08.01.2017   von rowohlt

75 Jahre: Herzlichen Glückwunsch, Stephen Hawking!

Relativitätstheorie und Quantenphysik, Schwarze Löcher und kollabierende Sterne – das Jahrhundertgenie Stephen Hawking

© Nimit Nigam/EyeEM/Getty Images (Hintergrundmotiv); Stewart Cohen Pictures
© Nimit Nigam/EyeEM/Getty Images (Hintergrundmotiv); Stewart Cohen Pictures

Was sind schon 75 Lebensjahre angesichts der gigantischen Dimensionen, die der britische Astrophysiker Stephen Hawking einst in seiner 10 Millionen mal in aller Welt verkauften «Kurzen Geschichte der Zeit» beschrieben hat – könnte man meinen. Aber wer bereits als junger Mann mit der Diagnose ALS (Amotryphe Lakteralsklerose), einer unheilbaren Erkrankung des motorischen Nervensystems, konfrontiert wurde, für den sind 75 Jahre eine gewaltige Lebensspanne. Wie er mit dieser Krankheit zu leben gelernt hat und – trotz oder wegen ALS – mit seinen Forschungen zu einem der größten Astrophysiker unserer Zeit werden konnte, hat Stephen Hawking in seiner so pointierten wie amüsanten Autobiografie «Meine kurze Zeit» erzählt. Anlässlich seines Geburtstags am 8. Januar 2017 sind zwei kleine Bände mit Hawking-Texten erschienen: das Lesebuch «Eine wunderbare Zeit zu leben» und das bibliophile Bändchen «Haben schwarze Löcher keine Haare? Zwei Vorträge».


David Shukman, Wissenschaftsredakteur bei BBC News: «Alles an Stephen Hawking ist faszinierend: das Schicksal eines Genies, das in einen hilflosen Körper eingesperrt ist; der Anflug eines Lächelns in einem Gesicht, in dem sich nur noch ein einziger Muskel bewegt; die unverwechselbare Roboterstimme, die uns einlädt, an den wunderbaren Entdeckungsreisen eines Verstandes teilzunehmen, der die entlegensten Winkel des Universums durchstreift … Er hat nichts weniger erreicht, als der berühmteste Wissenschaftler der Welt zu werden.»


Weshalb der wohl berühmteste Wissenschaftler unserer Zeit, der mit seinen Forschungen und Büchern Astrophysik und Kosmologie weltweit populär machte, für welche Menschen ein Faszinosum ist, versteht man sofort, wenn man diesen kurzen Text aus dem Hawking-Lesebuch «Eine wunderbare Zeit zu leben» liest:

Keine Grenzen


«ALS ICH einundzwanzig war und ALS bekam, fand ich das außerordentlich unfair. Warum gerade ich? Damals dachte ich, mein Leben sei zu Ende. Ich würde das Potenzial, das ich meiner Meinung nach hatte, niemals ausschöpfen können. Doch heute, über fünfzig Jahre danach, kann ich gelassen auf mein Leben zurückblicken und zufrieden sein. Ich war zweimal verheiratet und habe drei wundervolle, großartige Kinder. Meine wissenschaftliche Laufbahn war erfolgreich: Wohl die meisten theoretischen Physiker würden meiner Vorhersage zustimmen, dass es an Schwarzen Löchern zu einer Quantenemission kommt, obgleich ich dafür bisher noch keinen Nobelpreis bekommen habe, weil es sehr schwierig ist, sie experimentell nachzuweisen. Andererseits wurde mir für die theoretische Bedeutung dieser Entdeckung der viel wichtigere Fundamental Physics Prize verliehen.


Meine Behinderung hat meine wissenschaftliche Arbeit nicht wesentlich beeinträchtigt. Tatsächlich war sie in mancherlei Hinsicht eher von Vorteil: Ich brauchte keine Vorlesungen zu halten und keine Studienanfänger zu unterrichten, und ich musste nicht an langweiligen und zeitraubenden Institutssitzungen teilnehmen. Auf diese Weise konnte ich mich uneingeschränkt meiner Forschung hingeben. 


Für meine Kollegen bin ich nur ein Physiker unter vielen anderen, doch für die Öffentlichkeit wurde ich womöglich zum bekanntesten Wissenschaftler der Welt. Das liegt zum einen daran, dass Wissenschaftler, von Einstein abgesehen, keine gefeierten Rockstars sind. Zum anderen verkörpere ich das Klischee des behinderten Genies. Auch eine Perücke und eine dunkle Sonnenbrille würden mir nichts nützen – mein Rollstuhl ist einfach zu verräterisch.


Sehr bekannt und leicht erkennbar zu sein hat seine Vor- und Nachteile. Zu den Nachteilen gehört, dass es manchmal schwierig ist, alltägliche Dinge zu tun. Ich kann nicht einkaufen, ohne von Menschen belagert zu werden, die mich um ein Foto bitten, und die Presse hat in der Vergangenheit ein geradezu unbändiges Interesse an meinem Privatleben gezeigt. Doch diese Nachteile werden von den Vorteilen mehr als aufgewogen. Menschen scheinen sich aufrichtig zu freuen, wenn sie mich sehen. 


Mein größtes Publikum hatte ich 2012 bei der Moderation der Paralympics in London. Ich hatte ein gutes und erfülltes Leben. Meiner Meinung nach sollten sich behinderte Menschen auf die Dinge konzentrieren, die ihnen möglich sind, statt solchen hinterherzutrauern, die ihnen nicht möglich sind. Mir war es möglich, die meisten Dinge zu tun, die ich tun wollte.


Ich bin viel gereist. Die Sowjetunion habe ich siebenmal besucht. Das erste Mal fuhr ich mit einer Studentengruppe, in der ein Mitreisender – ein Baptist – Bibeln in russischer Sprache ins Land zu schmuggeln versuchte, die er dort verteilen wollte. Er bat uns, ihm dabei zu helfen. Zunächst gelang uns das auch unbemerkt, doch dann waren uns die Behörden auf die Schliche gekommen, und bei der Ausreise wurden wir eine Zeitlang festgehalten. Doch eine offizielle Anklage wegen Bibelschmuggels hätte einen internationalen Skandal und einen unwillkommenen Pressewirbel ausgelöst, und so ließ man uns nach ein paar Stunden gehen. Die übrigen sechs Besuche dorthin unternahm ich, um russische Wissenschaftler zu treffen, die nicht in den Westen reisen durften. Nach 1990, als die Sowjetunion zusammenbrach, zog es die besten Wissenschaftler in den Westen. Seither war ich nicht mehr in Russland.


In Japan war ich sechsmal, in China dreimal. Mit Ausnahme Australiens habe ich, einschließlich der Antarktis, jeden Kontinent bereist. Ich habe die Präsidenten Südkoreas, Chinas, Indiens, Chiles und der Vereinigten Staaten kennengelernt. In der Großen Halle des Volkes in Peking und im Weißen Haus habe ich Vorträge gehalten. In einem U- Boot bin ich getaucht, in einem Heißluftballon geflogen, und ich nahm sogar an einem Schwerelosigkeitsflug teil. Außerdem habe ich bei Virgin Galactic einen Flug ins Weltall gebucht.


In meinen frühen Arbeiten legte ich dar, dass die Allgemeine Relativitätstheorie am Urknall und an Schwarzen Löchern scheitert. Später zeigte ich, wie die Quantentheorie voraussagen kann, was am Beginn und am Ende der Zeit geschieht. Es war wunderbar, in dieser Zeit zu leben und auf dem Gebiet der theoretischen Physik zu forschen. Falls ich etwas zum Verständnis unseres Universums beitragen konnte, wäre mein Glück vollkommen.»

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