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Wolfgang Ruge: Gelobtes Land

© Thinkstock

Im Sommer 1933, nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, flieht ein 16-Jähriger Berliner Jungkommunist mit seinem Bruder in die Sowjetunion – Wolfgang Ruge, der Vater des Autors Eugen Ruge. Er arbeitet als Zeichner, holt sein Abitur nah, beginnt ein Studium an der Moskauer Universität. 1941 wird er mit seiner damaligen Ehefrau nach Kasachstan deportiert, ein Jahr später in ein Straflager im Nordural. Wie so viele deutsche Kommunisten geraten die Brüder unter die Räder stalinistischer Gewaltherrschaft, als die deutsche Wehrmacht den mörderischen Russlandfeldzug beginnt.
Erst 1956, drei Jahre nach Stalins Tod, kehrt er aus dem «Gelobten Land» zurück. Hinter ihm liegen Verbannung, Arbeitslager, Hunger, offener Terror. Seinen Glauben an die «sozialistische Sache» hat Wolfgang Ruge, in der DDR ein angesehener marxistischer Historiker, dennoch nie verloren. Eugen Ruge, für seinen familienbiographisch inspirierten Roman in Zeiten des abnehmenden Lichts mit dem Deutschen Buchpreis 2011 ausgezeichnet, hat die Erinnerungen seines Vaters an die Jahre in der Sowjetunion bei Rowohlt in überarbeiteter Form herausgegeben. «Eine epochale Familiengeschichte, wie nur das 20. Jahrhundert sie schreiben konnte.» (Die Zeit)


In seinem Nachwort geht Eugen Ruge ausführlich auf die Frage ein, die ihm immer wieder zu seinem Vater gestellt wird: Warum ist ein Mensch mit dieser Leidensgeschichte nicht in den Westen gegangen? Weil sein Vater, so Eugen Ruge, niemals aufgehört habe, an die Idee eines freien Sozialismus zu glauben; außerdem habe er in der DDR in geradezu abenteuerlichem Tempo wissenschaftliche Karriere machen können: «Er kam mit 39 aus Russland zurück und war ein paar Jahre später bereits Professor an der Akademie der Wissenschaften.»

«Ein aufrichtiges Buch – ein beeindruckendes Zeugnis menschlicher Leidens- und Lebensfähigkeit, ein außergewöhnliches Zeitdokument.» (Eugen Ruge)

Auf der Route Lenins ins «Gelobte Land»

«Seltsamerweise kann ich mich nicht mehr genau an das genaue Datum unserer Ausreise aus Deutschland erinnern. Es muss aber einer der letzten Augusttage 1933 gewesen sein, an dem mein zwei Jahre älterer Bruder Walter und ich, gerade sechzehnjährig, auf der Hintertreppe unseres Tempelhofer Mietshauses per Selbstauslöser ein Abschiedsfoto machten …» In «Nazibonzen-Zivil» (und gut versteckten Sowjetvisa) besteigen die Ruge-Brüder das Fährschiff Warnemünde-Gedser. Die Reise ins «gelobte Land des Kommunismus» hat begonnen. Kopenhagen, Stockholm, Turku, Helsinki … dann der Grenzübergang: «Mich übermannte ein unbeschreibliches Gefühl – wie ein religiöser Mensch beim Anblick der Jungfrau Maria empfinden mag. So betrat ich meine neue Welt.»

Das Moskau, wie es Ruge beschreibt, hat mit dem von heute wenig gemein. Auf ihn wirkte es wie «eine Art um den Kreml gruppiertes Dorf»; auffallend und irritierend die politischen Losungen in riesigen Lettern und großformatige Porträts der Genossen des Politbüros, «die, wie ich später begriff, Relikt und Fortsetzung der orthodoxen Heiligenbildtradition darstellten». Ljubjanka, Hotel Lux, Haus der Gewerkschaften, Zentrale der Iswestija – schon bald wissen sich die jungen Deutschen in Moskau sicher zu orientieren. Und es dauert nicht lange, bis sie ihre ersten irritierenden Sowjetlektionen erhalten: das Wort «Opposition» ist «das schlimmste aller Worte».

Wer des Kontakts mit «Oppositionellen» verdächtigt wird, schwebt in Lebensgefahr. Die Ermordung des Politbüromitglieds Sergej Kirow in Leningrad läutete eine Zeitenwende ein: es ist der Beginn der Parteisäuberungen, der Verhaftungen und Razzien, der Moskauer Prozesse, der Liquidierung prominenter «Klassenfeinde»: Pjatakow, Radek, Jagoda, Solokolnikow, Tretjakow, Meyerhold, Bucharin: die Ausrottung einer Unzahl bolschewistischer Revolutionsveteranen. Auf Anraten erfahrener Genossen brach Ruge aus Furcht vor Repressalien den Briefkontakt mit seiner jüdischen Freundin Luta ab, die mit ihren Eltern nach Palästina emigriert war. Und doch: «Selbst in den schlimmsten Zeiten ist der Alltag nicht kleinzukriegen.»

Autoreninfo

Wolfgang Ruge (1917–2006)wurde von seinen Eltern schon als Kind im Sinne des Kommunismus erzogen. Sein Bruder wurde in der Sowjetunion verhaftet, sein...
mehr über den Autor
«Verbannung auf ewige Zeiten» – bis 1956

Den Besuch des deutschen Außenministers Ribbentrop, den Abschluss des Hitler-Stalin-Pakts im August 1939 empfand Ruge als «Keulenschlag», als Verrat an den deutschen Kommunisten im Untergrund, an Polen. Zwei Jahre später ist es vorbei mit der «unverbrüchlichen» deutsch-sowjetischen Diktatorenfreundschaft. Und Ruge wird mit seiner Frau Veronika nach Kasachstan deportiert; seine Reise endet (vorerst) in Karaganda, im Verwaltungsbezirk Ossokarowka, Siedlung Nr. 11. Nach wenigen Monaten ereilt ihn dort der Gestellungsbefehl – auf ihn wartet ein Arbeitslager 239 im Nordural. Veronika muss er zurücklassen.

Hunger, Kälte, Arbeitsplackerei, Angst, tote Mithäftlinge – es sind brutale Jahre, die auf Wolfgang Ruge warten, den «Deutschländer», den Außenseiter im Lager. Der Hunger ist so schlimm, dass er manchmal nur noch dahindämmert; auch später stellt sich die Erinnerung an diese Quälerei nur noch rudimentär ein.

Die Kapitulation Deutschlands am 9. Mai 1945 bringt Wolfgang Ruge nicht die ersehnte Freiheit. Ein Jahr später «wird das zu Beginn des Krieges über die Deutschen verhängte Verdikt aufgehoben. Im April 1946 teilt man uns mit, dass wir von nun an ‹gewöhnliche› Sonderausgesiedelte seien und annähernd dieselben Rechte hätten wie alle Sowjetbürger. Wir könnten also wählen, ein Zimmer mieten, gegebenenfalls ein Haus bauen, heiraten, Gewerkschaftsmitglieder, ja sogar Parteimitglieder werden. Nur dürften wir den uns zugewiesenen Wohnort nicht verlassen.» Tatsächlich wird Ruge in Soswa 1954 zum dritten Mal heiraten: Taja, die Frau, mit der er mehr als vierzig Jahre zusammenleben wird; in Soswa wird auch ihr Sohn Shenja (Eugen) Ruge geboren. Zurückkehren in seine Heimatstadt Berlin wird Wolfgang Ruge aber erst 1956, rehabilitiert erst 1964, 23 Jahre nach der Aussiedlung.