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Wolfgang Sandner: Miles Davis

© picture-alliance/akg-images/Binder

Louis Armstrong, Count Basie, Benny Goodman, Duke Ellington, Charlie Parker, John Coltrane, Gil Evans, Ornette Coleman, Charlie Mingus, Thelonius Monk, sie alle waren Heroen und Legenden des Jazz. Aber niemand war so stilbildend wie Miles Davis, der Mann mit der gestopften Trompete. Sein musikalisches Gespür war einzigartig, sein siebter Sinn für neue Einflüsse ließ ihn bahnbrechende Wege gehen; mit seinen Platten Kind of Blue, Milestones oder Bitches Brew schrieb er Jazzgeschichte. Er besaß Stil und Charisma, seine Auftritte inszenierte er wie kein anderer.
Der renommierte Jazzkritiker Wolfgang Sandner zeichnet in seiner neuen Biografie den Weg des Zahnarztsohns aus East St. Louis, Illinois, zu einem der größten Musiker des 20. Jahrhunderts nach. Ein Leben voller Triumphe und Dramen – und zugleich eine Geschichte des Jazz zwischen höchster Kunst und Entertainment.

So what

Am 26. Mai 1926 wurde Miles Davis in Alton, Illinois, geboren. Sein Vater Miles Dewey Davis zog mit seiner Familie bald ins 25 Meilen südlicher gelegene East St. Louis, wo er eine florierende Zahnarztpraxis betrieb. Hinter der kleinen schmutzigen Industriestadt in Illinois lagen bewegte Jahre: Wie auch in anderen Ballungszentren des Nordens war es zu schweren Rassenunruhen gekommen. Weil immer mehr schwarze Arbeitsuchende aus dem Süden in die Industrien des Nordens drängten, verschärften sich die Konflikte zwischen Weißen und Schwarzen. Die blutigen Aufstände vom 2. Juli 1917 («East St. Louis Riots») mit vielen Toten und unzähligen Verletzten waren die bis dahin schwersten überhaupt. Am Ende der Entwicklung stand ein beispielloser Exodus der weißen Bevölkerung: 196o lebten in der Stadt an der Grenze zu Missouri 80.000 Menschen, davon 86 Prozent Weiße; dreißig Jahre später war East St. Louis Amerikas erste «All Black City» – mit einem schwarzen Bevölkerungsanteil von 98 Prozent.

Sein Vater riet ihm zu einem Studium an der renommierten Juillard School of Music. Hier blieb Miles nur eine kurze Zeit; er wusste, dass er in den Klubs von Harlem mehr lernen konnte als in den Hörsälen und Seminarräumen des Musikkonservatoriums in New York City. Es gibt eine Juilliard-Episode, die viel über die unsentimentale, antiromantische Seite des Trompeters verrät. Thema eines Seminars, das er besuchte, war die Entstehung des Jazz: «Die Dozentin setzte ein abenteuerliches Puzzle aus staubigen Straßen, schummrigen Kneipen, abgebrochenen Flaschenhälsen, blinden Bettelmusikanten und ausgebeuteten Landarbeitern zu einem allzu schlichten Gesellschaftspanorama zusammen. Miles Davis meldete sich zu Wort und sagte, er stamme aus einer reichen Familie, sein Vater sei Zahnarzt in East St. Louis und er selbst habe nie in seinem Leben ein Baumwollfeld gesehen. Aber was eine Blue Note sei und wie man sie spiele, wisse er genau.» Dazu passt, dass er das Etikett Jazz zeitlebens ablehnte – er spiele keinen Jazz, er mache Musik.

Autoreninfo

Wolfgang Sandner, geboren 1942, studierte Musikwissenschaft und Neuere Geschichte. Er war Produzent der Plattenfirma Wergo, bevor er 1981 zur...
Birth of the Cool

Wer Cool Jazz in Reinkultur erleben will, höre sich die Filmmusik zu Louis Malles Nouvelle-Vague-Thriller Fahrstuhl zum Schafott an. Auf Vermittlung des Schriftstellers und Trompeters Boris Vian hatte Miles Davis den Soundtrack in einer einzigen legendenumwobenen Nacht Ende 1957 in Paris eingespielt. Anders als in vielen seiner großen Aufnahmen steht in diesen improvisierten Takes Miles’ schwermütiger Trompetensound im Zentrum. «Was er machte, war einfach verblüffend», meinte Louis Malle. «Er verwandelte den Film. Ich erinnere mich, wie er ohne Musik wirkte; als wir die Tonmischung fertig hatten und die Musik hinzufügten, schien der Film plötzlich brillant. Es war nicht so, dass (…) (die) Musik (…) die Emotionen vertiefte, die die Bilder und der Dialog vermittelten. Sie wirkte kontrapunktisch, elegisch und irgendwie losgelöst.»

Miles Davis’ gedämpfter Trompetenton beschwor ein «Epochengefühl» herauf, das Klima der späten fünfziger und frühen sechziger Jahre – so wie sein Album Bitches Brew «die Sturmglocken des Rockjazz» läutete, jene visionäre Vorahnung der elektronisch-vielstimmigen Geräuschwelt unserer Zeit. Der einzige Trend, dem er sich strikt verweigerte, war der Free Jazz; Dekonstruktion war seine Sache nicht. Musikalische Grenzen interessierten ihn ansonsten ebenso wenig wie gesellschaftliche Konventionen. Die Hautfarbe der Musiker, mit denen er auf der Bühne stand, war ihm gleichgültig. Auf den weißen Altsaxophonisten Lee Konitz angesprochen, der angeblich den vielen arbeitslosen schwarzen Musikern die Jobs wegnehme, konterte Miles in seiner schroffen Art, «es sei ihm egal, ob ein Musiker schwarz, weiß oder grün sei und ‚Feuer spucke, solange er so gut wie Lee Konitz spiele».

Nicht nur die Jazz-Ikonen tauchen in Wolfgang Sandners großer Biografie auf, die Vorläufer und Anreger, die Wegbegleiter und Kontrahenten, Auch an eine schillernde Figur der New Yorker Künstlerszene wie Baronesse Pannonica de Koenigswarter, eine geborene Rothschild, erinnert Sandner – jene Gönnerin, Sponsorin und Freundin, ohne die viele der größten Jazzavantgardisten buchstäblich in der Gosse gelandet wären, oder im Gefängnis, oder auf der Intensivstadion eines Armenhospitals. Nicht nur um den von Heroin und Alkohol ruinierten Charlie Parker kümmerte sie sich mit der Inbrunst einer Florence Nightingale, auch um Art Blakey, Bud Powell, Coleman Hawkins und viele andere.

Miles Smiles

Der Mensch Miles Davis hatte recht unangenehme Seiten, auch sie beschreibt Sandner, ebenso wie seine Drogensucht, die Exzesse mit Alkohol, Kokain, Heroin und Pillen aller Art. Als Vater möchte man den genialen Musiker nicht gehabt haben, und auch sein Verhältnis zu Frauen war speziell. «Fünf Verhältnisse zu Frauen haben sein Leben entscheidend geprägt und ihm mehr oder weniger Halt gegeben. Alle scheiterten an seiner Ruhelosigkeit und seiner Sucht, bisweilen auch an seiner Selbstsucht. Aber ohne Frauen wäre er oft verloren gewesen, menschlich wie künstlerisch. (…) Miles war oft nicht trotz seiner Drogenprobleme zu Höchstleistungen fähig, sondern wegen seiner Frauen, die sein Verlangen nach Drogen im Zaum hielten. So gut und so lange sie es selbst verkraften konnten.»

Was Miles Davis in der Jazzgeschichte zu einer einzigartigen Figur macht, war sein unstillbarer Hunger nach Veränderung. «Miles konnte Fenster öffnen und die Gesetze brechen. Und er konnte es sich erlauben», sagte einmal die Sängerin Cassandra Wilson. Keiner der Großen hat sich so oft neu erfunden oder durch provozierende Brüche weiterentwickelt wie er. Puristen haben Miles die spätestens mit Bitches Brew vollzogene Abkehr von der Jazzklassik und ihren Säulenheiligen nie verziehen. Aber Soul, Funk und HipHop, der Sound moderner Stilrichtungen waren für den späten Miles Davis einfach zu wichtig, um achtlos daran vorbeizugehen. Schade nur, dass es nie zu einer Zusammenarbeit mit Prince kam, der für Miles Davis «alle Qualitäten schwarzer Unterhaltungsmusik vereinte, eine Mischung aus James Brown, Marvin Gaye, Jimi Hendrix, Sly Stone und Little Richard».

«Don’t look back», das war Miles Davis’ Credo, bis zuletzt. Am 28. September 1991 starb The Man with the Horn nach einem Schlaganfall im St. John’s Hospital and Health Care Center in Santa Monica, Kalifornien.

Wolfgang Sandner Rowohlt Berlin 304 S.
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