05.10.2015   von rowohlt

Die heimliche Herrschaft von Konzernen und Kanzleien

TTIP et al.: ZEIT-Wirtschaftsredakteurin Petra Pinzler über eine Handelspolitik zum Wohle der multinationalen Konzerne

© Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich
© Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich

Die Auseinandersetzung um die umstrittenen neuen Handels- und Investitionsabkommen tritt im Herbst 2015 in die heiße Phase – am 10. Oktober 2015 findet in Berlin eine Großdemonstration unter dem Motto «TTIP und CETA stoppen!» statt. Nicht nur hier, weltweit wächst der Protest gegen eine Handelspolitik, die vor allem das Wohl multinationaler Konzerne im Blick hat. Hart erkämpfte Regeln zum Schutz von Verbrauchern, Arbeitnehmern und Umwelt drohen demontiert zu werden. Wir haben Petra Pinzler, Wirtschaftsexpertin der ZEIT und Autorin des Buches «Der Unfreihandel», gefragt, wie es so weit kommen konnte – und weshalb Hunger, Klimawandel und Verteilungsungerechtigkeit, die globalen Probleme von heute, durch TTIP & Co. eher verschärft als gelindert werden.

Das Interview


Tschernobyl und Fukushima, Pershing II- und SS-20-Raketen, Stuttgart 21 und der NSA-Skandal, das alles ist auf den ersten Blick viel weniger abstrakt als das, was sich hinter Kürzeln wie ISDS, GATS, TISA oder TTIP verbirgt. Wie konnte es dennoch zu einer derart breiten Mobilisierung gegen die Handelspolitik kommen?
Am Anfang hat mich das auch gewundert. Ich hätte es noch vor kurzem nicht für möglich gehalten, dass drei Millionen Menschen eine Petition gegen das europäisch-amerikanische Abkommen TTIP unterschreiben würden und viele zehntausend dagegen auf die Straße gehen. Aber die Erklärung ist wahrscheinlich ganz einfach: Immer mehr Bürger spüren, dass die Handelspolitiker durch Abkommen wie das geplante europäisch-amerikanische TTIP tief in ihr Leben eingreifen wollen  – ohne dass sie jemals gefragt wurden. Und dagegen protestieren sie zu Recht.


In Ihrem Buch erzählen Sie Geschichten von Fröschen und Walen, von gefährdeten Küsten, bizarren Patentschutzverfahren und Lokalradios, die keine Lokalnachrichten mehr bringen dürfen. Ist es nicht genau das, was man aktuell machen muss, um die Abstrakta TTIP, CETA usw. aufzubrechen – Geschichten zu erzählen?
«Grau, teurer Freund, ist alle Theorie», hat schon Goethe geschrieben. Dass erst die Anschauung komplizierte Thesen plausibel und verständlich macht, ist also gar nicht neu, aber natürlich immer noch richtig. Für ein Buch über Freihandel bedeutet das: Die problematischen Klauseln der oft viele tausend Seiten langen Verträge sollte man zwar kennen. Begreifbar werden sie aber erst, wenn man die Folgen schildert. Und die sind wiederum so absurd, dass man darüber lachen und weinen zugleich möchte. Die Handelspolitik sorgt für irre Geschichten aus dem wahren Leben.  Sie macht den Schutz der Wale teuer und die Rettung der Delphine schwieriger. Sie sorgt dafür, dass die Europäer, weil sie kein hormonbelastetes Rindfleisch in die Supermärkte lassen wollen, heute Strafen an die USA zahlen müssen. Wir zahlen dafür, dass wir etwas nicht kaufen wollen: Das ist doch irre.


Soziale und ökologische Standards sind bedroht


Wie kritisch sehen eigentlich Star-Ökonomen wie Paul Krugmann oder Joseph E. Stiglitz die Bestrebungen, durch die Handelsabkommen einen Wirtschaftsraum von 800 Millionen Menschen zu schaffen?   
Immer mehr renommierte Ökonomen begründen sehr gut, dass TTIP, so wie es bisher geplant ist, wenig besser und vieles schlechter machen wird. Es wird beispielsweise für Produzenten aus Afrika viel schwerer, zu uns zu exportieren – doch genau das wäre dringend nötig. Wir erleben doch heute, jetzt, dass Menschen nicht nur vor Krieg, sondern auch aus der Armut zu uns fliehen. Zollsenkungen für Kenia wären also viel nützlicher als ein besonderer Schutz amerikanischer Investoren – um nur ein Beispiel zu nennen. Aber TTIP verärgert auch die großen Schwellenländer des Südens. Warum vereinbaren wir Regeln mit den USA, wenn doch die Wachstumsmärkte in Indien, Brasilien und China liegen? Müssten wir deren Regierungen nicht einbinden?


Sie schreiben, durch TTIP & Co. sollen «neue Zäune um das Eigentum von Konzernen gezogen werden. Und es soll privatisiert werden, was bislang noch allen gehört.» Gibt es aus Verbraucherschutzsicht eigentlich nichts, was bei TTIP als Positivum zu Buche schlagen könnte?
Wenn wir mit den Amerikanern über die richtigen Fragen verhandeln würden, könnte TTIP wunderbar für die Verbraucher werden. Aber dann müsste es darum gehen, wie wir gemeinsam den besten Verbraucherschutz der Welt durchsetzen. Denn genau das zeichnet die entwickelte Welt doch aus: Sie bietet ihren Bürgern den weltweit besten Schutz. Deswegen kaufen die Chinesen unser Milchpulver so gern. Aber darüber, wie man diesen Schutz verbessern kann, wird bei den Verhandlungen nicht geredet. Bisher fordern die Amerikaner, dass wir ihre gentechnisch veränderten Lebensmittel auf den Markt lassen, und unsere Industrie will an amerikanische Staatsaufträge. Beides muss nicht unbedingt kommen, die Verhandlungen laufen ja noch. Aber es zeigt, worum es bei TTIP geht: um die Wünsche der Industrie und nicht um die der Verbraucher. Wenn das so wäre, hätten die Verhandler schon längst über strengere Tests für Autoabgase diskutieren müssen – und nicht nur über gemeinsame Normen für die Scheinwerfer.


Vom «Fatalismus der politischen Klasse»


Läuft das devote Stillschweigen und Stillhalten der politischen Eliten vor der Übermacht der USA nicht auf eine Selbstabschaffung der Demokratie hinaus?
Ich glaube, da verändert sich gerade etwas. Politiker sind auch nur Menschen mit einem begrenzten Zeitbudget. Sie haben deswegen bisher die Handelspolitik den Experten überlassen – in dem naiven Glauben, dass das schon irgendwie gut wird. Es wird aber nicht automatisch gut. Das wissen nun immer mehr Bürger, und die wiederum werden ihre politischen Vertreter hoffentlich immer öfter danach fragen, wie die es mit TTIP so halten. Zwangsläufig wird sich also auch der Bundestag öfter mit der Handelspolitik beschäftigen, ähnlich war es ja bei der Eurorettungspolitik. Das muss nicht automatisch zu einem guten Ergebnis und zu einer Demokratisierung des Freihandels führen. Aber es birgt immerhin die Chance, dass die Erosion der Demokratie gestoppt werden kann.


Angenommen, Sie – und nicht die Schwedin Cecilia Malmström – wären  als EU-Handelskommissarin Verhandlungsführerin im Freihandelsclinch mit den USA : Was wären die Top 3 Ihrer Agenda?
Wenn ich Malmströms Job hätte, würde ich mich nicht nur um TTIP anders kümmern. Meine Agenda würde lauten:
1. Die Verhandlungen des europäisch-kanadischen CETA Vertrages neu beginnen, damit die Schiedsgerichte und der spezielle Investorenschutz  aus dem Vertrag gestrichen werden.
2. Schleunigst alte Abkommen reformieren: Die Energiecharta, die zu immer mehr Klagen gegen europäische Staaten führt. Oder die Verträge mit den afrikanischen Ländern reformieren, denn denen haben wir alle möglichen Absurditäten diktiert.
3. Das TTIP-Mandat einstampfen und neu starten.


Am Ende Ihres Buches formulieren Sie eine radikale Perspektive: Man müsse die gesamte Welthandelspolitik den Wirtschaftspolitikern wegnehmen, «bevor die in den nächsten Verträgen festschreiben, was niemand mehr rückgängig machen kann.» Wie optimistisch sind Sie diesbezüglich?
Politik ist das Bohren dicker Bretter. Ich hätte es vor drei Jahren nicht für möglich gehalten, dass ich ein Buch über dieses Thema schreibe kann, dass sich ein Verlag und Leser dafür interessieren. Heute  wollen immer mehr Leute wissen, wie die Handelspolitik funktioniert. Und kommen dann zu dem Ergebnis: Da muss sich was ändern. Warum sollte das morgen nicht möglich sein? Wir haben auch schon Mauern fallen sehen – und das war bedeutend komplizierter.

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