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In seiner gefeierten Ausreißergeschichte Tschick (ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendbuchpreis 2011) hat uns Wolfgang Herrndorf in die deutsche Provinz entführt. Für seinen neuen Roman Sand erhielt er nun den Preis der Leipziger Buchmesse 2012. Als Leser werden wir Hals über Kopf in eine rätselhafte Sahara geworfen, in einen warmen Frühherbst des Jahres 1972. Während in München palästinensische Terroristen des «Schwarzen September» das Olympische Dorf überfallen und Angst und Schrecken verbreiten, geschehen weit weg, im grellen Licht der Sahara, mysteriöse Dinge ...
Wolfgang Herrndorf streut seinen Lesern buchstäblich Sand in die Augen. Mit was haben wir es hier eigentlich zu tun – Agentenroman, exotischer Krimi, postkoloniale Satire, Genrepersiflage oder was? Freuen wir uns auf ein hinreißendes literarisches Abenteuer voller Mehrdeutigkeiten, verdeckter Fährten und falscher Spuren!
Die Welt: «Ungeheuer lustig, ungeheuer traurig und ungeheuer gut geschrieben. (...) Herrndorfs Spannweite reicht locker von großer Literatur zu Pulp Fiction.».
Rolling Stone. «Große Unterhaltung! Herrndorf erzählt das alles mit einem Witz und einem Tempo, das einem die Luft wegbleibt – vor Spannung und vor Lachen.»
Der Tagesspiegel: «Wie viel Nihilismus, Existenzialismuns und Zeitvergessenheit man aber aus Sand herausfiltern will – am Ende hat man vor allem einen großartig kunstvollen Unterhaltungsroman gelesen.»
Frankfurter Allgemeine Zeitung: «Herrndorf ist ein gewitzter und universell belesener Artist, der auf seinem Hochseil mit Gewalt, Tod, Verderben und Vergessen jongliert und die Nichtigkeit der menschlichen Existenz als großes Kunststück aufführt.»
Der Spiegel: «Ein perfekter Thriller, mit einem literarischen Überschuss (…) Die Schönheit seiner Sätze ist zuverlässig melodisch und leicht.»
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: «So lustvoll und so lustig und zugleich so ernst, so tief, so persönlich, wie es im Genre des Thrillers, des Abenteuerromans, des trivialen Melodrams eigentlich nicht üblich und und vermutlich gar nicht erlaubt ist.»
Es ist die Zeit der Hippies, des Kiffens, der Lebensexperimente. Endlose Diskussionen, Verbrüderungen in alle Richtungen. Viele suchen nach tiefen Einsichten, manche erhoffen sich umwälzende Erfahrungen. «Die Wüste verändert dich. Wenn einer lange hier gelebt hat, wird sein Blick ein anderer. Der Wüstenbewohner ist ruhig, er ist das Zentrum. Er geht nicht auf die Dinge zu, die Dinge gehen auf ihn zu. Der Anfang der Freiheit.» Die Wüste, so lebensfeindlich wie anziehend, wirft wie kein anderer Ort den Eindringling auf sich zurück, macht ihn klein, und die Sonne brennt dazu heiß und unerbittlich.
Wolfgang Herrndorf dreht eine typische Geschichte noch zwei, drei Wendungen weiter zu einem überraschenden Agentenroman, in dem nichts ist, wie es scheint. Das Meer, die Wüste, die Berge, die Oase, die Nacht – die Schauplätze der Geschichte sind groß und klar gesetzt. Was das Ganze nicht einfacher macht.
«Er erwachte und öffnete die Augen. Der Raum sagte ihm wenig; er war zu tief in das Nicht-Sein verstrickt, aus dem er eben auftauchte. Er war irgendwo – heimgekehrt aus uferlosen Welten, aus dem Nirgends.» Mit dieser Szene eröffnete Paul Bowles in den Fünfziger Jahren seinen großen Roman Himmel über der Wüste. Zwei Amerikaner auf Sinnsuche, die die Leere, Abenteuer und den Tod finden.
Auch wenn sich die neuen Helden vom Bowles’schen Existenzialismus denkbar weit entfernt haben, ähneln die Erzählkoordinaten einander. Herrndorf schickt einen sympathischen Loser in seine ins Schräge vorangetriebene Wüstenwelt: ein Mann ohne Gedächtnis. Er wird von der geheimnisvollen Helen aufgegabelt, die sich um ihn kümmert, aber selbst alles andere als harmlos ist und ihren eigenen Beweggründen folgt. Beide führt der Weg zu der Kommune, die in einer Oase Gemüse anbaut und große Reden schwingt, bis ein brutaler Mord alles verändert. Der Täter raubt dabei einen Koffer mit Geldscheinen – und eine Flucht wie im Film beginnt. In diesem schrillen Spionagestück jagt bald jeder jeden: «Spionage war komplex, ein fast künstlerischer Vorgang, und wie jede Kunst war sie Täuschung und Illusion.»
Herrndorf treibt die Handlung abgründig und rasant bis an alle denkbaren Grenzen. Dabei zerrinnen die Träume buchstäblich im Sand, zurück bleibt ein Ort, unnahbar wie je. Ein Mythos, gerupft.
(Aus: Rowohlt Revue 92, Autor: Werner Irro)