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Gestatten Sie mir bitte einen kurzen persönlichen Umweg. Es war ein verquerer Tag, nach einer Reihe verquerer Tage, und jetzt sollte ich noch Wolfgang Büschers Asiatische Absencen lesen. Büscher, den kannte ich. Guter Mann. Aber Asien kenne ich nicht, es lag irgendwie nie auf meiner Strecke. Und Absencen? Ich brauchte gerade Präsenzen. Doch es musste sein. Heute würde ich sagen: Es durfte sein.
Die erste Geschichte führte mich durch einen indischen Fiebertraum durch «das hochdosierte Scharfe, Süße, das unbedingt Leibliche, durchdringend Feuchte». Da lag bereits das Verquere meiner Tage hinter mir wie ein lächerlicher Irrtum. Ich war high. In der nächsten Geschichte geraten wir an Bord eines supermodernen, 300 Meter langen Hightech-Tankers mit zwei Millionen Barrel Rohöl auf dem Weg von Dubai nach Singapur – ein unwirkliches Traumschiff, bewirtschaftet von knapp drei Dutzend Menschlein. So stelle ich mir einen Trip vor.
Den Mekong hingegen befährt Büscher mit einem trostlosen Seelenverkäufer bei strömendem Regen und lauscht dabei den Geschichten eines Passagiers, der im menschenleeren Phnom Penh von den Roten Khmer zur Nahrungssuche gezwungen wurde und dabei mit durchgedrehten Schweinen kämpfte. Und es wird endgültig atemberaubend, wenn Büscher uns in der längsten Geschichte seines Buches mit in den Himalaya nimmt, wo Schamanen mit Geistern ringen und der Autor mit dem letzten Rest alteuropäischer Ratio.
Wie soll man so was nennen? Mit Sicherheit nicht: Reiseführer. Man hat gar den Eindruck, Büscher vermeide die allzu präzisen Ortsangaben, als wolle er uns vor dem Irrtum bewahren, dieses Asien, von dem er spricht, auf der Landkarte zu suchen. Es ist zwar real, doch zuvor muss man seinen inneren Kompass neu ausrichten. «Ein indischer Atemzug enthält mehr Religion als ein ganzer deutscher Advent.» Es sind spirituelle Landschaften, von denen wir nur erfahren, wenn wir uns darauf einlassen. Büscher wagt die Zeremonien der Initiation.
Man durfte schon früher sagen: Wolfgang Büscher hat das Genre der Reisereportage neu erfunden – mit seinen Büchern Deutschland, eine Reise (2005) und Berlin–Moskau. Eine Reise zu Fuß (2003). Mit den Asiatischen Absencen beschreitet er auch literarisch neue Pfade.
«Eine eigene Spannung erfasst uns, wenn wir reisen, wenn wir ins Entlegene dringen. Wir schauen und schauen, fahren, fahren und reden kaum mehr. Wir sehen in einer Weise, die das Darüberreden verstummen läßt, mit dem wir uns gewöhnlich behelfen.» Das sagt viel über Büscher, aber wenig über den normalen Fernreisenden unserer Tage. Die Globalisierung hat den Planeten verkleinert, indem sie die Perspektiven verkürzt hat. Wir suchen nicht die Fremde, sondern wir fürchten sie: Überall lauern Gefahren, Barbaren, Krankheiten, und das Schlimmste ist die Fremde selbst. Büscher hingegen macht die Welt wieder groß und weit, eine Welt, in der «Rettung überall lauert». Er sucht die Fremde, geht an die Grenze und darüber hinaus. Das ist vielleicht die kühnste und klügste Weise, sich selbst zu besuchen. Und in unserer Zeit, da der weiße Mann gerne als mürrischer Zivilisationskommissar den Rest der Welt mustert und sich fragt, ob «die» schon so weit sind wie «wir», bietet Büscher eine Schule des Blicks auf das Andere und eine Schule des Respekts.
Die Fremde ist nichts, was wir erobern könnten. Ein christlicher Priester, der mit der Welt der Schamanen bestens vertraut ist und den Büscher im Himalaya trifft, lässt keine Zweifel an der Existenz von Geistern und Dämonen, aber er stellt sich auch die Frage: «Konnte man bei einem fremden Gott zu Gast sein wie in einem fremden Land?» Die Fremde ist eine abenteuerliche Grenze, von wo wir vor allem einen Blick auf uns selbst erheischen. Dahin kommt man nur mit einer feinen Mischung aus Demut und Kühnheit. Nur in dieser Hinsicht sind die «Asiatischen Absencen» ein Trecking-Guide. Doch so weit draußen dürften die wenigsten von uns gewesen sein.
(Aus: Rowohlt Revue 87, Autor: Walter van Rossum)