22.12.2016   von rowohlt

Lippen abwischen ...

Pures Feingoldt: «Die prachtvollsten Texte 2003 bis 2014» von Max Goldt

© Frank Ortmann (Umschlaggestaltung)
© Frank Ortmann (Umschlaggestaltung)

Max Goldt – Satz für Satz, großartige Unterhaltung. Kein anderer zeitgenössischer deutscher Autor beherrscht die Kunst der absichtsvollen Ab- und Ausschweifung, das lässige Lustwandeln von Pontius zu Pilatus wie er.  «Lippen abwischen und lächeln» enthält 74 Preziosen (nebst einiger Bildbetextungen), darunter Klassiker wie «Ein Querulant hört was knarren», «Dem Elend probesitzen», «Tätowiert, motorisiert, desinteressiert – der Kleinbürger zwischen Statistik und Traum», «Der Zauber des seitlich dran Vorbeigehens» oder «Fast vierzig zum Teil recht coole Interviewantworten ohne die dazugehörigen dummen Fragen». 506 Seiten Max Goldt: einfach prachtvoll.

All about Max


Klar kennen Sie Max Goldt. Aber – wie gut kennen Sie ihn? Der Klappentext zu «Lippen abwischen und lächeln» bringt Leben und Werk des Dichters und Musikers auf den neuesten Stand: «Max Goldt wurde 1958 in Göttingen geboren und lebt seit 1977 in Berlin. In den achtziger Jahren wurde er musikalisch auffällig, zunächst durch die Zusammenarbeit mit Gerd Pasemann im Zweimann-Projekt ‹Foyer des Arts›. Bedauerlicherweise blieben gerade ihre charaktervollsten Songs wie ‹Kaiserschnitt›, ‹Ein Elvis-Imitator auf dem Wege zu sich selbst›, ‹Könnten Bienen fliegen› oder ‹Ich habe Geld und würde gern› einem größeren Publikum unbekannt. Auch Goldts solistische Produktionen wie ‹Die majestätische Ruhe des Anorganischen› und ‹Legasthenie im Abendwind› sind noch weitgehend unentdeckt. Seine letzte musikalische Veröffentlichung war das Werk ‹Nuuk›, eine Zusammenarbeit mit einem Komponisten der zeitgenössischen klassischen Musik, Stephan Winkler.


1989 begann Goldt, Betrachtungen über vielerlei, u.a. über Zivilisationsfragen, in der Zeitschrift Titanic zu veröffentlichen. Seit 1991 ist ein knappes Dutzend Bücher erschienen, die teils erzählende Kurz- bis Mittelprosa, Dialoge und Fragmente unbestimmbaren Genres enthalten. Freunde des Außergewöhnlichen schätzen insbesondere  ‹Gattin aus Holzabfällen›, einem Band mit betexteten Fotofundstücken, sowie ‹Chefinnen in bodenlangen Jeansröcken›, eine Sammlung verschiedener schmucktypographischer Arbeiten.


Max Goldt gilt sowohl als strenger Stilist als auch als Vertreter einer besonders freien dichterischen Form. Er unternimmt häufig Lesereisen, auf denen Mitschnitte entstehen, die auf diversen, von ‹Hörbuch Hamburg› verantworteten Hörbüchern in die Welt geschickt werden. Zuletzt: ‹Freundin in der Hose der Feindin, Feindin in der Küche des Freunds›, ‹Zweisprachig erzogene Bisexuelle mit Fahrrädern auf dem Autodach› und ‹Chloroformierte Vierzehnjährige im Tweedkostüm› – alle drei enthalten Texte aus ‹Lippen abwischen und lächeln›.


Außerdem fungiert Goldt als Szenarist des Comic-Duos Katz und Goldt, von dem es gut zehn Bücher gibt. Die drei neuesten sind: ‹Lust auf etwas Perkussion, mein kleiner Wuschel?›, ‹Katz und Goldt sowie der Berliner Fernsehturm aus der Sicht von jemandem, der zu faul ist, seinen Kaktus beiseite zu schieben› und ‹Der Baum ist köstlich, Graf Zeppelin›. 2015 verdichtete und erweiterte Max Goldt eine Auswahl von Comic-Szenarien zu Dramoletten. Resultat war das Buch ‹Räusper›.»


Hier ein kürzerer Text aus «Lippen abwischen und lächeln», zu dem das Quellenverzeichnis Folgendes vermerkt: «Zsá Zsá Inci 2009/2015, aus dem Hörbuch ‹Freundin in der Hose der Feindin, Feindin in der Küche des Freunds›, neue Version des einzigen mißratenen Textes aus «Ein Buch namens Zimbo›.» Mit Zsá Zsá Gabor, der jüngst im Alter von 99 Jahren verstorbenen Hollywood-Diva, die es in ihrem langen Leben auf acht Ehegatten, viele lustige Sprüche und zahllose Geschmeide brachte, hat «Zsá Zsá Inci» aber offenkundig wenig bis nichts zu tun. 

Max Goldt: Zsá Zsá Inci


«An den Litfaßsäulen, die meine täglichen Wege säumen, hängen zur Zeit Werbeplakate für einen Film namens «Die wilden Hühner und das Leben». Es handelt sich um einen Film für junge Mädchen sowie für weibliche Personen, die noch jünger sind als junge Mädchen, also kleine Mädchen.


An dem Film gibt es vermutlich nicht viel auszusetzen, dennoch bin ich froh, daß ich ihn mir nicht ansehen muß, noch mehr aber, daß ich nicht den leisesten Wunsch verspüre, ihn zu sehen. Gäbe es diskrete Sondervorführungen des Films für erwachsene Herren, wären die möglicherweise gut besucht. Das Schicksal oder der Genpool versorgen jeden Menschen mit der einen oder anderen sozial unverträglichen und somit zu verheimlichenden Neigung, doch wenn einem immerhin der Drang erspart geblieben ist, sich als Zielgruppenfremder in Wilde-Hühner-Filme einzuschleichen, hat man schon einmal einen triftigen Grund, mit seinen Geschicken nicht permanent zu hadern.


Eine der auf dem Plakat abgebildeten jungen Darstellerinnen trägt den klangvollen Namen Zsá Zsá Inci Bürkle. Wenn in Deutschland Gespräche darüber geführt werden, wie man Kinder nennen sollte und wie nicht, kramen ältere Leute gern im Küchenschrank verwahrte Zeitungsausschnitte hervor, denen zufolge irgendein Gericht Eltern verboten haben soll, ihr Kind «Robespierre» oder «Kalinichta» zu nennen. Tatsächlich ist der Glaube weitverbreitet, daß Eltern ihren Kindern lebenslangen Schaden zufügen, indem sie ihnen Namen geben, die nicht in der standesamtlichen Top Fifty stehen. Ob solchen Auffassungen jemals auch nur ein Körnchen Wahrheit anhaftete, kann man nur vermuten, heute aber, in einer Zeit, wo in fast jedem deutschen Klassenzimmer Kinder mit Namen aus 1001 Nacht sitzen, leidet bestimmt niemand mehr an der Namensphantasie seiner Eltern, vermutlich noch nicht einmal jene Mädchen, die Samantha heißen und wegen der Nichtintegrierbarkeit des englischen «th» in den deutschen Sprachfluß stets «Zementa» gerufen werden. Die unaparte, im täglichen Umgang natürlich rasch verfliegende Baustoffassoziation müssen sie eben durch liebliches Auftreten ausgleichen, und das wird doch wohl hinbekommen zu sein.


Man hat den Eindruck, daß sich Eltern heute bezüglich der Namen ihrer Kinder an den Rand des Wahnsinns diskutieren – jeder Name ist phonetisch irgendwie unideal, jeder Name ähnelt in irgendeiner Sprache auf der Welt dem Wort für etwas Übelriechendes, jeder Name weckt bei irgendjemandem Erinnerungen an ein gleichnamiges billiges Speisefett, eine Waschmaschine oder einen schrecklichen Fernsehmenschen, und die Vornamen, die zur Zeit als deutlich bildungsfern oder -unfern gelten, werden in zwanzig Jahren eventuell einen ganz anderen sozialen Ausdruck haben, kurzum: Es grenzt ans Piepegale, wie einer sein Kind nennt. Man gewöhnt sich an alles, und gehänselt und gequält werden auch Kinder mit einem in hunderten durchwachter Nächte zusammenoptimierten Namen, sobald sie von ihren Eltern in einer alten Klapperkiste in die Schule gefahren werden, oder wenn ein Elternteil einen falschen Beruf ausübt. Kind eines Frauenarztes möchte man als Pubertierender lieber nicht sein. Fragt sich nur, wer mehr gepiesackt wird: Söhne oder Töchter von Frauenärzten.


Leuten, die meinen, unter einem ungewöhnlichen Vornamen würden Kinder leiden, sollte man entgegenhalten, daß z. B. auch ein Knabe namens Stefan darunter leiden könnte, daß er sein ganzes Leben lang die Frage gestellt bekommt «Mit f oder ph?». Zwischen Einschulung und Einäscherung wird er das vermutlich etwa zweihundertfünfzigtausendmal gefragt werden, mit f oder ph? Aber er wird wohl kaum darunter leiden, und wenn doch, dann kann er sich einen anderen Namen aussuchen, wie es Tausende von Künstlern, Journalisten oder Jogalehrern getan haben. Auffällig ist allerdings, daß Leute, die einen selbstausgesuchten Namen tragen, oft mit der Meinung konfrontiert werden, «in Wirklichkeit» würden sie anders heißen.


In dieser Auffassung verbirgt sich eine sonderbare Autoritätshörigkeit. Offenbar wird geglaubt, Wirklichkeit lasse sich nur durch amtliche Bescheinigungen herstellen, und nicht durch freie Entscheidung. Ein Name, den einer sich selbst gegeben hat, ist aber genau so wirklich und echt wie einer, der ihm von den Eltern angeheftet wurde, solange klar ist, wer mit dem Namen gemeint ist.
Ich komme häufig an einem parkenden Auto vorbei, an dessen Heckscheibe von seinem Besitzer, einem Plattenhändler, der Spruch angebracht wurde: Die Namen eurer dicken Kinder interessieren niemanden. Der Plattenhändler hat recht: Nennt eure dicken Kinder einfach irgendwie, und die dünnen Kinder auch.»

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