Die Bestellung unserer E-Books ist momentan aus technischen Gründen nicht möglich.

Artikelempfehlung versenden

E-Mail-Adresse des Empfängers*

Wenn Sie mit der Empfehlung dieses Titels eine Nachricht an den Empfänger versenden wollen, tragen Sie den Text bitte hier ein:

Ihre eigene E-Mail-Adresse*

(* = Pflichtfelder)

Wolfgang Leonhard: Anmerkungen zu Stalin

© Matrix Buchkonzepte, C. Modi & M. Orlowski

«Dieses Buch ist eine persönliche Abrechnung – im besten Sinne» (Gerd Koenen, Die Zeit) – von einem, der die Exzesse des Stalinismus aus der Nähe und auspersönlicher Betroffenheit erlebte (und darüber ein legendäres Buch schrieb, Die Revolution entlässt ihre Kinder). Wolfgang (Wolodja) Wolfgang Leonhard wuchs in den 30er Jahren in Stalins Moskau auf; seine Mutter, die mit Rosa Luxemburg befreundete Sozialistin Susanne Leonhard, verschwand im Oktober 1936 über Nacht für mehr als zehn Jahre in den Gulags der Diktatur – wegen «konterrevolutionärer trotzkistischer Tätigkeit»; erst vor kurzem erfuhr er aus lange weggeschlossenen Dokumenten, dass sein Vater nicht, wie er ein Leben lang angenommen hatte, der deutsche Dramatiker Rudolf Leonhard ist, sondern der polnisch-jüdische Revolutionär und Lenin-Vertraute Mieczyslaw Bronski, der 1938 im Zuge der Liquidierung von Altkommunisten erschossen worden war.

Der Lebensweg Wolfgang Leonhards ist in vielfacher Hinsicht vom mörderischen Wirken des Jossif Wissarionowitsch Dschugaschwili geprägt. Umso demoralisierneder empfindet er die fatale Stalin-Rehabilitation, die in Russland zu registrieren ist. Waren es bisher nur ewig Unbelehrbare, geschichtsblinde KP-Hardliner, die öffentlich das Andenken des «roten Diktators» hochhielten, so sickert das ehrende Gedenken an Stalin in Zeiten des russischen Turbokapitalismus offenbar auf breiter Front in die Köpfe der Menschen. Aus einer Meinungsumfrage des staatlichen Fernsehsenders Rossija von 2008 über die «bedeutendste historische Persönlichkeit» ging Stalin als Sieger hervor.

«Im Kreml brennt noch Licht»

Wie weit die Stalin-Renaissance in Putins Russland gediehen ist, zeigt sich auch in einem im Sommer 2007 herausgegebenen Leitfaden für Schulen. Dies sollen nach dem Willen des Präsidenten russische Schüler über den 1878 geborenen Georgier lernen: In seinen Mitteln sei er zwar erbarmungslos gewesen, dafür habe er aber wie kein anderer mit Weitblick den industriellen und weltpolitischen Aufstieg des Landes befördert – eine klare Botschaft nach dem Zerfall des Sowjetimperiums in den 1990er Jahren: «Er verlangte das Unmögliche von den Menschen, um das Maximum zu erreichen. Das Ergebnis von Stalins Säuberung war eine neue Klasse von Managern, die fähig war, die Aufgabe der Modernisierung zu lösen.»

Leonhard ist einer der letzten Zeitzeugen des Stalin-Terrors. Nicht nur seine Familiengeschichte ist von ihr schmerzlich gezeichnet; er verfügt auch als einer der führenden Osteuropa-Experten unserer Zeit über das historisch-analytische Wissen, um das Phänomen Stalin einzuordnen. In sieben Kapiteln (Der Mythos; Der Aufstieg; Der Diktator; Der Ideologe; Der Terror; Der Krieg; Das Ende) zeichnet er den Weg des georgischen Bauernsohns zum blutigen Diktator nach. Und immer verschränkt sich der Blick auf das große Ganze mit den Gedanken und Gefühlen des Jungen, der Leonhard selber einmal war. Des Kindes, der auf die Frage «Moskau oder Manchester?» sich heißen Herzens für die Kapitale der Weltrevolution entschied und seiner Mutter in die Sowjetunion folgte; des Jungen, der im Kinderheim Nr. 6 zum guten Kommunisten gedrillt wurde und erst Jahre später begriff, wofür Stalin und Stalinismus standen.

Stalin hatte von Anfang an einen klaren Plan, anders als die bolschewistischen Altkader Bucharin, Kamenew und Sinowjew – vom führenden Genossen Leo Trotzki ganz zu schweigen, der sich der Lenin-Nachfolge sicher schien und den machtpolitischen entscheidenden Moment, die Beisetzung des ikonisierten Lenin im Mausoleum auf dem Roten Platz, fernab von Moskau erlebte, im Kaukasus. Am Grabe des Revolutionsführers beschwor Stalin mit geradezu religiöser Rhetorik die russischen Massen; dieses Gespür für den historischen Moment hatte Stalin allen seinen Konkurrenten um die Parteispitze voraus.

Autoreninfo

Wolfgang Leonhard, geboren 1921 in Wien, lebte als Junge mit seiner Mutter im Moskauer Exil. Nach seiner Rückkehr ins besiegte Deutschland wirkte er...
mehr über den Autor
«Koba, warum brauchst du meinen Tod?» (Nikolai Bucharin)

Gegen Trotzkis Wahnidee einer «permanenten Revolution» setzte er die realistischer erscheinende Idee vom «Sozialismus in einem Land». Die in den Jahren 1936 bis 1938 mit grausamer Konsequenz vorangetriebenen Säuberungswellen in Partei, Armee und Gewerkschaften, unter Schriftstellern, Wissenschaftlern und Ärzten wurden durch die Doktrin von «Kritik und Selbstkritik» vorbereitet, die zu monströsen Selbstbezichtungsritualen während der Moskauer Schauprozesse führte. Von den 21 Bolschewiki 1917 im Zentralkomitee der Partei lebte 1938 nur noch einer – Stalin.

Zu den grotesken Details des wahnhaften Denkens jener Zeit zählte auch die Herausgabe neuer Stadtpläne 1936, die das Moskau von 1945 «zeigten». «Wenn wir spazieren gingen, waren wir doppelt bestückt: der eine Plan zeigte, wie Moskau vor zehn Jahren ausgesehen hatte, und der andere wollte dokumentieren, wie die Stadt in zehn Jahren aussehen würde.»

Der Sommer 1939 bedeutete für Wolfgang Leonhard und die anderen aus dem Moskauer Kinderheim Nr. 6 einen tiefen Einschnitt. Als sie von der Ferienfreizeit am Asowschen Meer zurückkehrten, wurde das Heim, das Kindern deutscher und österreichischer Emigranten zu einer zweiten Heimat geworden war, kurzerhand aufgelöst. Stalins Nichtangriffspakt mit Hitler-Deutschland ließ den vorher stets proklamierten «Kampf gegen den Faschismus» obsolet erscheinen. Wenige Monate später marschierten die deutschen Armeen Richtung Moskau: der «Große Vaterländische Krieg» begann. Fortan war in der Propaganda von Heimat, russischer Erde und Vaterland die Rede. Sozialismus, Kommunismus, Marxismus-Leninismus, die großen Ismen des Systems, hatten ausgedient, vorerst …