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Wolfgang Borchert: Das Gesamtwerk

© Rowohlt-Archiv

Von Michael Töteberg*

1 | Ein Mann kommt nach Deutschland. Er war lange weg, der junge Mann, und dies nicht freiwillig. Knapp 20, Schauspieler-Prüfung bestanden, aber nur drei Monate auf der Bühne in der Provinz gestanden, dann eingezogen zum Kriegsdienst und an die russische Front geschickt. Nach Verwundung der Hand Transport in ein Heimatlazarett, wegen des Verdachts auf Selbstverstümmelung vor Gericht gestellt. Freigesprochen, aber in Haft geblieben …:

2 | Die Gestapo hat Briefe gefunden, deren Inhalt als «heimtückischer Angriff auf Staat und Partei» gewertet werden. Urteil: vier Monate Haft, abgewandelt in sechs Wochen verschärfte Haft mit anschließender Frontbewährung. Mit Erfrierungen ersten und zweiten Grades an beiden Füßen, Anfällen von Gelbsucht und Fleckfieber Einlieferung in ein Seuchenlazarett – eingestuft als «frontdienstuntauglich». Eine Goebbels-Parodie in der Kasernenstube bringt ihn erneut ins Gefängnis.

Angeklagt wegen «Zersetzung der Wehrkraft», sitzt er neun Monate in Untersuchungshaft in Berlin-Moabit, wird verurteilt, erhält aber «Strafaufschub zwecks Feindbewährung» und muss wieder an die Front. Sie steht inzwischen im eigenen Land. In Frankfurt/Main steht er im Abwehrkampf gegen die Alliierten Truppen, gerät in französische Gefangenschaft, kann fliehen und schlägt sich zu Fuß in Nachtmärschen nach Hamburg durch, wo er am 10. Mai 1945 völlig entkräftet anlangt. Er will endlich ans Theater, bricht aber zusammen. Seine gesundheitliche Verfassung lässt nicht zu, wieder auf der Bühne zu stehen. Ans Bett gefesselt, schreibt er Kurzgeschichten und ein Theaterstück, die er an Zeitungen und an den Rundfunk schickt.

«Ein Mann kommt nach Deutschland. Er war lange weg, der Mann. Sehr lange. Vielleicht zu lange. Und er kommt ganz anders wieder, als er wegging.» Am 13. Februar 1947 sendet der Nordwestdeutsche Rundfunk (NWDR) das Stück als Hörspiel. Der Autor kann es selbst nicht hören, denn wegen Kohlemangels herrscht in seinem Stadtteil Stromsperre.

Tausend Nächte in der Kälte gewartet ...

3 | «Und nachdem er nun tausend Nächte draußen in der Kälte gewartet hat, kommt er endlich doch noch nach Hause.» Das Hörspiel hatte eine heute kaum noch vorstellbare Resonanz. «Das war ‹unser› Autor», erinnert sich Helmut M. Braem. «Er hatte etwas ausgesprochen, was wir empfanden, aber nicht zu formulieren verstanden. Und wir, die aus dem Krieg heimgekehrten Beckmänner, haben geweint vor dem Lautsprecher eines aus den Trümmern geretteten ‹Volksempfängers›.»

Wie ihm erging es vielen, die Draußen vor der Tür im Radio hörten. Eine Flut von Briefen und Karten traf beim Sender ein. «Ihr Hörspiel hat mich sehr erschüttert, und doch konnte ich nicht weinen.» Ähnlich emotional betroffen und erregt waren alle Reaktionen, auch wenn manche in dem Stück eine Zumutung sahen, vor der man sie doch lieber verschonen möge. «Können Sie sich denn nicht vorstellen, wie diese Hörspiele unsere Seelen aufwühlen, gerade weil sie so grausam wahr sind?»

Fast alle Hörer zwang die Sendung zu Stellungnahmen, die Geständnissen gleichkamen. Ein anonym bleibender «Ostfrontkämpfer» empfahl, «den irrsinnigen Borchert zum Ruhrbergbau zu melden», während andere sich mit dem Schicksal Beckmanns identifizierten: «Als Krückenmann sage ich auf diesem Wege dem Verfasser des Hörspiels meinen besten Dank.» Das Stück wurde bereits im nächsten Monat wiederholt, von anderen Sendern übernommen, zum drittenmal im selben Jahr vom NWDR ausgestrahlt.

«Ein Mann kommt nach Deutschland. Und da erlebt er einen ganz tollen Film. Er muß sich während der Vorstellung mehrmals in den Arm kneifen, denn er weiß nicht, ob er wacht oder träumt.»

Autoreninfo

Geboren am 20.5.1921. Borchert war zunächst Buchhändler und Schauspieler. 1941 wurde er als Soldat an die Ostfront verlegt; zwei Mal wurde er wegen...
mehr über den Autor
Schmales Werk – mächtige Wirkung

4 | Wolfgang Borchert ist noch nicht 26, aber plötzlich ein gefragter und umworbener Autor, um den sich Verlage und Zeitschriften bemühen. Verwundert beobachtet er das «augenblickliche Konjunktur-Theater, das meinetwegen veranstaltet wird», den «Borchert-Rummel». Die Hörspielsendung im Februar 1947 wurde sein literarischer Durchbruch, kurz darauf suchte Ernst Rowohlt ihn auf und nahm das Werk des Autors unter Vertrag. Ein knappes Jahr war vergangen, seit er sein erstes Prosastück Die Hundeblume schrieb, in dem er seine Zeit im Gefängnis Moabit verarbeitete. (…)

Mit einem schmalen Werk – zwei Dutzend Kurzgeschichten, eine Handvoll Gedichte und das Theaterstück Draußen vor der Tür – wurde Wolfgang Borchert zur wichtigsten Stimme der deutschen Nachkriegsliteratur. Zwei Jahre blieben ihm nur zum Schreiben. Sein literarisches Werk musste er sich zwischen Fieberattacken und körperlichen Zusammenbrüchen abringen. (…)

In Basel übermannte ihn die Verzweiflung: Sein Zustand verschlechterte sich, neue literarische Texte entstanden nicht, nur ein eindrucksvoller Appell, geschrieben als Prolog zu einem Hörspiel von Axel Eggebrecht, der als Vermächtnis des Autors gilt: «Dann gibt es nur eins: Sag nein!» (…) Einen Tag vor der Uraufführung (von Draußen vor der Tür an den Hamburger Kammerspielen, d. R.), am 20. November um 9.00 Uhr morgens, starb Wolfgang Borchert im St. Clara-Spital zu Basel …»

*Auszug aus dem Nachwort der von Michael Töteberg editierten und kommentierten Neuausgabe des Gesamtwerks von Wolfgang Borchert (jetzt neu im Taschenbuch).