21.11.2016   von rowohlt

Kommt da noch was – oder war's das jetzt?

Ildikó von Kürthys wunderbar amüsanter Crashkurs in Sachen Selbstoptimierung. Merke: «Du kannst fasten, meditieren oder einen Ponyhof in Patagonien eröffnen: Von sich selbst kann sich keiner trennen.»

© Frank Grimm; Julia Thesenfitz
© Frank Grimm; Julia Thesenfitz

«Alle Frauen in der Lebensmitte sind auf der Suche. Aber es gibt kaum eine, die genau weiß, wonach sie eigentlich sucht. Nach dem Sinn des Lebens? Nach Selbstbewusstsein, Gelassenheit, Achtsamkeit? Nach einem neuen Mann oder lieber doch nur nach einer neuen Haarfarbe?» Ildikó von Kürthy hat sich auf die Suche gemacht und ein ganzes Jahr lang in den Modus «Neuanfang» geschaltet. Sie hat im Schweigekloster geschwiegen, auf Alkohol und weißen Zucker verzichtet, in der Wildnis (von Wildeshausen) überlebt und sich Botox in die Stirn spritzen lassen. Sie ist radikal erblondet, ziemlich dünn und fast faltenfrei geworden. Ihre Bilanz: «Ein hartes Jahr, aber ein tolles Jahr. Unvergesslich.»

«Glaub nicht alles, was du denkst!»


Einen Tag vor Heiligabend bereits das Nachweihnachtsgewicht erreicht – wenn das kein überzeugender Anlass ist, in seinem Leben etwas radikal zu verändern! Ildikó von Kürthy beschließt, ein ganzes Jahr zum Experimentierfeld in eigener Sache zu machen, weil: zu viel «innerliches Fett», «zu viel an Materie, an Gedankengedöns». Die Messlatte liegt hoch: neun Dos and Don'ts, neun Herausforderungen! 1. Kein Alkohol. 2. Kein weißer Zucker. 3. Keine Kohlenhydrate nach 18 Uhr. 4. Keine neuen Anziehsachen. 5. Keine Einkäufe im Internet bei Großhändlern. 6. Strenge digitale Diät. 7. «Einen Sommer lang so dünn, so blond und so schön wie möglich sein und dann mal sehen, ob sich das lohnt.» 8. Sport vier- bis sechsmal die Woche. 9. Ruhe & Konzentration durch Yoga, Meditation  und Pilates.


Über eines hat sich Ildiló von Kürthy vorher keinerlei Illusionen gemacht: Beliebt macht man sich mit einem solchen Hardcore-Programm nicht: «Leute wie mich konnte ich früher nicht leiden.» Außerdem wird man als Verzichtsmissionarin (kein Alkohol! kein weißer Zucker! kein Döner, kein dies und kein das) ziemlich schnell übellaunig. Kleiner Trost: Mit ihrer Lust auf neue Kicks und neue Erfahrungen steht sie nicht allein da. «Wie eine panische Büffelherde fegt eine riesige Schar sich selbst verwirklichender Frauen rund um den Globus. Und wer nicht mindestens Yoga macht oder eine Gluten-Unverträglichkeit vorzuweisen hat, verhält sich verdächtig.»


Die Stern-Autorin Franziska Reich hat nachgezählt: Es sind siebenundzwanzig (27!) Maßnahmen, denen sich die Hamburger Bestsellerautorin zwecks Selbstoptimierung unterzieht, darunter zum Beispiel: Achtsamkeitsmeditation, tibetisches Yoga mit Ralf Bauer im Hotel Arosa, Botox-Kur und Fettvereisung (Cool Sculpting). Sie gibt sich der Magie von Shan Rahimkhan hin, dem «Schönmacher der Prominenz», bucht einen Burlesque-Kurs in einem Tangostudio und entschlackt in einem sündhaft teuren Edeletablissement am Tegernsee – weißer Boden, weiße Liegen, weiße Laken, weiße Landschaft, wie «in einem Leichenschauhaus für Milliardäre». Sie lernt, wie man Gluten ausspricht («mit langem e wie Arsen») – und dass sie ein gewisses Talent mitbringt, eine Gruppe anzubellen.


«Wir lieben, was wir sehen. Mogli findet Affen schön.»


Die Probandin begeistert sich für die alltagstauglichen Tipps einer Stilberaterin  und eines Professional Organizer & Efficiency Trainers und widmet sich dem Zusammenhang von Rhetorik und Körpersprache. Kürthy geht in ein Schweigekloster und besucht das Sterbehospiz Haus Hörn in Aachen, wo ihre Mutter die letzten Lebenstage verbrachte. Als Gast einer Modenschau von Guido Maria Kretschmer schaut sie, halb fasziniert, halb konsterniert, auf langbeinige Laufsteg-Hungerhaken, um dann bei einem Sport-Intensivkurs auf Mallorca gnadenlos die eigenen Grenzen aufgezeigt zu bekommen. Wie gesagt: 27 Lektionen in Selbstoptimierung.


Härter als die Sit-ups, Liegestütze und Hantelexzesse, mit denen Marco Santoro, Hamburgs «härtester Fitness-Guru», sie stählt, ist der radikale Verzicht auf (fast) alle kulinarischen Genüsse. 14. Februar, 3.45 Uhr, ein Albtraum mit folgendem Horrorszenario: «Ich werde durch die Bodyguards des Oligarchen, begleitet von den Buh-Rufen der anderen Gäste, aus dem Sternerestaurant Le Canard rausgeschmissen. Der Koch erteilt mir unbefristetes Hausverbot. Grund: Ich habe lediglich eine Kartoffel mit Leinöl bestellt und eine Tasse Fenchel-Anis-Kümmel-Tee.»


Bitter nur, ständig Leuten zu begegnen, die unbeeindruckt all das tun, was sie selbst sich versagt. «Gestern bin ich an der Seepromenade entlangspaziert  und auf eine Art verspätetem Weihnachtsmarkt gelandet. Ein Schock: Menschen aßen Bratwürste! Ich sah Kinder mit Krapfen! Jugendliche mit Schmalzgebäck und bunten Tüten voller gebrannter Mandeln! Und nicht einer von ihnen bemühte sich um gründliches Einspeicheln!»

«Blond sein ist, wie oben ohne zu gehen»


Das optisch aufregendste Neuland-Projekt ist die Radikalerblondung. Dafür hat sich Ildikó von Kürthy einen wahren Künstler gesucht: den «wunderbaren Marcio, Frisör und Experte für Blondinen und Extensions mit dem Spezialgebiet Fußballer-Frauen. Er soll aus mir ein blondes, langmähniges, wildes Ding machen.» Wer es noch nicht weiß, dem sei gesagt: Schönheit ist ein Vollzeitjob und Blondsein eine Lebensaufgabe. Am Ende droht Kürthys Blondtraum an einer typisch deutschen Katastrophe zu scheitern: Die edlen brasilianischen Echthaar-Extensions in drei verschiedenen Blondnuancen hängen irgendwo zwischen Rio de Janeiro und Hamburg-Eimsbüttel fest – Poststreik!


Elendes Nervenspiel! Aber irgendwann sind sie zum Glück doch noch eingetroffen: 350 Haarsträhnen, die mit einer Wärmezange am Echthaar festgeschweißt werden. Macht 47 Stunden Haar-Arbeit und 2.100 Euro. Die Neu-Blondine Ildikó ist begeistert, auch wenn sie sich bang fragt: Bin das wirklich ICH? «‹Ich ist ein dehnbarer Begriff›, sagt der Mann, der hinter mir steht und mein blondes, langes Haar zu einer Frisur zusammensteckt.» Nur Freundin Vera mosert missgelaunt: «Was hast du denn davon, wenn dich jeder Kanalarbeiter flachlegen will?»


Sie möchten wissen, wie viele der neun Dos and Don'ts am Ende des Jahres abgehakt sind – und welche Barrieren am Ende doch zu hoch waren, weil das «Heimweh nach mir selbst» immer unabweisbarer wurde? Das und vieles mehr erfahren Sie in «Neuland»!

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