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Yannick Haenel: Das Schweigen des Jan Karski

© Getty Images

Wer ihn in der Dokumentation «Shoah» von Claude Lanzmann sah, hat Jan Karski nie wieder vergessen können. Jahrgang 1914, polnischer Katholik. Im September 1939 wurde Karski von den Russen verhaftet und wenig später an die Deutschen ausgeliefert. Im November des gleichen Jahres gelang ihm bei einem Gefangenentransport die Flucht. Jan Karski tauchte unter und schloss sich dem polnischen Widerstand an. 1942 wurde er von Juden zweimal heimlich zur Besichtigung ins Warschauer Ghetto eingeschleust: Er sollte sich ein Bild machen vom organisierten Mord und die Alliierten aufschrecken. Der Welt von den Deportationen und vom Genozid berichten.

Der Mann, der den Holocaust stoppen wollte

Es gelang ihm, nach London zu reisen. Jan Karski traf die Mitglieder der polnischen Exilregierung und wurde von hohen britischen Beamten empfangen. Er führte Gespräche mit Intellektuellen wie den Schriftstellern Arthur Koestler und H. G. Wells. Man schickte ihn weiter nach Washington, wo es im Juli 1943 zu einer Begegnung mit Präsident Roosevelt kam. In den Vereinigten Staaten veröffentlichte er ein Buch über sein Wissen und seine Erfahrung. Seine Mission war gescheitert, nach dem Krieg hüllte sich Jan Karski in Schweigen. In Wa­shington lehrte er politische Wissenschaften.

Zum Reden wurde er erst wieder von Claude Lanzmann gebracht. Lanzmann hatte Karski 1978 in den Vereinigten Staaten aufgetrieben. Der Film kam 1985 in die Kinos – und löste einen Schock aus. Er steht für den Anfang einer Epoche des Erinnerns, Bewältigens, Gedenkens. Die Zeitgenossen waren überwältigt – und ganz besonders beeindruckt vom vergessenen Jan Karski, der von seinen Besuchen im Warschauer Ghetto erzählt.

Autoreninfo

Yannick Haenel, geboren 1967, lebt in Paris. Er arbeitet für die Zeitschrift Ligne de risque, die er mit anderen Autoren gründete. 2008/09 war er...
mehr über den Autor
Das Grauen in Worte und Bilder fassen

Ein weiteres Vierteljahrhundert stehen die Shoah und die Frage nach der Mitschuld der gesamten Menschheit an den Verbrechen der Nazis weiterhin im Zentrum der Kultur. Die letzten Zeugen, die von ihren eigenen Erfahrungen berichten können, werden nicht mehr lange leben. Für den Umgang mit dem Zweiten Weltkrieg ist das von keineswegs nur historischer Bedeutung. Erst seit relativ kurzer Zeit ist der absolute Horror, das unsagbare Grauen der Vernichtung zum Gegenstand von fiktiven Darstellungen in Filmen und Romanen geworden. Es gibt ein paar literarische Meisterwerke und eine sehr eindrückliche Kinokomödie. Aber auch sehr viel Schund. Jonathan Littell hat mit den «Wohlgesinnten» ein weiteres Tabu gebrochen und sich als Ich-Erzähler in den Täter und Mörder, der nichts bereut, hineinversetzt.

Aus Frankreich kommt jetzt erneut ein Buch, das für viel Aufmerksamkeit und Polemik gesorgt hat. Geschrieben hat es der preisgekrönte Schriftsteller Yannick Hae­nel. Ihm kommt das große Verdienst zu, nach Lanzmann erneut an den vor rund zehn Jahren verstorbenen, 1994 zum Ehrenbürger von Israel ernannten Jan Karski zu erinnern. Sehr behutsam nähert er sich der Figur an. Im ersten Kapitel übernimmt er Karskis Aussagen in «Shoah». Dann fasst er auch dessen Buch von 1944 zusammen – Haenel ist sehr um Authentizität und Faktentreue bemüht.

Das bittere Schweigen des Jan Karski

Erst im dritten Teil versetzt er sich in seine Figur. Der Schriftsteller versucht, das Schweigen des Jan Karski nicht nur zu ergründen, sondern auch zu überwinden. Er wagt die Worte und formuliert die Sätze, die Karski nie über die Lippen gingen: «Im Lager starben die Juden und wanden sich im Schlamm. Die Nazis schossen aus nächster Nähe auf sie. Männer, Frauen erstickten, gestikulierten, brüllten. Ich streifte ihre Körper, ich war dort, direkt neben ihnen, die gerade starben: Ich spürte ihren Atem, ich konnte ihre Arme berühren. Ich war ganz nah und gleichzeitig sehr fern, in einer anderen Welt, in jener schrecklichen Welt, wo man imstande ist zu atmen, wenn sich ein Mensch neben dir förmlich zersetzt.»

Zu den schärfsten Kritikern des nachgeborenen Schriftstellers – Jahrgang 1967 – gehört Claude Lanzmann. Andere haben den Roman als Meisterwerk gelobt. Haenel hat ihn Paul Celan gewidmet.

(Aus: Rowohlt Revue 91, Autor: Jürg Altwegg)