07.11.2016   von rowohlt

Aber was, wenn alles ganz anders war?

Jane Harpers Thriller «The Dry» – einzigartiges Setting, atemberaubender Plot

© da-kuk/Getty Images; Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich
© da-kuk/Getty Images; Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich

Die schlimmste Dürre seit Jahrzehnten lastet auf dem Städtchen Kiewarra mitten im australischen Nirgendwo. Tote Tiere auf den Weiden, Boden und Flüsse ausgedörrt, die Farmer fürchten um ihre Existenz. Und der Schrecken nimmt kein Ende:  Luke Hadler, seine Frau Karen und ihr Sohn Billy werden tot in ihrem Haus aufgefunden, erschossen. Nur das Baby hat überlebt. 
Aaron Falk kehrt zur Beerdigung seines Jugendfreundes nach zwanzig Jahren zum ersten Mal nach Kiewarra zurück. Bald brechen alte Wunden wieder auf, und nicht nur die glühende Hitze fordert ihren Tribut ... Jane Harper, Journalistin bei der australischen Herald Sun, legt mit «The Dry» ein großartiges Thrillerdebüt vor (die Filmrechte sicherte sich Hollywood-Star Reese Witherspoon).

«Die Leute sind hier wie Haie. Sobald sie Blut wittern, greifen sie an»


«Natürlich war der Tod auf der  Farm nichts Neues, und die Schmeißfliegen waren nicht wählerisch. Sie machten keinen Unterschied zwischen einem Kadaver und einer Leiche. Die Dürre hatte den Fliegen den Sommer über ein reichhaltiges Angebot beschert. Sie fanden starre Augen und klebrige Wunden, wenn die Farmer von Kiewarra wieder einmal ihre Gewehre auf abgemagertes Vieh richten mussten. Kein Regen hieß: kein Futter. Und kein Futter bedeutete harte Entscheidungen in einer Gegend, die Tag für Tag unter sengendem Himmel flirrte …»


Mit diesen Sätzen werden wir in «The Dry» förmlich hineingesogen. Mensch und Tier ächzen unter der schlimmsten Trockenheit seit hundert Jahren;  viele Farmer stehen vor dem Ruin, das Städtchen im Outback ist von einer fiebrigen Stimmung ergriffen, die Nerven liegen blank. Für Aaron Falk ist klar: «Trauergottesdienst, Leichenschmaus, eine Übernachtung, dann nichts wie weg. Achtzehn Stunden, kalkulierte er, mehr nicht.» Aber daraus wird nichts. Anstatt direkt wieder nach Hause zu fahren, bleibt Falk, Bundesbeamter bei der Steuerfahndung in Melbourne, in Kiewarra hängen. Die Frage, warum Luke und seine Familie sterben mussten, lässt ihn nicht mehr los. 


Als der Brief von Lukes Vater bei ihm auf dem Schreibtisch landet, ist ihm klar, dass er seiner Vergangenheit in Kiewarra nicht länger ausweichen kann. Neun Worte in ungelenker Schrift: «Luke hat gelogen. Du hast gelogen. Komm zur Trauerfeier.» Und nun ist er hier. Er versucht gemeinsam mit dem jungen Sergeant Raco herauszufinden, ob die Harders tatsächlich wegen jener Tat sterben mussten, die Kiewarra damals bis  ins Mark traf: Ellie Deacons Tod. 


Aber Rache – nach so langer Zeit? Ebenso wie Raco zweifelt auch Falk an der offiziellen Version «erweiterter Suizid»: Luke, zermürbt und verzweifelt, habe seine Familie mit in den Tod gerissen. Aber warum wurde das Baby Charlotte als einzige verschont? Die Indizienlage ist alles andere als eindeutig. Aaron beginnt sich zu fragen, ob die Hadler-Tragödie etwas mit dem mysteriösen Tod Ellie Deacons zu tun hat. Damals, vor 20 Jahren, war Aarons 16-jährige Freundin Ellie wenige Tage nach ihrem spurlosen Verschwinden tot im Fluss gefunden worden. Mord oder Selbstmord? 

Kreuz des Südens


Viele in Kiewarra beschuldigten Aaron Falk; aber weil er und Luke sich gegenseitig ein Alibi gaben – «Ich war mit Luke Hadler zusammen. Wir haben Kaninchen geschossen. Draußen auf den Weiden an der Cooran Road» –, blieb es bei Gerüchten und Spekulationen.  Aaron und sein Vater Erik  hatten kurz nach Ellis' Tod die Stadt fluchtartig Richtung Melbourne verlassen. Als seien seit damals nicht viele Jahre ins Land gegangen, schlägt Aaron, dem Rückkehrer, von Ellis' bösartigem Vater Mal und ihrem versoffenen Cousin Grant Dow offener Hass entgegen.  «Wir sind in Kiewarra. Das Leben ist hart. Aber wir halten zusammen. Du warst weg, Luke ist geblieben. Also warst du der Schuldige …» Einmal schuldig, immer schuldig?


Jane Harper lässt die Spannung hochköcheln, Seite für Seite. Rückblenden lassen die Zeit aufleben, als vier Jugendliche in Kiewarra zu einer verschworenen Clique wurden: Ellie, Luke, Aaron und Gretchen. Gretchen Schoner lebt als Farmerin und Schafzüchterin mit ihrem Sohn noch immer in ihrer Heimatstadt. Sie gehört zu den wenigen, die sich über Aarons Rückkehr zu freuen scheinen Aber jeder der vier Freunde von einst hatte sein kleines Geheimnis. Was ist wirklich geschehen zwischen Luke und Gretchen, Aaron und Ellie? 


Während Aarons Gedanken immer wieder in die Vergangenheit zurückkehren, hält Sergeant Raco auch andere Motive und Tathergänge für möglich. Schließlich ist die Indizienlage alles andere als eindeutig: Karen und Billy Hadler wurden zwar mit Lukes Gewehr erschossen, aber nicht mit der Winchester-Munition, die er immer benutzte. Und sollte tatsächlich ein «erweiterter Suizid» geschehen sein: warum hat Luke in seiner Verzweiflung die dreizehn Monate alte Charlotte am Leben gelassen? Niemals, denkt Aaron, niemals kann es so gewesen sein.  


Aber was, wenn alles ganz anders war? Am Ende überschlagen sich die Ereignisse. Und ein ganzer Landstrich rund um Kiewarra droht, in Flammen aufzugehen …

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