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Wolf Schneider/Paul-Josef Raue: Das neue Handbuch des Journalismus und Online-Journalismus

In Zeiten von Online, Blog und Twitter sind die Kommunikationsformen ziemlich unübersichtlich geworden. Und doch: «Was ein guter, starker Satz ist – das hat sich in tausend Jahren nicht geändert. Das gilt für die Bibel, das gilt für den Blog, den Zeitungsartikel wie den Geschäftsbericht.» Was Wolf Schneider und Paul-Josef Raue hier vorlegen, ist keine bloße Überarbeitung ihres bewährten Journalismus-Handbuchs. Das neue Handbuch des Journalismus und Online-Journalismus ist in vielem ein völlig neues Buch: «Ein neuer Anlauf – gestützt natürlich auf das Altbewährte: saubere Sprache, gründliche Recherche und den klaren Wunsch, durch den Dschungel der Milliarden Bytes eine Schneise der Information zu schlagen.»

Dies ist ein Buch, das alle lesen sollten, die professionell schreiben oder Geschriebenes redigieren. Ein Buch, das es verdient, immer wieder gelesen zu werden – wie schnell man nolens volens zum Sprachverhunzer wird, weiß jeder, der mit der Materie zu tun hat Die ideale Orientierung für Berufseinsteiger, ein Frischebad für alte Hasen. Dafür stehen die Autoren Wolf Schneider und Paul-Josef Raue.

Recherechieren, schreiben, redigieren

Wolf Schneider, als «Lehrmeister der guten Sprache» (FAZ) und «Seniorchef der deutschen Sprachkultur» (Der Spiegel) gerühmt und von Zwiebelfischer Bastian Sick gar zum «Sprachpapst» nobilitiert, hat nicht nur Generationen angehender Journalisten im Umgang mit ihrem vornehmsten Arbeitsmittel geschult: einem «anschaulichen, saftigen, eleganten Deutsch».. Paul-Josef Raue arbeitet seit drei Jahrzehnten als Chefredakteur renommierter Regionalzeitungen; im Januar 1990 gründete er mit der Eisenacher Presse die erste deutsch-deutsche Zeitung und baute mit Gabriele Fischer das Wirtschatsmagazin Econy (heute: brand eins) auf.

Was dieses Buch will: «Wir wollen Orientierung bieten: jungen Menschen, die erwägen, Journalist zu werden, aber von diesem Beruf noch keine realistische Vorstellung besitzen; angehenden Journalisten, die dabei sind, dieses großartige und schwierige Handwerk zu erlernen; und ebenso gestandenen Redakteuren, wenn sie den Wunsch haben, sich zu vervollkommnen oder über die Fallstricke und Tücken ihrer Tätigkeit noch einmal nachzudenken. (…) Mit einer Handreichung also wollen wir's versuchen: für alle, die diesen immer noch großartigen Beruf ergreifen – oder, obwohl längst im Geschirr, mal frisch über ihn nachdenken wollen.»

Inline, online

«Alle jungen Menschen und weit über die Hälfte der Älteren sind online. (…) Das Internet ist im engeren Sinne kein Medium, sondern ein Vertriebsweg. Es hat keine Moral, ist weder gut noch schlecht; es transportiert alles, ohne Ansehen von Person und Sinn.» Tatsache ist: Das Internet liefert Texte und Bilder von Orten, an die professionelle Journalisten nicht oder erst viel später reisen würden.

Wie jede Revolution wirbelt auch das Internet vieles wild durcheinander. Das Leben und den Alltag der Menschen; die Demokratien; die Wahrheit; die Mächtigen; die Mediennutzung; die Märkte; die Verlage; die Redaktionen; den Journalismus. Vieles ändert sich einschneidend, manches bleibt: weil auch im Netz die Qualität stimmen muss. Ohne Teaser kein guter Artikel (siehe Seite 30: die Textstandards von Spiegel Online); ohne saubere Recherche Informationswildwuchs. Nur große Online-Redaktionen können sich das ganze Füllhorn von Funktionen leisten: Chefredakteur und Chefs vom Dienst, Tickerredakteure, Gegenleser, Fachredakteure, Super-Producer (sie kümmern sich um die «Assets», also Videos, Fotostrecken und Grafiken). Es gibt Geschäftsmodelle, die das Prinzip «Online First» strikt umsetzen; eines wird bei der in Interlaken erscheinenden «Jungfrau Zeitung» erfolgreich erprobt. Zehn Redakteure schreiben nur fürs Internet, zweimal pro Woche erscheinen die wichtigsten Nachrichten dann gedruckt in der Abozeitung.

Natürlich gibt es Rivalitäten und Grabenkämpfe zwischen Redakteuren der «Holzmedien» (Print: Zeitungen, Zeitschriften) und den Onlinern. Es gibt jede Menge entlarvender Einlassungen, die das illustrieren. So berichtet der stets laut- und meinungsstarke Henryk M. Broder von seiner bahnbrechenden Entdeckung, das Internet sei «voller Loser, Bruchpiloten und Halb-Analphabeten».

«Gelesen zu werden ist die Kunst aller Künste»

Wie heißt es so schön: Write German! Nothing beats it … «Deutsch», so Wolf Schneider, «ist eine der tiefsten, ausdrucksstärksten Sprachen auf Erden. Deutsch ist die Sprache des Protestantismus, des Marxismus und der Psychoanalyse.» Einzigartig: das Arsenal an Komposita. Katzenjammer, Weltschmerz, Schadenfreude, Fingerspitzengefühl, Götterdämmerung. Viele von ihnen – siehe the schweinehund, the heldentenor, the zeitgeist oder the überlebenskampf – bereichern längst andere Kultursprachen. Seit der Duden in Grammatik und Stilistik sich jeder Normierung verweigert, indem er Sprache abbildet und nicht mehr vorschreibt, ist eine Abwärtsspirale in Gang gesetzt, wie Die Zeit pointiert festhält: «Wenn etwas nur lange genug unkorrekt gebraucht wird, ist unsere große Hure Duden zur Stelle und kassiert es als korrekt.»

Schneider/Raue belegen an vielen Beispielen, was gutes Deutsch und was schlechtes (oder falsches) ist. Das beginnt mit dem Problemfall Genitiv und endet noch längst nicht mit der Rettung des Konjunktivs («Und wenn es draußen auch wie aus Kübeln gösse und nur ein kleines Flämmchen Restvernunft noch glömme – lasset uns ins Freie strömen und danksagen»). Noch immer ist es ein kommunikaives Unding, einen Hauptsatz durch Endloseinschübe zu zerreißen (Seite 53: Beispiele aus dem Kölner Stadt-Anzeiger und der Badischen Zeitung mit Einschüben von 29 bzw. 34 Wörtern). Besonders lehrreich ist das Lexikon unbrauchbarer Wörter: Hohl- und Blähwörter (wie auseinanderdividieren), alberne Modewörter (wie andenken, generieren, proaktiv, zeitnah), Bürokratenklischees (beinhalten, statt: enthalten) usw.

Wir lernen, wie eine Nachricht auszusehen hat (die berühmten 6 W's), was ein Feature von einer Reportage, einer Kolumne, einem Porträt unterscheidet, wie Presseagenturen arbeiten, weshalb Newsdesks sinnvolle Einrichtungen sein können. Wir erfahren, wie wichtig starke Vorspänne sind. Zwei Beispiele, das erste aus dem SZ-Magazin, das zweite aus P.M. «Neben dem Papst gilt heute nur noch der Computer als unfehlbar. Papst mal beiseite – Computer machen Fehler.» – «Es hat 15 Jahre gedauert, dem Geheimnis der ägyptischen Schriftzeichen afu die Spur zu kommen. Hier erfahren Sie in 15 Minuten, wie das geschah. Anschließend können Sie in 15 Sekunden eine Hieroglypheninschrift entrziffern.»