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Wolfgang Herrndorf: Tschick

© Serg / fotolia.com

Bei einer bestimmten Sorte Bücher schreiben Rezensenten so verlässlich wie einfallslos: Salinger, Fänger im Roggen, Holden Caulfield. Das wiederholt sich bei allen Romanen der Marke jugendlicher Außenseiter und immer dann, wenn coole Jungen vorkommen, die emotional ein wenig vernachlässigt sind, so dass wir Leser sie umso mehr lieben müssen aus Gründen der Wiedergutmachung. Lassen wir das also mit dem «Fänger im Roggen», auch wenn’s nicht falsch wäre, und schreiben stattdessen: Herrndorf, Tschick, Maik Klingenburg. Das sollte reichen für die Zukunft, zumal schon bei Herrndorfs Debüt In Plüschgewittern (2002) mächtig herumgesalingert worden ist.

Süddeutsche Zeitung: «Träumerisch und schräg, lustig und überaus liebevoll ... Ein Buch, das einen Erwachsenen rundum glücklich macht und das man den Altersgenossen seiner Helden jederzeit schenken kann.»

Frankfurter Allgemeine Zeitung: «Zwei Jungs. Ein Sommer. Ein Lada. Ein Roadmovie. Ein Roman, der tröstet. (...) Auch in fünfzig Jahren wird dies noch ein Roman sein, den wir lesen wollen. Aber besser, man fängt gleich damit an.»

Stern: «Herrndorf trifft den Ton der schwer-schönen Jahre, schräg, beseelt, brüllend komisch. zum Heulen aber auch.»

Falter: «Die wohl schönste und herzergreifendste Geschichte, die Jugendliche wie Erwachsene sich heuer erzählen lassen können.»

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung:
«Eine Geschichte, die man gar nicht oft genug erzählen kann, lesen will ... existentiell, tröstlich, groß.»

Deutschlandradio Kultur: «Tschick ist ein schöner, trauriger Abenteuerroman aus dem rätselhaften deutschen Osten, der nur einen Nachteil hat: dass er viel zu schnell zu Ende geht.»

Der Tagesspiegel: «Von Anfang bis Ende ein großer literarischer Spaß.»

«Mit Tschick hat Herrndorf perfekt umgesetzt, was er vor Jahren einmal über sein Schreiben gesagt hat: „Ich möchte die Bücher schreiben, die ich selber gerne lese, im Grunde ist das Unterhaltungsliteratur. Vladimir Nabokov hat einmal gesagt, gute Literatur erkenne man daran, dass es einem kalt den Rücken runterläuft. So muss es sein! Der ganze Mist, den Literaturkritiker schreiben, so Nabokov, könne man vergessen, es komme nur darauf an, dass es einen erwischt, kalt erwischt. Genau, so ist das.“» (Der Tagesspiegel)

Landpartie mit Lada

Maik ist vierzehn und stammt, wie der Name schon sagt, aus Berlin Marzahn. In seiner Klasse hieß er vorübergehend «Psycho», weil er in einem Aufsatz über seine Mutter deren wiederholte Ausflüge in die «Beautyfarm» schilderte, die in Wirklichkeit Entziehungskuren sind. Da er aber in der Schule als eher langweilig gilt oder sich zumindest so fühlt, blieb auch der Spitzname nicht an ihm haften. Erst als der Russe «Tschick» in der Klasse auftaucht – mit Alkoholfahne und demonstrativem Desinteresse – verändert sich die Ausgangslage.

Tschick steht zu Ferienbeginn in einem gestohlenen Lada bei Maik vor der Tür, um ihn aus seiner Einsamkeit zu erlösen. Denn die Mutter ist mal wieder auf Beauty, der Vater mit einer «Assistentin» auf «Geschäftsreise». Da ist es doch nur recht und billig, wenn die beiden sich nun auch aufmachen: erst zu der schönen Tatjana, in die Maik sinnlos verliebt ist und die ausgerechnet ihn nicht zu ihrem Geburtstagsfest eingeladen hat, und dann ab in die Walachei, denn die gibt es, wie Tschick versichert, im Unterschied zu Pampa und Jottwede wirklich. Sie liegt irgendwo im Südosten.

Was folgt, ist eine Road-Novel, die so grotesk, traurig, dramatisch und dermaßen komisch ist, dass man vor Lachen oft gar nicht weiterlesen kann, aber doch unbedingt muss – weil spannend ist es auch. Den Film, der ganz bestimmt bald daraus werden wird, sieht man schon vor sich, leider, denn einen Film braucht es bei einem so grandiosen, bildhaften, temporeichen Roman nun wirklich nicht. Ein Film könnte den eigentlichen Clou auch gar nicht transportieren: Das ist die Erzählperspektive Maiks, der die Dinge mit den Augen eines Vierzehnjährigen wahrnimmt und eben nicht alles wirklich versteht.

Autoreninfo

Wolfgang Herrndorf, 1965 in Hamburg geboren, hat Malerei studiert und unter anderem für die «Titanic» gezeichnet. 2002 erschien sein Debütroman «In...
mehr über den Autor
Ab in die Walachei

Die Mondlandschaft des Tagebaus beispielsweise sieht noch einmal ganz anders aus, wenn man gar nicht weiß, was das ist. Dann ist die Welt hier einfach zu Ende. Diese Welt ist von seltsamen Menschen bevölkert: Dem Schützen Fricke, der sich in einem verlassenen Dorf am Tagebaurand verbarrikadiert, dem Mädchen Isa, die auf einer Müllkippe herumklettert oder einer freundlichen und überraschend gebildeten Deppen-Familie, bei der es Risi-Pisi zum Mittagessen gibt. Überhaupt ist das die eigentlich Lehre, die Maik absolviert: Überall, in Schule, Fernsehen und Elternhaus, hat man ihm eingetrichtert, die Menschen seien böse und er dürfe niemandem trauen. Jetzt lernt er zusammen mit Tschick nur freundliche Gestalten kennen. Die Zeit, in der man ihn für einen Langweiler halten konnte, ist jedenfalls ein für alle mal vorbei.

Herrndorf macht nicht den Fehler, sich einem überflotten Jugendslang anzubiedern. Ihm genügen Andeutungen und ein paar wiederkehrende Ausdrücke wie «Alter Finne!» oder «endbescheuert». Maik ist nicht nur als Aufsatzschreiber äußerst eloquent. Und doch ist er durch und durch ein Vierzehnjähriger, so lebendig, ahnungslos und lebensklug, dass man ihn nicht wieder vergessen möchte. «Tschick» ist ein schöner, trauriger Abenteuerroman, der nur einen Nachteil hat: Dass er viel zu schnell zu Ende geht. Aber so ist das eben mit verbotenen Reisen im gestohlenen Wagen.

(Vorabdruck aus: Rowohlt Revue 90, Autor: Jörg Magenau)