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Wolfgang Büscher: Hartland

© Frank Zauritz; Peter Palm (Karte)

Wolfgang Büscher ist zu Fuß in das Herz Amerikas gewandert. Drei Monate lang, 3500 Kilometer von Nord nach Süd – ab durch die Mitte. Von den schneebedeckten Prärien Norddakotasa über die alte Route 77, durch Kansas und Texas, weiter und immer weiter nach Süden. Bis er über den Rio Bravo nach Mexiko verschwindet … Es ist ein einzigartiges Reiseabenteuer, geschrieben von einem der besten Stilisten der deutschen Sprache. Wer frühere seiner Reisebücher kennt, Berlin – Moskau etwa, Deutschland, eine Reise oder Asiatische Absencen, der kennt diesen ganz speziellen Büscher-Sound – «eine Genauigkeit, die gelegentlich vor Aufladung nur so knistert» (FAZ). «Seit Jahren hat niemand in Deutschland eine solche Prosa geschrieben.» (Werner Herzog)

Wir begleiten den Reisenden, sanft eingehüllt in den Rhythmus seiner reinen, schönen Sprache, an zwei Orte seiner Entdeckungsfahrt durch Amerika: nach Hartland, ins rote Dakota, das Land der Reservate, und ins Paradies, das sich laut Wolfgang Büscher irgendwo in Osttexas befinden muss.

Hartland

«Ich sah mich um. Kein Ort, kein Haus, kein Lebenszeichen. Die schwarze Wand von Kanada her schien verschwunden, aufgelöst, aber das war sie nicht. Sie hatte sich über den ganzen Himmel verteilt. Es begann zu schneien. An asphaltierten Straßen wie dieser lagen gelegentlich Farmen, das war mein einziger Trost. Ich hoffte, auf eine zu stoßen, aber selbst wenn, wußte ich nicht, ob es mir helfen würde. Viele Farmen hier draußen waren aufgegeben oder nur noch Sommerhäuser ihrer alten oder neuen Besitzer und den Winter über unbewohnt.

Ich ging ohne Sorge, ohne Eile. Nichts gleicht dem Frieden, den fallender Schnee übers Gemüt des Wanderers wirft. Peitschender Regen hätte mich aufgebracht und meine Schritte beschleunigt, betäubende Hitze meine Reserven mobilisiert. Wie sanft fiel doch der Schnee, wie leicht wurde mir darin. Im lautlosen Flockengestöber gehen, in einer aufgeschüttelten Schneekugel, ringsum ein Taumeln – alles gleich, oben und unten, nah und fern, nicht mehr auszumachen, wo das Land endete und der Himmel begann. Himmel, wie soll es weitergehen – wohin ? Jetzt war nicht mehr bloß meine Karte sinnlos, jetzt schwand auch die letzte Orientierung. Ich sah und hörte die Welt vor lauter Schneeflocken nicht mehr, ich wurde schneetaub und schneeblind. Wäre eine Farm aufgetaucht, gar nicht weit vom Weg, ich wäre an ihr vorübergegangen, ohne sie zu bemerken, so dicht fiel und wehte der Schnee.

Ein sachter Schwindel erfaßte mich. Als das nächste Avenue-Schild im Gestöber auftauchte, eine unverhoffte Senkrechte in der wirbelnden Welt, ließ ich mich an ihr herabsinken, riß den Rucksack auf, zerrte die Rettungshaut hervor, außen silbern, innen orange, und hüllte mich ganz hinein. Da blieb ich hocken, ein atmendes Silberhäuflein in der großen Gleichgültigkeit, und schneite langsam ein. Um nicht wegzudämmern, summte ich ein Lied, das russische Lied vom Tod. Wald, öde Heide, kein Haus weit und breit. Kamst wohl, mein Bäuerlein, aus der Schenke. Trankst dir ein Räuschlein an, ich denke. Komm, leg ein wenig zur Rast dich nieder, schütt du, Schneesturm, ihm auf das Bette! Auf, rüst ihm sorglich die Ruhestätte.

Autoreninfo

Wolfgang Büscher, geboren 1951, hat für die «Süddeutsche Zeitung», «Geo» sowie die «Neue Zürcher Zeitung» geschrieben und das Ressort Reportage bei...
mehr über den Autor
Das Paradies

«In Corpus Christi sah ich den ersten wilden Pelikan meines Lebens, er schwebte über dem Karibischen Meer – weiße Segel, Palmen, die langgeschwungene Küstenlinie, im Dunst sich verlierend. Alles abwerfen, in die Wellen rennen, wie hatte ich mich danach gesehnt in den Monaten auf der Straße. Ich sah an mir herab. Da war nicht mehr viel abzuwerfen. Ich rechnete. Mein Geld war längst wieder trocken ; wenn ich mich einschränkte, würde es reichen bis zum Rio Grande. Der Pelikan zog seine Bahn. Er flog nach Süden.

Ich hatte das Paradies gesehen, gestern in Osttexas, die alte 77 führte mitten hindurch. Die ersten Menschen, sagt man, lebten in einer warmen Savannenlandschaft. So war es dort. Sanfte Hügel, immer wieder Eichenhaine, ein gesegnetes Land. Bei Tage lag ein milchgrüner Lichtschleier über allem, und wenn es Abend wurde und sich die Konturen klarer und die Farben kräftiger zeigten, trat die Komposition dieses lebenden Landschaftsbildes hervor, und das Blendwerk des Tages löste sich auf in ungezählte Schattierungen von Rot, Gold, Grün.

Ich durchstreifte die Schöpfung in einem frühen Stadium, noch waren Himmel und Erde nicht ganz geschieden, es gab Übergänge. Ein paar Stunden lang durfte ich mir einbilden, der einzige Mensch im Paradies zu sein. Wieder war Amerika leer, aber nicht wie die Prärie, hier war es eine erwartungsvolle, eine an Farben, Schatten und Tieren reiche Leere – die Leere vor der Ankunft des Menschen. Einige Pfade und Hügel hatten schon Namen. Hamanns Road. Henning Hill. Duderstadt Road. Ich lief und lief und kostete es aus, aber als ich auf andere Menschen stieß, war ich doch froh, nicht länger der einzige im Paradies zu sein.»