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Wolf Schneider: Gewönne doch der Konjunktiv

© Privat (Autorenfoto)

Und wenn es draußen auch aus wie aus Kübeln gösse und nur ein kleines Flämmchen Restvernunft noch glömme – lasset uns ins Freie strömen und danksagen, dass es eine sprachliche Finesse wie den Konjunktiv gibt! Wolf Schneider, «Deutschlands bester Deutschlehrer» (WamS), von Zwiebelfischer Bastian Sick gar zum «Sprachpapst» nobilitiert, macht sich in 66 kunstvoll komponierten Glossen für den Konjunktiv stark, mokiert sich über metaphorischen Extremnonsense, zerfleddert Groteskes im Beamten-, Marketing-, Politiker und Wissenschaftsdeutsch – und erklärt ganz nebenbei, mit wie wenig Sprachtamtam man gutes Deutsch schreiben (und sprechen) kann.

Amüsante kleine Deutschstunden ...

Als «Seniorchef der deutschen Sprachkultur» (Der Spiegel) hat Wolf Schneider nicht nur Generationen angehender Journalisten im Umgang mit ihrem vornehmsten Arbeitsmittel geschult, sondern auch einem breiten Publikum Lust auf «anschauliches, saftiges, elegantes Deutsch» gemacht. Wie man es von seinem Bestseller Speak German! kennt, wirft Schneider sich auch hier mit heiligem Zorn auf die breite Allianz der Sprachverhunzer, insbesondere jene Spezies, die uns noch die überflüssigsten Anglizismen als der Moderne letzten Schrei andrehen möchten.

Zum Einlesen und Lust-auf-mehr-Kriegen zitieren wir hier aus einigen der 66 Sprachminiaturen.

... intelligent portioniert ...

Konjunktiv der Unwirklichkeit (Irrealis). Ja, auch jüngere Leute können Sätze wie diesen noch verstehen: «Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?» (Matthäus 16, 26). Aber sie mögen es nicht mehr, und wenn ein lebender Mensch mit «hülfe» und «gewönne» vor sie hinträte, würden sie ihn auslachen. Schriftsteller und Journalisten, Pfarrer und Werbetexter – wer immer sein Publikum gewinnen will, muss wohl in Rechnung stellen, dass die schönen alten Formen … auf die meisten Adressaten archaisch wirken.

Bilder & Metaphern. Der gern unterschätzte Rhetor Helmut Kohl machte auch zwischen seinen Bildern eine starke Figur. Zu Weihnachten sprach er: «Die Menschen wollen Wärme sehen» (als ob nicht mancher sie lieber hören würde!), und in die Annalen der unfreiwilligen Komik schrieb er sich ein mit dem Satz: «Entscheidend ist, was hinten rauskommt.» Dass auch darüber gelacht wurde, ist insofern tragisch, als es an der Wahrheit dieses Kohl’schen Ausspruchs eigentlich nichts zu rütteln gibt.

Durchfeminisierte Sprache. Gut, da haben sich also in Basel «Fasnächtlerinnen und Fasnächtler» amüsiert, und in Wien fand ein Treffen von Oberösterreicherinnen und Oberösterreichern und Niederösterreicherinnen und Niederösterreichern statt. Aber wollen wir ernstlich von Finninnen und Finnen lesen, von Bosniakinnen und Bosniaken, von Neheim-Hüsterinnen und Neheim-Hüsterern?
Und wer soll einen Text ertragen wie den eines österreichischen Gesetzesentwurfes: «Der Studiendekan/die Studiendekanin hat den/die Universitäts/Hochschullehrer/in, der/die den/die Verfasser/in einer Dissertation betreut hat, jeweils zu einem/r Beurteiler/in zu bestellen.»

... und mit Witz und Verve zelebriert

Akademische Oberschwanzdeckfedern. Dass die menschliche Sprache der Verständigung diene, war schon immer eine stark übertriebene Behauptung. Von jeher ist sie in viel höherem Grade das Vehikel des Geschwätzes («Da sag ich doch zu ihm: Mein Gott!, sag ich»), des magischen Rituals in Gebet, Beschwörung, Aberglauben und der Manipulation durch politische, kommerzielle und pivate Propaganda. Zieht man noch die traurige Rolle der Lüge, des Befehls und der Beschimpfung ab, so blieb für den Wunsch, eine Mitteilung zu machen, immer nur ein bescheidener Teil unseres Wortaufkommens übrig.


Unternehmerische Hohlprosa. Die Sprache von Politikern und Journalisten gerät in relative Nähe zum Nobelpreis für Literatur, wenn man sie an einigen der scheußlichsten Hervorbringungen misst, die durch den deutschen Sprachraum geistern: dem Schriftverkehr in großen Unternehmen. (…) Warum schreiben Angestellte so? Warum nerven sie Vorgesetzte und Kollegen mit «plattformbezogenen ‚Serviceleistungen» und «transaktionsorientierter Kundenzufriedenheit»? Warum agieren sie «im Rahmen der Nachweisführung für die Implementierung des Produkthaftungsgesetzes»? (…) Wenn sie noch Käse redeten! Aber glücklich sind sie erst, wenn sie nur noch die Löcher liefern.