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Yared Dibaba: Der Heimatforscher

© Jens Boldt (Autorenfoto)

Als im Mai 2006 die Anfrage des NDR kam, war Yared Dibaba schon ein wenig verblüfft: Ob er sich vorstellen könne, durch die halbe Welt zu gondeln, um norddeutsche Auswanderer in aller Welt auf Plattdeutsch zu interviewen? So etwas nennt man eine Chance, und Dibaba ergriff sie nur zu gerne. Schließlich beschäftigte ihn die Suche nach dem, was Heimat ist, seit er als kleiner Junge mit seinen Eltern vor dem Bürgerkrieg in Äthiopien floh und nach Deutschland kam. Spannende Perspektiven, die ihm die Recherche für die NDR-Sendung Die Welt op Platt bot: Schließlich verließen die Auswanderer und ihre Nachkommen, die er in Paraguay und Sibirien, in Shanghai und Iowa, in Namibia und Australien traf, genau jenes Land, das ihm zur neuen Heimat wurde.

„Heimat, Heimat, wie bist du so schön …“

Yared Dibabas Buch ist neben allem anderen auch ein Stück besonderer Autobiografie. Geboren wurde er 1969 in dem Dorf Aira in Oromya, Äthiopiens größter Provinz, westlich der Hauptstadt Addis Adeba. Sein Vater, der durch ein Stipendium zunächst an der Universität Osnabrück und später in Göttingen Erziehungswissenschaft studieren konnte, war viele Jahre in Projekten der Hermannsburger Mission engagiert. Yared war vier Jahre alt, als sich die politischen Verhältnisse in seinem Land dramatisch veränderten; Kaiser Haile Selassies mit diktatorischer Hand geführte Monarchie sah sich offenem Aufruhr in der Bevölkerung konfrontiert.

1974 wurde Haile Selassie gestürzt, revoltierende Militärs erklärten Äthiopien zu einer sozialistischen Volksrepublik. Im Februar 1977 wurde General Teferi Banti, das Staatsoberhaupt der Übergangsregierung, ermordet, und Mengistu Haile Mariam putschte sich an die Macht – die Zeit des „roten Terrors“ begann. Dibabas Familie, die im Jahr zuvor noch einmal in die alte Heimat zurückgekehrt war, beschloss, endgültig ihr Glück in der Ferne zu suchen: in Deutschland. Als Angehöriger der unterdrückten Oromo wäre ein Verbleib in Äthiopien riskant gewesen; die Kultur und Sprache der Oromo waren von den herrschenden Amharen geächtet – und jemand mit einer derart bewegten „internationalen Biografie“ wie Yareds Vater musste den Fanatikern an der Macht und ihren schwer kontrollierbaren Milizen ein Dorn im Auge sein.

Und so wurde aus Yared Dibaba (eigentlich: Yared Terfa) ein Oromo-Deutscher, und zwar einer, der mit Lust und Leidenschaft zum Plattschnacker wurde. Bevor er seine Passion zum Beruf machen konnte, lagen noch einige Um- und Schleichwege vor ihm: Als Jugendlicher jobbte Dibaba als Dressman, trommelte in der Band Calacaan, er kellnerte, begleitete Stadtrundfahrten im Hamburger Doppeldeckerbus, nahm Schauspiel- und Gesangsunterricht, drehte einen erfolgreichen Werbespot für Uncle Ben’s Rice („Mmmh, Apfelzimt …“), produzierte Nachmittags-Talkshows, moderierte bei Beachvolleyball-Turnieren und Pressekonferenzen (u.a. bei Britney Spears) und stand bei der Fußball-WM 2006 dreißig Tage lang auf der Bühne am Heiligengeistfeld in St. Pauli und moderierte vor bis zu 70.000 Fußballfans.

Andere trieb die Liebe hinaus in die Welt

Das nennt man eine Patchwork-Biografie! Und dann kam das NDR-Angebot, das ihn gemeinsam mit der geschätzen Kollegin Julia Westlake in alle Welt führte, um norddeutsche Plattschnacker zu treffen. Ein Traumjob für einen, der gerne Menschen zusammenbringt. Es sind durchweg interessante Menschen mit ungewöhnlichen Lebensläufen, die Westlake und Dibaba für ihre Sendung interviewten.

Bei seiner ersten Reise, die ihn nach Namibia führte, lernte Dibaba Jochen kennen, der 1943 den fürchterlichen Hamburger Feuersturm auf einem Segelboot überlebt hatte. Der ältere Herr führte in der Hauptstadt Windhoek eine schmucke Pension, mit Hamburgfahne im Garten und Sauna im Keller. „Eine Sauna in Afrika – das ist fast wie ein Kühlschrank in Grönland.“ Die Bombenangriffe auf seine Vaterstadt, bei denen mehr als vierzigtausend Menschen starben und große Teile der städtischen Bausubstanz in Schutt und Asche gelegt wurden, waren der erste tiefe Einschnitt in seinem Leben. Den zweiten vollzog er, als er sich für ein Leben in Südwestafrika entschied: „Er hat sich in Namibia neu erfunden, Englisch und Afrikaans gelernt, eine Familie gegründet, vieles selbst gebaut und sich für ein soziales Bauprojekt engagiert. Nach Deutschland ist er einige Male zurückgefahren, jetzt mag er nicht mehr.“

Auf der Roland Farm in Namibia lebt seit vielen Jahren die gebürtige Nordfriesin Helga. In der Zeitschrift Constanze hatte sie die Heiratsannonce eines namibischen Farmers entdeckt, der für seine Rinderfarm eine Frau suchte … An Heirat dachte Helga nicht, als sie die beschwerliche Reise um die halbe Welt auf sich nahm, aber das Abenteuer lockte. Und aus dem Blind Date der besonderen Art wurde Liebe, die beiden heirateten und bekamen vier Kinder, die sich allesamt als „deutsche Afrikaner“ fühlen. Nach Deutschland fahren sie gerne mal im Urlaub, aber ihre Heimat ist Namibia.

Heute ist Auswanderung Resultat einer individuellen lebensgeschichtlichen Entscheidung, in den vergangenen Jahrhunderten war sie ein Massenphänomen, wie die gigantischen Migrationswellen Richtung Amerika zeigen. So wanderten zwischen 1820 und 1890 rund 5 Millionen Deutsche aus, rund 90 Prozent von ihnen zog es in die USA, das „Gelobte Land“. In Kansas zum Beispiel liegt der Anteil der Deutschstämmigen heute noch bei über 30 Prozent.

Irgendwo wird immer Platt gesprochen

Im August 2006 flog das NDR-Team nach Paraguay, weil dort angeblich plattschnackende Enthlet leben, im Gran Chaco 400 Kilometer nördlich der Hauptstadt Asunción. Die Erfahrung mit dem Enthlet Abraham zählten zu den verblüffendsten, die Yared Dibaba auf seinen Reisen machte. Er ist ein Nachfahre der Mennoniten, einer streng nach der Bibel lebenden Täuferbewegung, die im 17. Jahrhundert auf der Suche nach einer neuen Heimat, die ihnen materielle Perspektiven und Religionsfreiheit versprachen. 1927 trafen die ersten Mennoniten in Südamerika ein. „Paraguay versprach den neuen Siedlern mehr oder weniger absolute Freiheit: Sie brauchten keinen Eid auf die Verfassung zu leisten, wurden nicht zum Militärdienst herangezogen, durften Deutsch als Schulsprache verwenden und ihre eigene Verwaltung einrichten“ – erstaunliche Privilegien einer protestantischen Glaubensgemeinschaft in einem katholischen Land. Und so mischten sich im Laufe der Zeit die hart arbeitenden mennonitischen Bauern mit den Enthlet, den Gran-Chaco-Indianern. Auf Dibabas Frage, was er denn nun eigentlich sei, antwortet der 80-jährige Abraham: „Jo, Enthlet, jo … Mennonit auch. Beides zusammen.“

Auf seinen Reisen in die plattsprechende Welt hat Yared Dibaba viel über Heimat, viel über sich selbst gelernt. „Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass ich nicht zwischen, sondern auf zwei Stühlen sitze. Seitdem kann ich sagen: Ich habe zwei Heimaten. (…) Je häufiger ich diese vielseitigen Heimatgefühle erfahre, desto klarer wird mir, dass die einzige richtige Heimat in mir selbst liegt. Wie eine Schnecke ihr Haus mit sich trägt, nimmt der Mensch, der in sich verwurzelt sit, die Heimat überall hin mit. Er braucht dafür keine Erde, nur den Boden der eigenen Identität.“

Übrigens: Dibabas Lieblingswort auf Platt lautet: bregenklöderich. Was so viel heißen soll wie „gehirnklapprig“, also: ziemlich durcheinander …

Yared Dibaba rororo 224 S.
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