein neuer Fall für Special Agent Bobby Dees, Spezialist für verschwundene Kinder und Jugendliche beim Florida Department of Law Enforcement

© Joserra Martinez/Getty Images; Ivankov/shutterstock.com; OnstOn/iStockphoto.de
© Joserra Martinez/Getty Images; Ivankov/shutterstock.com; OnstOn/iStockphoto.de

Nach einer Party kommt die siebzehnjährige Mallory Knight nicht nach Hause; ihre Mutter glaubt, dass ihr etwas Schlimmes zugestoßen sein könnte. Als man in einem abgelegenen Waldstück Mallorys Handy und ihre blutgesprenkelte Jacke findet, wird Special Agent Bobby Dees alarmiert.  Das Mädchen – schmal, blond, blauäugig – passt exakt ins Beuteschema des «Hammermanns», der die Menschen in Florida und Georgia seit Monaten in Panik versetzt. Mehr als ein Dutzend Mädchen im Teenageralter hat der Serienkiller bestialisch zu Tode gequält … Jilliane Hoffmans neuer Thriller «Insomnia»: starke Figuren, ungeheure Spannung. Definitiv nichts für schwache Nerven. 

Die Kammer des Schreckens


Auf keinen derabendlichen Anrufe und SMS ihrer Mutter hat Mallory reagiert. Als ihre Tochter am nächsten Morgen noch immer nicht zurück ist, schlägt ihr Zorn in Angst um. Mit Schrecken registriert Victoria Knight fest, dass ihre «Kleine» wie eine Doppelgängerin der Toten auf der Titelseite der Tageszeitung aussieht, wie das vermisste Mädchen aus Orlando, das vom «Hammermann» regelrecht massakriert wurde. 


«Die neun Opfer, die man bis jetzt gefunden hatte, waren alle weiß, weiblich und zwischen vierzehn und neunzehn Jahre alt. Außerdem waren sie zierlich gebaut, unter eins sechzig groß, hatten glattes, dunkles langes Haar, vornehmlich mit Mittelscheitel, helle Augen – grün oder blau – und klassische Gesichtszüge. Die Ähnlichkeit der ermordeten Mädchen war so groß, dass es wirkte, als gehörten sie zu einer Familie.» Zu dieser Familie, davon ist Virginia Knight überzeugt, könnte jetzt auch Mallory gehören.


Aber Mallory taucht wieder auf. Zwei Tage nach ihrem Verschwinden aus Cooper City bricht sie vor einem Truckstop an der Bundesstraße 27 in Süd-Florida zusammen – verstört, verängstigt, blutend. Der Polizei berichtet sie, zwei Tage in der Gewalt des berüchtigten Serienmörders gewesen zu sein; ihre Flucht sei einem Glücksfall zu verdanken. Die Presse singt Jubelhymnen auf den Mut des Mädchens, dem es als Einzige gelungen sei, dem Killer zu entkommen. Nur Special Agent Bobby Dees hat seine Zweifel an Mallorys Geschichte. Zu viele Indizien, die nicht zusammenpassen, zu viele Ungereimtheiten und Widersprüche. Kurz darauf wird ein weiteres Mädchen vermisst. Und Mallory muss erkennen, dass ihre Aussage fatale Folgen hat. Jetzt – und erst recht vier Jahre später, in Tallahassee, Florida …

«Nichts davon ist deine Schuld, Mallory …»


Vier Jahre später. Noch immer keine Spur vom «Hammermörder». «Offiziell belief sich die Opferzahl heute auf achtzehn. Achtzehn arme, namenlose Mädchen – niemand wusste, dass es noch ein Dutzend andere gab …» Zig Profiler haben sich an ihm die Zähne ausgebissen; das Einzige, was man sicher über ihn weiß, ist, dass er über extremes Computerinsiderwissen verfügen muss – er manipuliert Bilder nach Belieben, scheinbar mühelos hat er Dees' Twitteraccount hacken können. So bleibt den Ermittlern von FBI und FDLE nichts anderes, als auf den Tag zu warten, an dem der Killer den entscheidenden Fehler machen wird. Dieser Tag wird kommen, davon ist Bobby Dees überzeugt. 


Seine Kollegen haben ihm den Spitznamen «Shep» verpasst, von Shepherd, der Hirte. Dass niemand beim FDLE ein so feines Gespür für vermisste Kinder hat wie er, hat mit Bobby Dees' ganz persönlichen Geschichte zu tun. Seine Tochter Katy vor zwei Jahren von einem auf den Tagen verschwunden; erst Monate später tauchte sie wieder auf, vollgepumpt mit Drogen. Seitdem kämpfen Dees und seine Frau LuAnn hartnäckig gegen einen Rückfall des Mädchens in die Drogensucht. Kein Zufall, dass er es war, der den sadistischen Serienmörder Mark Fielding, genannt «Picasso», nach einem makabren Katz-und-Maus-Spiel zur Strecke brachte. Dieser und andere Fälle machten ihn zu einer kleinen Ermittler-Berühmtheit – was auch dem «Hammermann» nicht verborgen geblieben ist …


«Im Norden Floridas war der Serienmörder längst zur furchteinflößenden Legende geworden, wie Jack the Ripper oder der Zodiac Killer. Der Hammermann war  ein Ungeheuer, das bei Nacht jagte und seiner Beute anscheinend über längere Zeit auflauerte, bevor es zuschlug … Er überquerte County- und Landesgrenzen, ohne je eine Spur zu hinterlassen – kein Haar, keine Faser, keine Körperflüssigkeit, keine Fingerabdrücke –, weder am Ort des Überfalls noch am Fundort der Leichen, die manchmal erst Monate nach ihrem Verschwinden auftauchten.»


Keiner weiß besser als der «Hammermann» selbst, dass er nicht «normal» ist. Längst hat er aufgehört, gegen das Böse in sich anzugehen. Längst hat er akzeptiert, dass die schrecklichen, marternden Kopfschmerzen, die ihn schon als Kind  quälten, nur dann aufhören, wenn er seinem Trieb nachgibt. Indem er junge Mädchen tötet, nachdem er ihnen fürchterliche Schmerzen zugefügt hat. Mit allem, was sein Werkzeugkasten hergibt: Sägen, Schraubenzieher, Hammer, Bohrer, Zangen – und Masken. Die Schreckensschreie der Mädchen, das Entsetzen in ihren verlöschenden Augen – genau das braucht er, damit die hämmernden Schmerzen in seinem Kopf und die quälende Schlaflosigkeit aufhören. 


Immer ist es das gleiche Spiel. Lange beobachtet er sein nächstes Opfer, wie ein sadistischer Jäger, der seine Beute belauert, bis er den Abzug seiner Waffe berührt und den tödlichen Schuss setzt. Endlich glaubt der «Hammermann», sie gefunden zu haben, nach der er immer schon gesucht hat. Dieses Mädchen, dieses eine Mädchen muss er haben, um das Chaos in sich zum Schweigen zu bringen …

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